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20. September 2014

Naomi Klein: Aufruf zur Revolution

 Von Sebastian Moll
Naomi Klein hat ein neues Buch geschrieben: "This changes everything: Capitalism vs. The Climate".  Foto: imago/Christian Thiel

Für Globalisierungsgegnerin Naomi Klein gibt es keinen Klimaschutz ohne einen Systemwandel. Der Klimawandel lässt sich ihrer Meinung nach nicht unter den Bedingungen der neoliberalen Wirtschaftsordnung und der radikalen Deregulierung stoppen.

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Man konnte sich kaum der Gänsehaut erwehren, in der prall gefüllten Aula der New School am Donnerstag, es lag Aufbruch in der Luft. Für zwei Stunden hatte man in den Räumen der traditionsreichen New Yorker Akademie für kritische Sozialforschung das Gefühl, am Vorabend von etwas Bedeutsamem zu stehen.

Der Abend war als Auftakt einer „Klima-Aktionswoche“ anlässlich der UN-Vollversammlung in New York angekündigt worden, deren Höhepunkt am Sonntag ein Marsch von geschätzten 250 000 Klimaschützern darstellen soll. Auf der Bühne saß eine breite Koalition von Aktivisten, vom preisgekrönten Forscher Bill McKibben bis hin zu Vertretern der kanadischen Cree-Indianer, die sich gegen die Ausbeutung der Teersände in Alberta wehren. Und alle waren vereint in ihrem dringlichen Appell, die Erwärmung der Erdatmosphäre zu stoppen – und zwar nicht morgen oder in 20 Jahren, sondern jetzt, sofort.

Der unbestrittene Star des Abends war freilich Naomi Klein, die Autorin von „No Logo“ und der „Schock Doktrin“, die als so etwas wie die Lieblingsideologin der Anti-Globalisierungsbewegung gilt. Klein war gekommen, um über ihr neues Buch „This changes everything“ zu reden, das, wie sie selbst ganz unbescheiden sagte, nicht weniger sein will denn „ein Manifest für den Wandel“.

Das Werk ist in der Tat so etwas wie ein Aufruf zur Revolution. Wie viele andere legt Klein in drastischer Art und Weise dar, dass die Folgen des Klimawandels für unsere Zivilisation katastrophal sind, wenn wir weiterhin untätig bleiben. Die einzige Lösung, die sie noch sieht, ist indes nicht mehr auf Resolutionen und Konferenzen zu warten, sondern einen fundamentalen Systemwandel zu fordern und zwar gleich. Kleins transformativer Moment, so berichtet sie in dem Buch, war der Klimagipfel von Kopenhagen. Er habe die deprimierende Unfähigkeit der Politik deutlich gemacht, irgendetwas Wirksames gegen den Klimawandel zu unternehmen.

Klein begann darüber nachzudenken, was die Menschen davon abhält, tatsächlich etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Ihre Antwort darauf: Es sei nicht so sehr unser Unwillen, auf die Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten der Konsumgesellschaft zu verzichten und unseren Lebenswandel dramatisch zu verändern. Schlimmer sei die Tatsache, dass wir in der dominanten Ideologie der vergangenen 40 Jahre gefangen sind.

Der Klimawandel lässt sich deshalb laut Klein nicht aufhalten, wenn wir nicht von unserem Hyperindividualismus ablassen. Er lässt sich nicht unter den Bedingungen der neoliberalen Wirtschaftsordnung und der radikalen Deregulierung stoppen. Er lässt sich nicht verlangsamen, wenn wir weiter an ungebremstes Wachstum und ungebremste Profite glauben.

Für Klein gibt es keinen Klimaschutz ohne Systemwandel. Regierungen müssen massiv in neue Energien investieren und den Austeritätsfanatismus aufgeben. Sie müssen sich trauen, den Kohle-, Öl- und Autoindustrien wirklich schmerzhaft auf die Finger zu klopfen. Sie müssen Branchen wie den Gesundheits- und Bildungssektor stärken, die emissionsarm sind. Und all das lässt sich nur verwirklichen, wenn wir uns vom Hyperkapitalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts abwenden.


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Das alles sind keine radikal neuen Einsichten, auch wenn vielleicht noch niemand in dieser Deutlichkeit den unauflösbaren Zusammenhang von Kapitalismus und Klimawandel hergestellt hat. Die wirklich spannende Frage an Naomi Klein ist indes, wie ein solch dramatischer Wandel in ausreichend kurzer Zeit stattfinden soll, um die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe noch abzuwenden?

„Schock von unten“

Hier verweist Klein auf ihre „Schock“-Doktrin. Allerdings glaubt sie, dass diesmal die Bürger den Spieß umdrehen müssen, um einen „Schock von unten“ zu erzeugen. Was genau das sein soll, vermag sie auch nicht zu sagen. Doch sie ist hoffnungsvoll, dass die verschiedenen kapitalismuskritischen Gruppen und Strömungen, von Occupy über Klimaschützer bis zu Vertretern indigener Völker zusammenkommen, um eine quasi-revolutionäre Situation zu schaffen, in der plötzlich Dinge möglich werden, die vorher unmöglich erschienen.

Es ist eine schöne Hoffnung, wenn auch eine leider viel zu vage. Aber vielleicht wird ja der Klimamarsch in New York am Sonntag zum Beginn eines solchen Moments. Mehr als darauf zu hoffen, bleibt leider kaum. Jedenfalls, wenn man wie Klein das Vertrauen in unsere Institutionen endgültig verloren hat.

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