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Neo-Nazis: Die braunen Kinderfänger

Nach der Polizeiaktion gegen ein Zeltlager fordern Politiker ein Verbot der Heimattreuen Deutschen Jugend.

Diesmal könnte es eng werden für die selbsternannten Hüter der deutschen Volksseele. Als die Polizei am Wochenende im Landkreis Güstrow ein Zeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend durchsuchte, entdeckte sie nicht nur Achtjährige in uniformartiger Kleidung. Mitten in Mecklenburg stießen die Beamten auch auf "Lebensformen aus der Zeit des Nationalsozialismus", auf Geschirrtücher mit Hakenkreuzen und auf Kinder, die auf alten Landkarten akribisch das Memelland und die Nordmark einzeichnen sollten.

Grund genug für Linke und FDP, am Montag einmal mehr ein Verbot der HDJ zu fordern. Ein Ruf, dem sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy anschloss: "Der Bundesinnenminister", sagte er der FR, "dürfte sich schwer tun, Gründe zu finden, diesen Verein nicht zu verbieten." Auch die Koalition werde das in Kürze beantragen. Die CDU-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern will ebenfalls ein Verbot.

Neonazi-Elite von morgen

Höchste Zeit wäre es, finden Rechtsextremismus-Experten. Viel zu lange schon habe die Gesellschaft dem braunen Treiben tatenlos zugesehen, meint etwa Elisabeth Siebert vom Regionalzentrum für demokratische Kultur in Bad Doberan. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern gebe es "immer mehr HDJ-Camps mit immer mehr Kindern und Jugendlichen", sagt Siebert. Deren Zweck sei eindeutig: "Dort wird die braune Führungselite von morgen ausgebildet." Im Grunde herrsche kein Zweifel mehr daran, dass die HDJ die "eindeutige Fortsetzung der Wiking-Jugend" sei.

Die Wiking-Jugend, einst Kaderschmiede für den neonazistischen Nachwuchs, war 1994 verboten worden. Mehrere Organisationen hatten sich seither bemüht, die Lücke zu füllen - aber offenbar keine so erfolgreich wie die Heimattreue Deutsche Jugend. Nach außen darf sie allerdings nicht als Nachfolgeorganisation der Wiking-Jugend auftreten, weil das Verbot sich dann auch auf die HDJ erstrecken würde. Deren Zielgruppe sind vor allem die Kinder von rechtsextremen Führungskräften, die in den für gewöhnlich gut abgeschotteten Lagern ein völkisches Weltbild eingebläut bekommen.

In dem am Wochenende aufgelösten Camp in Hohen Sprenz stieß die Polizei auf 39 Kinder aus Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die bestens informierte Politologin und Journalistin Andrea Röpke geht davon aus, dass an jedem zweiten oder dritten Wochenende irgendwo in Deutschland ein HDJ-Camp aufgebaut wird. Dort werde "eine versteckte braune Parallelgesellschaft" eingeübt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern ihre Kinder versehentlich in HDJ-Lager geben, gehe zwar gegen Null, sagte Expertin Siebert der FR. "Aber was gruselt einen mehr? Dass die kurzfristig keine Gefahr darstellen oder sich langfristig ihre Führungskräfte heranzüchten?"

Der Schneeballeffekt

In Mecklenburg-Vorpommern könne man inzwischen einen "Schneeballeffekt" wahrnehmen: Die nur dürftig maskierten Neonazis gingen dort gezielt in strukturschwache Regionen, um ganze Familien mit ihren simplen Hassbotschaften zu ködern. Ziel sei es, "die Menschen möglichst leicht lenkbar zu machen". Politiker von SPD, Linken, FDP und Grünen fordern daher schon lange ein gezieltes Vorgehen gegen die HDJ, die lediglich über eine Postfach-Adresse in Berlin verfügt und ihre Gruppierungen unter anderem "Einheit Nordland" oder "Einheit Preußen" nennt.

Im Bundestag liegen bereits zwei Verbotsanträge der Opposition vor. Auch SPD-Mann Edathy wandte sich bereits vor einem Jahr an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Der hat bislang noch nicht reagiert.

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  12 | 8 | 2008
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