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05. Oktober 2012

Naturkost: Was bringt Bio?

 Von Stephan Börnecke
Tomaten mit Bio-Aufkleber: Zwar gibt es immer mehr Biobauern, die meisten unterwerfen sich aber nur den laschen Kriterien der EU-Öko-Verordnung.  Foto: dapd

Eine Studie wirft die Frage auf, wie groß der Vorteil von Öko-Nahrungsmitteln für den Verbraucher ist. Missstände auf den Bauernhöfen zeigen zugleich die Grenzen der Bio-Massenproduktion.

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Wenn es um den Unterschied von konventionell erzeugten und nach Bio-Richtlinien angebauten Lebensmitteln geht, dann erzählt der frühere Chef der hessischen Supermarkt-Kette Tegut, Wolfang Gutberlet, gern einen Schnack: War es einer Maus doch einmal gelungen, in ein Frischelager der Tegut-Märkte einzusteigen, dann hätte sich der Nager stets über Bio-Kost hergemacht und die konventionelle links liegen gelassen.

Die Anekdote ist wissenschaftlich bewiesen worden. Österreichische Forscher hatten in einem Rattenversuch festgestellt, dass die Nagetiere vor allem bei Weizen und Möhren auf Bio stehen. Sie führen das auf die Verschiedenheit der Inhaltsstoffe zurück.

Mit dem Mehrwert von Bio-Lebensmitteln beschäftigten sich kürzlich auch Wissenschaftler der kalifornischen Universität Stanford. Ihre Studie löst eine Debatte aus – größer als jede, die von den zahlreichen Bio-Betrugsskandale ausging. Denn die Wissenschaftler kamen – kurz gesagt – zu dem Ergebnis: Ökologisch erzeugtes Obst und Gemüse ist nicht wesentlich gesünder als konventionell produziertes.

Friederike Herter, eine Biobäuerin aus dem Spessart, hat dazu eine ganz klare Meinung. Natürlich sei Bio gesünder, behauptet sie selbstbewusst, und selbst wenn sich das für den Menschen eventuell nicht nachweisen lasse – für den Boden, das Wasser, das Klima, die Artenvielfalt und Nachhaltigkeit sei die ökologische Anbauweise in jedem Fall besser. Die 400 Kunden, die jedes Wochenende bei Herters einkaufen, geben der Biobäuerin Recht.

Gerald Wehde vom Anbauverband Bioland zweifelt die Aussagekraft der Studie an sich an: „Wie soll ein Versuch aussehen, bei dem Vergleichsgruppen über Jahre hinweg und stets plausibel und nachvollziehbar sich entweder strikt biologisch oder strikt konventionell ernähren? Das ist praxisfremd.“ So sind die Wissenschaftler in Stanford auch nicht zu ihren Ergebnissen gekommen. Sie werteten andere Studien aus, sie forschten am Schreibtisch, nicht in der Praxis.

Mehr Vitamine und Mineralstoffe

Geschmacksvergleiche von Bio- und Normal-Lebensmittel sind so neu nicht: Kaum eine Fernsehsendung kommt ohne sie aus – und genauso regelmäßig liegen die Probanden daneben, wie jüngst wieder bei Günther Jauch.
In einer Analyse des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FibL kamen die Forscher zu der ernüchternden Erkenntnis, dass es zwar sensorische Unterschiede zwischen konventionellen und ökologisch hergestellten Lebensmitteln gibt. Doch sie fallen gering aus.


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Entscheidender ist: Die Lebensmittel unterscheiden sich in den Inhaltsstoffen. Kurz gefasst: Bio-Lebensmittel, ob Milch oder Tomaten, erhalten mindestens gleich hohe, in vielen Fällen aber auch höhere Gehalte an Vitaminen und Mineralstoffen.

In Bio-Obst und Bio-Gemüse, hält der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) fest, stecken 10 bis 50 Prozent höhere Gehalte an sekundären Pflanzenstoffen. Den Gewächsen dienen sie als Abwehrstoffe gegen Fressfeinde oder mikrobiellen Angriff. Für den Menschen, argumentiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, wirken sie gesundheitsförderlich, etwa bei Herz- und Kreislauferkrankungen.

Dass diese Stoffe entstehen, hängt, legt der BÖLW nahe, unter anderem damit zusammen, dass Öko-Bauern weniger Stickstoffdüngung einsetzen, vor allem keinen Mineraldünger und keine chemisch-synthetischen Pestizide. Wenig Stickstoff bedeutet eben auch, dass die Pflanzen ausreifen können.

