Als am frühen Freitagmorgen der Regierungs-Airbus mit dem türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan im Anflug auf den Istanbuler Atatürk-Airport war, eilte nicht nur Oberbürgermeister Kadir Topbas zum Flughafen, um seinem Parteichef die Aufwartung zu machen. Der Stadtvater hatte auch Order gegeben, den U-Bahnverkehr bis tief in die Nacht zu verlängern. Die Fahrt zum Flughafen war kostenlos. So kamen 5000 Menschen zum Terminal, um Erdogan zu empfangen, und riefen: "Willkommen, Eroberer von Davos!".
In dem Schweizer Luftkurort hatte der Premier wenige Stunden zuvor für einen Eklat gesorgt, als er beim Weltwirtschaftsforum eine Diskussionsrunde zum Nahostkonflikt abrupt verließ. Nachdem der israelische Präsident Schimon Peres mit hitzigen Worten den Krieg Israels im Gazastreifen verteidigt hatte, wollte Erdogan antworten, wurde aber vom Moderator mit dem Hinweis unterbrochen, die Zeit sei abgelaufen. Peres habe 25 Minuten reden dürfen, er nur zwölf, rechnete Erdogan dem Diskussionsleiter vor. Doch der bestand auf dem Ende der Debatte. Daraufhin stürmte Erdogan mit den Worten: "Ich komme nicht mehr nach Davos, wenn man mich hier nicht reden lässt", vom Podium. Zuvor hatte er Peres zugerufen: "Sie verstehen sich aufs Töten, Sie wissen, wie man Kinder auf den Stränden tötet".
Unter den türkischen Juden wächst die Furcht vor einem Erstarken des Antisemitismus. Etwa 24 000 Türken sind jüdischen Glaubens. Es sind überwiegend Nachfahren sephardischer Juden, die vor mehr als 500 Jahren vor der Inquisition aus Spanien flohen und im Osmanenreich Aufnahme fanden.
In der 1923 gegründeten Republik bekamen auch die Juden, wie andere Minderheiten, den Assimilationsdruck des Nationalismus zu spüren. 1942 wurde eine "Reichensteuer" für Nichtmuslime eingeführt; sie traf vor allem die Juden. Dennoch suchten während der Nazi-Diktatur Tausende europäische Juden Zuflucht in der Türkei. Viele blieben nach Kriegsende, weil sie sich hier sicherer fühlten als im ständig von Krieg und Terror bedrohten Israel.
Zwar verbindet die Türkei und Israel seit zwölf Jahren eine enge militärische Zusammenarbeit, aber die politischen Beziehungen sind seit dem Wahlsieg von Erdogans islamisch-konservativer AK-Partei vor sechs Jahren zunehmend angespannt.
Schon 2004 hatte Erdogan Israel vorgeworfen, es übe "Staatsterror" gegenüber den Palästinensern und fördere damit den Antisemitismus. Jetzt nannte er den Gaza-Krieg ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Demonstrationen gegen Israel waren in der Türkei in den vergangenen Wochen an der Tagesordnung - mit Spruchbändern wie "Jetzt verstehen wir Hitler".
Das American Jewish Committee kritisierte am Freitag, Erdogan habe in Davos "Benzin ins Feuer des Antisemitismus gegossen". Lob bekam der türkische Premier von der radikal-islamischen Hamas. Aber es gibt auch in der Türkei kritische Stimmen zum Auftritt Erdogans in Davos. Ein Kolumnist der Zeitung Hürriyet schrieb, nun habe die ganze Welt gesehen, dass die Türkei einen Ministerpräsidenten habe, "der sich nicht beherrschen kann".
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