Osama bin Laden wurde schon verschiedentlich für tot erklärt. Wissen Sie Genaueres?
Ich bin sicher, dass er noch lebt. Selbst wenn sein Tod nicht sofort bestätigt würde, wüsste man in Dschihad-Kreisen Bescheid, und das würde nicht lange geheim bleiben. Er ist wohl in Afghanistan, wo er El Kaida - im Unterschied zu anderen Ländern - noch direkt leitet. Dort ist er zudem sicherer als in Pakistan. Wahrscheinlich genießt er den Schutz eines Stammes, dem er früher den Straßenbau finanzierte.
Nasser Al-Bahri (38) verbrachte als Leibwächter vier Jahre an der Seite von Chefterrorist Osama Bin Laden. Im Jahr 2000 brach er mit ihm und wurde zum ersten CIA-Informanten aus dem innersten Kreis von Al Kaida.
In Paris erscheinen diese Woche seine Memoiren, die er zusammen mit dem Figaro-Journalisten Georges Malbrunot geschrieben hat ("Dans l'ombre de Ben Laden", Edition Michel Lafon).
Die vorliegenden Fragen beantwortete Al-Bahri an seinem Wohnort Sanaa (Jemen) per Telefon mit Hilfe eines Übersetzers. Wegen seiner Al Kaida-Vergangenheit hatte ihm die französische Regierung die Einreise nach Paris zur Buchpräsentation verweigert. (brä)
Warum verließen Sie ihn im Jahr 2000?
Wir hatten Meinungsverschiedenheiten. Vor allem ertrug ich es nicht, dass bei den Kommandoaktionen unschuldige Zivilisten starben.
Was war Ihre Aufgabe als Leibwächter Bin Ladens?
Ich war sein persönlicher Leibwächter und verantwortlich für seine Garde, die aus Jemeniten bestand. In dieser Funktion organisierte ich all seine Bewegungen außerhalb der Zentrale. Er wählte mich wegen meiner Körperkraft aus und weil er einmal miterlebt hatte, wie ich einen Störenfried entwaffnete. Ich trug eine Pistole bei mir, die er mir selbst gegeben hatte - mit dem Auftrag, ihn umzubringen, wenn er in Gefangenschaft zu geraten drohe. Er sagte mir: "Ich will nicht in Haft, sondern als Märtyrer sterben. Töte mich mit zwei Kugeln, bevor mich die Amerikaner ergreifen."
Waren Sie jemals nahe daran?
Die Frage stellte sich überhaupt nur einmal im Jahre 1999, auf dem Weg zwischen Kandahar und Kabul. Aber ich hätte damals Mühe gehabt, ihn zu eliminieren, er war unser Anführer und mir ein wichtiger Scheich. Heute bedaure ich das; ich denke, ich hätte ihn töten sollen.
Wie würden Sie Bin Laden beschreiben?
Er ist ein Mann normaler Erscheinung, immer ruhig, überlegt, der nie die Fassung verliert. Anfangs erschien er mir wie ein idealer Mensch. Er ist hochgewachsen - bei Volleyballspielen muss er kaum springen, um am Netz zu schmettern -, er mag Pferderennen und spielt gerne Fußball, wobei er seinen Turban nie abnimmt. Auch liest er viel, unter anderem von westlichen Feldstrategen wie de Gaulle oder Montgomery. Sein bevorzugtes Heilmittel ist Honig.
Sein Familienleben soll nicht einfach sein.
Er muss oft zwischen seinen Frauen vermitteln. Seine vierte musste ich selbst holen gehen. Sie war erst siebzehn; als sich seine Kinder beklagten, sie sei jünger als sie selbst, entschuldigte sich Bin Laden, man habe ihm gesagt, sie sei schon 30. Mir fiel auf, dass er seine Familie knapp bei Kasse hält. Er sagt ihr, das Geld diene nicht ihr, sondern dem Islam.
Das Leben in der Kommandozentrale von El Kaida war also spartanisch?
Es ist hart. Einige der Jungen, die gekommen waren, um den Märtyrertod und das Paradies zu erwirken, gingen wieder, weil sie davon - und von der ständigen Bedrohung durch Raketenangriffe - genug hatten. Einmal sandte mich Bin Laden nach Somalia, wo ich nach einem besseren Lager Ausschau halten sollte.
Wie arbeitete er?
Er ist sehr organisiert und geht genau geplant vor. Das wichtigste Gremium ist ein Militärkomitee. Dazu hatte ich aber keinen Zugang.
Sie verließen Bin Laden vor den Attacken auf das World Trade Center in New York 2001. Wussten Sie etwas von den Vorbereitungen?
Wir hörten natürlich, dass ein großer Coup bevorstehe. Doch selbst im Umkreis von Bin Laden waren nur die wenigsten im Bild. Er selbst ließ Satellitenfernsehen installieren, um die Berichte in den westlichen Medien über die Attentate live verfolgen zu können. Die Übertragung klappte aber in den afghanischen Hügeln sehr schlecht.
Trafen Sie Mohammed Atta, den Kopf der Anschläge auf die Twin Towers?
Ja, das erste Mal in einem geschützten Ort in Pakistan, wo er gerade an einer Playstation saß. In dem Videospiel flog er gerade ein Flugzeug.
Am Tag der Attacke, dem 11. September 2001, saßen Sie im Jemen in Haft und kooperierten mit dem US-Geheimdienst. Fühlen Sie sich deshalb heute bedroht?
Hier im Jemen schon. Ich habe mehrmals telefonische Drohungen erhalten, etwa der Art: "Du bist ein Verräter, wir werden dich umbringen." Ich musste Sicherheitsvorkehrungen treffen.
Wie waren Sie 1996 mit El Kaida in Kontakt getreten?
Als ich die Fernsehbilder über die Massaker in Bosnien, Afghanistan und Palästina sah, wollte ich beim Dschihad (heiligen Krieg) mitmachen und als Märtyrer sterben. Ich verließ meine Familie, die wie Bin Laden aus Saudi-Arabien stammt, und trat als Freiwilliger bei El Kaida ein. Wir waren dort ohne jede Diskriminierung willkommen. Ich kämpfte in Bosnien, Somalia, Jemen und Tadschikistan, bevor ich Bin Ladens Leibwächter wurde.
Ist Ihr Buch das Werk eines reuevollen El-Kaida-Mitglieds?
Ich will meine Vergangenheit als Terrorist bekennen, aber auch die Jungen vom Dschihad abhalten. Wir müssen eher gegen Armut und Analphabetismus kämpfen. Deshalb kümmere ich mich hier im Jemen unter anderem um Bildungsprojekte.
Interview: Stefan Brändle
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