Jerusalem. Die merkwürdige Anschlagsserie, die Jerusalem seit einiger Zeit erlebt, erinnert an Amok-Taten. Die Täter entsprechen keinem typischen Terroristenprofil. Es waren meist palästinensische Arbeiter aus dem Ostteil der Stadt, die weder mit Religion noch mit Politik viel am Hut hatten.
Mal war es, wie im März, ein Schulbusfahrer, der sich auf dem Schwarzmarkt eine Schusswaffe besorgt hatte und damit ein Massaker mit acht Toten in dem jüdischen Religionsseminar Merkas HaRav anrichtete. Am 2. Juli dann rammte ein Baggerführer auf einer Hauptverkehrstraße sämtliche Fahrzeuge, die er vor die Schaufel kriegen konnte. Drei Israelis starben. Neun Tage später tat es ihm ein Kollege von einer anderen Baustelle nach. Zweimal erschossen außerdem Unbekannte Grenzpolizisten; den einen an einem Checkpoint im Norden Jerusalems, den anderen am Löwentor der Altstadt.
Schon munkelt man, die nächste Intifada (Aufstand) finde in Jerusalem statt. Zumindest ist die Häufung individuell begangener Attentate ein Symptom für steigende Spannungen. Und das in einer Stadt, die offiziell vereint, aber von ethnischen Teilungslinien durchzogen ist. Das Ganze verschärft sich noch dadurch, so Menachim Klein von der Bar-Ilan-Universität, "dass Armut und Kriminalität im Ostteil wachsen". Eine unmittelbare Folge der teils neun Meter hohen Mauer, die das arabische Jerusalem von seinem Hinterland abschneidet.
So sehr man in West-Jerusalem auf den "Anti-Terror-Wall" schwört - Ost-Jerusalem verkümmert in dessen Schatten. Immer größer werdende jüdische Siedlungen dehnen sich derweil zwischen den arabischen Vierteln aus. Tausende neue Wohneinheiten wurden seit November, dem Beginn des Annapolis-Prozesses, von der Regierung genehmigt. "Die Palästinenser finden sich eingequetscht zwischen Mauer und Siedlern wieder", sagt Klein. "Das erzeugt enormen Druck im Kessel." Eine brisante Lage. Umso mehr, als Juden und Araber in Jerusalem oft nur eine Straßenseite trennt.
Unter beiden Bevölkerungen machen Radikale zusätzlich böse Stimmung. Nicht nur Islamisten von der Hamas hetzen. In West-Jerusalem etwa tauchten jüngst Plakate auf, die offenbar rechtsradikale Kahane-Anhänger verfasst hatten: "Gebt ihnen" - gemeint sind die Palästinenser - "keine Gewehre, gebt ihnen keine Bulldozer, gebt ihnen keine Jobs."
Israels Regierung fällt derweil nichts Besseres ein, als populistisch auf Abschreckung zu setzen: Häuserzerstörung, Entzug von Sozialrechten sowie kollektive Ausweisung von Angehörigen der Attentäter. "Alles Methoden, die eins gemeinsam haben", kontert Uri Avnery, der alte Vordenker der israelischen Friedensbewegung: "Man hat sie schon in der Vergangenheit probiert, ohne dass es was gebracht hat." Abgesehen von neu geschürtem Hass.
Ohnehin hätte die Aussicht, ihre Familien müssten ihre Häuser räumen, die beiden Bagger-Attentäter vermutlich kaum abgeschreckt. Die Häuser, in denen sie lebten, sind schon seit länger von Abriss bedroht. Wie viele Palästinenser in Jerusalem hatten auch die Eltern von Hussam Dwayat (30), dem ersten Bulldozer-Attentäter, ihr Haus in den siebziger Jahren im Vorort Sur Baher ohne Genehmigung gebaut.
So etwas ist weit verbreitet, da Israel nur in Ausnahmefällen Baulizenzen in den arabischen Stadtgebieten erteilt. Das gehört zur Politik, den palästinensischen Bevölkerungsanteil zu begrenzen. Der liegt derzeit bei etwa 34 Prozent der Stadtbewohner. Jeder dritte der über 750 000 Jerusalemer ist Palästinenser. Tendenz steigend. Die israelische Stadtverwaltung sieht das mit Sorge, zumal auf westlicher Seite mehr weg- als zuziehen.
Besagte Familie Dwayat jedenfalls zahlte seit Jahren Strafgebühren für ihr "illegal" errichtetes Haus. Eine Summe, die sich umgerechnet auf einige zehntausend Euro beläuft; hinzu gesellten sich Anwalts- und Gerichtskosten. Aus dem Haus wird sie wahrscheinlich so oder so müssen, da sie das Geld nicht mehr aufbringen kann. Die Eltern sind schwer krank, der eine Sohn kam bei dem Attentat um, der andere verlor seinen Job als Taxifahrer. Sein israelischer Arbeitgeber hat ihn gefeuert, um sich von Kunden nicht vorhalten zu lassen, er beschäftige den Bruder eines Terroristen.
Israels Premier Ehud Olmert vertritt inzwischen die Meinung, der Ethno-Mix in Jerusalem sei geradezu ein Rezept für Gewalt. "Wer glaubt, man kann mit 270000 Arabern in Jerusalem zusammen leben, sollte weitere Attacken mit Bulldozern, Lastwagen oder dergleichen einbeziehen", provozierte er jüngst die Knesset-Mitglieder im Verteidigungsausschuss. Sein Vize und Vertrauter Haim Ramon rückte bereits nach dem ersten Baggerangriff mit der Idee raus, am besten, man grenze ganz Sur Baher, den Herkunftsort des Attentäters, aus.
Das allerdings hätte erhebliche Konsequenzen. Zum einen müsste Israel die Mauer verlegen, zum anderen der Palästinenser-Führung in Ramallah erlauben, sich um Sur Baher oder auch Viertel zu kümmern. Bislang darf die keinen Fuß nach Jerusalem setzen. Auch deshalb gehört die Jerusalem-Frage auf den Verhandlungstisch. Nur, dazu ist die israelische Mehrheit noch nicht bereit.
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