Jerusalem. Israelische Militärs klingen vollmundig wie selten. Man habe es nicht nur auf die Terroristen sondern auf die gesamte Hamas-Regierung abgesehen, unterrichtete Vize-Generalstabschef Dan Harel am Montag die Vorsteher jener Kommunen, die sich in Reichweite palästinensischer Raketen aus Gaza befinden. "Das Schlimmste liegt nicht hinter, sondern noch vor uns." Am Ende der Operation "Gegossenes Blei", prophezeite Harel, werde kein Gebäude der Islamisten mehr stehen.
Bei vielen Israelis kommen solche Worte gut an. Man möchte mit der Hamas ein für alle mal aufräumen. Dafür ist man bereit, auch längere Aufenthalte in ungemütlichen Schutzräumen zu verbringen. Geschätzt wird, dass die ersten israelischen Angriffswellen die mittlere Kommandoebene der Hamas ausgeschaltet haben. Mindestens die Hälfte der in Gaza installierten Abschussrampen soll zerstört sein.
Am Ende ist die Hamas jedoch noch nicht, wie sie am Montag mit Dutzenden abgefeuerten Raketen demonstrierte. Allein neun trafen am Morgen die Hafenstadt Aschkelon, die von Gaza 18 Kilometer entfernt liegt. Eine schlug in einer Baustelle ein, auf der arabische Israelis arbeiteten. Ein Beduine starb, zehn andere wurden teils schwer verletzt. Auch in Gaza ging das Sterben weiter.
Fünf israelische Bomben verwandelten die Islamische Universität in ein Trümmerfeld. Sie galt als Prestigeobjekt der Hamas. Nach israelischer Erkenntnis dienten die Labore dort der Fertigung von Munition und Explosivstoffen. Ein Verdacht, der sich bereits vor dem Islamisten-Putsch im Juni 2007 erhärtet hatte, als Sicherheitsdienste der Fatah dort bei einer Razzia auf Waffenverstecke der Hamas gestoßen waren.
Weiteres israelisches Bombardement zielte auf ein Gästehaus und andere Einrichtungen der Hamas, meist in dicht bewohnten Wohngebieten. Im Flüchtlingslager Dschabalja starben fünf Töchter einer Familie, die jüngste vier Jahre alt. Blutiger Beweis, dass es in einem übervölkerten Küstenstreifen wie Gaza keine "chirurgisch sauberen Militäreingriffe" gibt.
Auch in der Nacht zum Dienstag setzte die israelische Luftwaffe ihre Angriffe auf den Gazastreifen fort. Der israelische Rundfunk meldete, es seien mehrere Regierungsgebäude der radikal-islamischen Hamas-Organisation angegriffen worden. Nach palästinensischen Angaben wurden zehn Menschen getötet und rund 40 Menschen verletzt.
Damit stieg palästinensischen Angaben zufolge die Gesamtzahl der Toten seit Beginn der Offensive auf 364. Unter den Todesopfern sind den Vereinten Nationen zufolge 62 Zivilpersonen. Rund 1400 Menschen erlitten Verletzungen.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte einen sofortigen Waffenstillstand und rief die internationale Gemeinschaft zu entschiedenem Handeln auf, um den Konflikt zwischen Israel und der Hamas zu beenden.
Nun wächst der Druck auf Ägypten und die moderate palästinensische Führung in Ramallah. Sie hatten zunächst ein gewisses Verständnis für Israels Vorgehen gezeigt, sich dafür aber den Zorn bei Protesten in der arabischen Welt eingefangen. Auch wenn Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas eine Schwächung der Hamas-Rivalen mehr als recht ist, am Montag geißelte er die "israelische Aggression". Nach syrischem Vorbild ließ er weitere Friedensgespräche absagen.
Israel indes nimmt es als unvermeidlichen Kollateralschaden, dass auch Kinder und Frauen unter den Opfern sind. So sehr man alle Anstrengungen unternehme, nur die Hamas zu treffen, so Außenministerin Zipi Livni, "bezahlen leider auch Zivilisten den Preis".
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab der Hamas die alleinige Schuld an der Eskalation. "Die Bundeskanzlerin legt Wert darauf, dass bei der Beurteilung der Situation im Nahen Osten Ursache und Wirkung nicht vertauscht werden oder Ursache und Wirkung nicht in Vergessenheit geraten", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin.
Was die israelische Regierung erreichen will, schien am dritten Tag der Offensive unklarer als zu Beginn. Zwar heißt es, das Jerusalemer Außenamt arbeite an einer "Exit-Strategie", womit diplomatische Szenarien gemeint sind, um den Krieg zu beenden. Aber eilig scheint man es nicht zu haben.
Verteidigungsminister Ehud Barak schließt eine Verhandlungslösung derzeit aus. Israel führe gegen die Hamas "Krieg bis zum bitteren Ende". Skepsis ist geboten, ob tatsächlich eine Bodenoffensive beabsichtigt ist. Das Grenzland zu Gaza wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Dass die Panzer dort stehen, könnte allerdings Teil der psychologischen Kriegsführung sein. Ein städtischer Guerillakampf, wie er in Gaza droht, brächte mutmaßlich herbe Verluste für die Israelis und die Verantwortung als Okkupationsmacht für 1,5 Millionen Palästinenser.
Auch Innenminister Meir Schitrit lehnt eine Waffenruhe mit der Hamas ab, solange die Gefahr von Raketenangriffen aus dem Gazastreifen nicht gebannt ist. "Es gibt keinen Raum für eine Waffenruhe", sagte er am vierten Tag der israelischen Luftangriffe im Hörfunk. Die Regierung sei entschlossen, den Raketenbeschuss im Süden des Landes zu stoppen.
Daher dürfe die Armee ihren Einsatz nicht beenden, bevor der Wille der radikal-islamischen Hamas zur Fortsetzung der Raketenangriffe gebrochen sei. Vizeverteidigungsminister Matan Vilnai sagte, die Armee sei darauf vorbereitet, notfalls mehrere Wochen zu kämpfen. (mit dpa)
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