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25. Juli 2014

Nahost-Konflikt: Verweigerte Feindschaft

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Ein israelischer Linksaktivist demonstriert in Jerusalem gegen die Militäroffensive im Gazastreifen.  Foto: AFP

Israels kleinem Friedenslager gehen die Ideen nicht aus, trotz Einschüchterungen und Attacken. Jeden Freitag fahren die Demonstranten mit ihrem Bus von Jesrusalem an die Gaza-Grenze.

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JERUSALEM –  

Ihren Bus haben sie mit Rosen besteckt und mit Papierblumen beklebt. Vitali Markov und seine Freunde setzen im Krieg, den Israel und die Hamas inzwischen seit 18 Tagen gegen-einander führen, auf „Flower-power“. Einmal pro Woche, so auch an diesem Freitag, fahren sie in ihrem „Peace-Bus“ von Jerusalem aus runter an die Gaza-Grenze, nach Sederot und andere Gemeinden im Negev. Mit von der Partie: ein israelischer Liedermacher und mehrere Künstler, die auf diesem Wege für „Solidarität und Dialog“ werben wollen. Es ist eine kleine bunte Truppe, die sich Großes vorgenommen hat. „Wir werden unsere Reisen so lange fortsetzen “, sagt Markov, ein Student jüdisch-deutscher Geschichte an der Hebräischen Universität, „bis es einen wirklichen Frieden gibt.“

Die Idee dazu hat ihnen ein Film über Abie Nathan geliefert: ein legendärer, inzwischen verstorbener Kampfpilot, der 1973, im Jahr des Jom-Kippur-Krieges, mit Hilfe von John Lennon ein Schiff mietete, um von hoher See über den Piratensender „The Voice of Peace“ neben guter Pop-Musik Friedensbotschaften an Israelis und Ägypter auszustrahlen. Der „Friedensbus“ ist ein weit bescheideneres Projekt. Unterstützt wird es von der israelisch-palästinensischen Organisation „Combatants for Peace“ und dem Elternzirkel, einem Forum, in dem sich Angehörige von Opfern auf beiden Seiten zusammengefunden haben.

Sie sind nicht die einzigen, die in diesen Tagen in Israel gegen den Gaza-Krieg protestieren. Viele Friedensgruppen kämpfen um Gehör. Auch die „Frauen in Schwarz“, die sich bereits seit 28 Jahren jeden Freitag zu einer „Mahnwache gegen die Besatzung“ am Jerusalemer Paris-Platz einfinden, haben Schilder aufgestellt. Auf ihnen steht: „Stoppt das Töten“.

„Die Militäreskalation hat uns neuen Zulauf beschert“, sagt Tamy Lehahn von den „Frauen in Schwarz“. Aber ebenso gebe es „eine gewisse Angst“, sich als Kriegsgegner zu bekennen. Der Grund dafür ist eine Versammlung von Nationalrechten vis-à-vis, „die uns“, so Lehahn, „in ziemlich unflätiger Weise von unserem Stammplatz zu verdrängen versuchen“.

Israelische Araber und israelische Linksaktivisten protestieren gemeinsam in Haifa.  Foto: AFP

Rabiater noch verliefen linke Kriegsproteste in Tel Aviv. Dort organisierten Gusch Schalom, der Friedensblock und Bürgerrechtsgruppen eine Kundgebung auf dem Habima-Platz am Rothschild-Boulevard, wo vor drei Jahren noch die Zeltproteste Hoffnung auf eine neue überparteiliche soziale Bewegung geweckt hatten. Doch die Friedensbewegten wurden jetzt von Anhängern der Militäroffensive mit Eiern beworfen und übel zusammengeschlagen. Deren Held ist der rechte Rapper Joav Eliasi – Künstlername: „der Schatten“ –, der über Facebook die „Schattenbrüder“ zu Attacken gegen die Linken aufgerufen hatte.

Ein derart aggressives politisches Klima wie zur Zeit habe er noch nie erlebt, meint Jehuda Schaul von der kritischen Reservistenorganisation „Breaking the Silence“. Nur dank starkem Polizeischutz konnte sie vorige Woche eine Straßenveranstaltung ausrichten. Dabei lasen ehemalige Soldaten Zeugnisse früherer Einsätze in Gaza vor. „Wir wollten auf diese Weise die Leute daran erinnern, dass die jetzige Eskalation nur im Kontext zu verstehen ist“, sagt Schaul. „Trotz des israelischen Rückzugs aus Gaza 2005 sind die Blockade und ebenso die militärischen Vorstöße in den Gazastreifen doch die ganze Zeit weitergegangen.“ Rechte Störer hätten darauf, so Schaul, „mit Hass in den Augen reagiert“. Diesmal ließ die Polizei ihnen keine Chance. Aber in Jaffa und Haifa gab es bei Anti-Kriegs-Demonstrationen bereits heftige, gewalttätige Zusammenstöße zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

„Ganz klar“, konstatiert Schaul nüchtern, „das Friedenslager ist in Israel in der Minderheit“ – aber es ist einfallsreich. Eine neue Facebook-Kampagne hat Abraham Gutman initiert, ein Israeli, der derzeit in New York studiert. Er veröffentlichte im Internet ein Selfie, auf dem er seine syrische Freundin Dania Darwish küsst. Inzwischen gibt es eine Reihe Nachahmer unter gemischten Paaren. Slogan: „Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein.“

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