Die ägyptische Armee hat begonnen, Panzer von der Sinai-Halbinsel abzuziehen. Damit – so heißt es – reagiert Kairo auf Forderungen der israelischen Regierung. Laut Friedensvertrag ist der Sinai eine weitgehend entmilitarisierte Zone. Nach dem blutigen Anschlag Anfang August, bei dem 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden, gab Tel Aviv jedoch grünes Licht: Kairo schickte Truppen und bombardierte Stellungen mutmaßlicher Terroristen auch aus der Luft.
Aktivisten auf dem Sinai berichteten, dass die Brutalität des Einsatzes die Methoden der Regierung unter Husni Mubarak sogar noch übertroffen hätte. Sie warnten davor, dass die neue Regierung auf diese Art die Fehler der Alten wiederhole und der Kreislauf aus Terroranschlägen, Repression, Ungerechtigkeit und neuen, noch blutigeren Anschlägen wiederbelebt werde.
Seit drei Wochen ist die „Operation Adler“ deutlich heruntergefahren worden. Das liegt unter anderem an einer neuen Strategie der Regierung von Mohammed Mursi. Mehrere Mitglieder des aufgelösten Parlaments sind auf den Sinai gereist, um mit Stammesführern und Militanten zu beraten. Nizar Ghorab leitete die Mission.
Nizar Ghorab ist ein Terror-Experte der besonderen Art: Er führt die „Entwicklungs- und Aufbau-Partei“, den politischen Arm der Gamaat al Islamiyya, einer ehemals militanten Gruppe. Der regierungsnahen Zeitung Al Ahram erklärte er den Hintergrund seiner Sinai-Mission: „Wir haben mit diesen Männern im Gefängnis gesessen und wir haben Hochachtung füreinander. Das erlaubt uns, mit ihnen in den Dialog zu treten. Wir drängen darauf, dass diese Gruppen, auch jene, die Waffen tragen, nicht länger die Regierung bekämpfen zu brauchen. Weil wir die Regierung unterstützen.“ In einer Zwischenbilanz betonte er, dass die militanten Gruppen eine Beteiligung an den Anschlägen des 5. August verneinten. Der Angriff gehe vielmehr auf das Konto israelischer Agenten. Bislang hat sich keine Gruppe zu dem Anschlag bekannt.
Kritiker der Mission werfen den ehemaligen Militanten nicht nur vor, den Terroristen Zeit zu schenken, indem der militärische Druck nachlässt. Sie weisen auch auf ein Dilemma hin: Militante islamistische Gruppen kämpften und kämpfen noch heute gegen die Regierung, weil diese mit harter Hand gegen sie vorgehe. Zudem hielten sie die Regierung für nicht islamisch genug.
Dies könnte aus Sicht der Dschihadisten auch auf eine Regierung Mursi zutreffen. Sein Bart schützt ihn nicht unbedingt davor, ins Visier zu geraten, und auf geläuterte Dschihadisten wie Nizar Ghorab haben die Militanten gerade gewartet. Deswegen, so das Fazit des Artikels in Ahram, seien die Erfolgsaussichten der neuen Anti-Terrorstrategie eher gering.
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