Zwar finden Analytiker auch in Bio-Lebensmitteln bisweilen Spuren von Pestiziden, weil sie von Nachbarfelder abdriften können, doch stets zeigt sich, dass die mittlere Pestizidbelastung bei Öko-Obst und -Gemüse um „mindestens das 200-fache unter der Belastung konventioneller“ Ware liegt, zitiert der BÖLW Ergebnisse der staatlichen Labore Baden-Württembergs. Der Bio-Check der Stiftung Warentest hatte im Jahr 2010 nur in Ökoweinblättern Rückstände gefunden, selbst exotische Früchte hingegen wiesen keine Pestizide auf.

Kein Supermarkt, kein Discounter ohne Bio-Möhren und Bio-Milch

Gefühlt ist Bio inzwischen ubiquitär. Kein Supermarkt, kein Discounter kommt ohne Bio-Möhren und Bio-Milch aus. Allerdings ist der Anteil der Öko-Ware und der Öko-Landwirtschaft weiter klein: Nur 3,5 bis 3,7 Prozent des Geschäfts mit den Lebensmitteln machen Öko-Produkte aus, auch der Bio-Landbau hat an der Gesamtlandwirtschaft nur einen Anteil von sechs Prozent der Fläche. Dennoch kommt Bio in Deutschland längst an seine Grenzen, es gibt nicht genug regional erzeugte Ware: Weizen, Milch, sogar Möhren und Kartoffeln müssen zu einem Viertel bis zur Hälfte importiert werden.

Zwar gibt es immer mehr Bio-Bauern, doch die weitaus meisten Neulinge der Branche unterwerfen sich nur den Kriterien der EU-Öko-Verordnung, die deutlich lascher sind als die Vorgaben der Bioanbauverbände wie Bioland, Naturland oder Demeter.

Bio-Kresse: Produkte aus biologischem Anbau sind mittlerweile in jedem Supermarkt Standard. Ob sie wirklich gesünder sind als herkömmliche Produkte, ist umstritten.
Bio-Kresse: Produkte aus biologischem Anbau sind mittlerweile in jedem Supermarkt Standard. Ob sie wirklich gesünder sind als herkömmliche Produkte, ist umstritten.
 Foto: dpa

Beispiel Tierzahlen: Während Bioland-Bauern nur zehn Schweine je Hektar Land zulassen, kann der EU-Öko-Bauer 14 halten. Deutlicher wird es bei Hähnchen: 280 Tiere je Hektar bei den Verbänden stehen 580 Broilern bei EU-Öko-Höfen gegenüber. Die EU erlaubt mehr Düngung, mehr zugekauften, also nicht vom eigenen Hof stammenden Stickstoff, sie gestattet 50 Prozent mehr Kupfer als Pflanzenschutz und erlaubt zudem im Einzelfall sogar chemisch-synthetische Pyrethroide.

Manchmal hinken allerdings beide Standards anderen Richtlinien hinterher: Denn in europäischen Bio-Ställen sind im Zweifel Antibiotika erlaubt, wenn auch weit seltener als im konventionellen Landbau. Die US-Vorschriften zum National Organic Programm, wie sie zum Beispiel 20 der 110 Milch-Bauern der brandenburgischen „Gläsernen Molkerei“ einhalten, hingegen verbieten Antibiotika komplett. Eine gesunde Tierhaltung mit robusten Rassen und viel Weidegang macht es möglich, sagt Geschäftsführer Hubert Böhmann.

EU-Verordnung als Einfallstor für Betrug

Eine Vorschrift der EU-Öko-Verordnung erweist sich sogar als Einfallstor für Betrug: Denn sie duldet konventionelle und ökologische Betriebsteile auf einem Hof. Viele der Bio-Betrugsfälle der letzten Jahre, ob mit umetikettierten Eiern oder konventionell gefütterten Puten, fanden auf solchen Gemischtbetrieben statt, bei denen mancher Bauer offenbar der Versuchung, in den falschen Eimer zu greifen, nicht widerstehen kann. Das ist bei den Produkten von Verbandsbetrieben nicht möglich.

Dennoch sind auch die Verbandsbauern nicht vor Kritik gefeit, denn auch Bio greift zunehmend mehr zu industriellen Produktionsverfahren. Dann kann der Kunde seine Abneigung gegen Massentierhaltung und 1000-Hektar-Schläge nicht mehr automatisch mit dem Griff zu Bio kompensieren. Er weiß halt oft nicht, wo das Produkt tatsächlich herkommt. Der Verbraucher muss sich schon selbst auf den Hof bemühen, um wirklich sicher zu gehen, dass auch alles stimmt mit der Erzeugung.

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