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17. Januar 2011

Neue Enquete-Kommission: Auf der Suche nach dem Glück

 Von Markus Sievers
Ortsschild der Gemeinde Gut Glück Foto: ddp

Um den Fortschritt zu messen, forscht eine Enquete-Kommission des Bundestages nach einer Alternative zum Bruttoinlandsprodukt. Einige Mitglieder stellen dabei gleich das Wachstum insgesamt in Frage.

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Berlin –  

Der junge Mann tut etwas für Wachstum. Übermüdet nach einer Nacht im Büro fährt er den neuen Mercedes an die Wand – und steigert mit der Reparatur in der Werkstatt das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Sein Schulfreund fährt umweltbewusst mit dem Fahrrad, verzichtet auf ein Auto – und drückt so das Wachstum. Der Dritte hat genug von Fast Food, kocht wieder selbst. Keine Umsätze im Imbiss – auch das schlägt in der Bilanz negativ zu Buche.

Selbstverständlich ist das BIP vollkommen ungeeignet, den Wohlstand eines Landes abzubilden. Und doch feiert sich die Regierung, wenn es zulegt. Und wenn es einmal ein Jahr stagniert oder gar schrumpft wie in der Krise 2009, bricht das große Entsetzen aus.

Mittlerweile aber hat das Unbehagen an dieser Jagd nach einem fragwürdigen Ziel die höchste politische Ebene erreicht. In Frankreich ließ Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen nach Alternativen suchen. Und der britische Premier David Cameron kündigte kürzlich an, seine Regierung werde Zahlen über das wirkliche Wohlergehen in seinem Land sammeln.

Auch Deutschland macht mit in der internationalen Suche nach einer neuen Kennziffer. Das neue BIP, wie immer es dann heißen mag, soll besser abbilden, wie gut oder schlecht es den Menschen geht. Erst beauftragte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gemeinsam mit Sarkozy die deutschen Wirtschaftsweisen und ihre französische Kollegen mit einem Gutachten. Nun legt der Bundestag nach mit einer eigenen Enquete-Kommission. 17 Politiker aller Fraktionen wollen sich vom heutigen Montag an gemeinsam mit 17 Wissenschaftlern Gedanken machen über Nachhaltigkeit, über Wachstum ohne Umweltzerstörung und über „einen neuen Indikator“. Der Auftrag soll alle politischen Lager einbinden und liest sich entsprechend blumig.

Denn gerade weil die Zweifel am bisherigen Vorgehen so allgegenwärtig sind, gehen die Ziele sehr weit auseinander. Die einen wollen nur die statistischen Mängel beheben; ihnen geht es um ein besseres BIP, das etwa den Ressourcenverbrauch berücksichtigt. Andere legen den Fokus auf soziale Belange von der Verteilung des Wohlstandes bis zum Bildungsniveau. Einen an solchen Kriterien berechneten Index für menschliche Entwicklung veröffentlichen die Vereinten Nationen einmal im Jahr.

Sachverständige halten die Hoffnung auf den ultimativen Indikator für unrealistisch

Schließlich möchten einige gleich das Wachstum insgesamt in Frage stellen. Sie wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung, die aus der Abhängigkeit des Weiter, Höher, Schneller befreit und auf Erhalt statt auf Mehr setzt. Es gehe bei der Arbeit der Kommission nicht darum, mit einer neuen Zahl Umweltzerstörung besser messen zu können, meint die grüne Wirtschaftsexpertin Kerstin Andreae: „Es geht um die Frage, wie zukunftsfähig wir leben und arbeiten.“ Daher erhofft sie von der Kommission auch Anregungen für eine Umstellung der Politik, etwa einen Instrumentenkasten für ein nachhaltiges Wachstum.

All zu konkret wollen Union und FDP dagegen nicht werden. Auch der Sachverständigenrat warnte in seiner mit dem französischen Rat für Wirtschaftsanalyse erstellten Expertise vor übertriebenem Ehrgeiz in dieser Sache. Als „vollkommen unrealistisch“ bezeichneten die Wissenschaftler Hoffnungen auf den „ultimativen Indikator“. In keinem Fall sollte man „der Versuchung nachgeben, einen umfassenden Indikator für Lebensqualität oder etwas Vergleichbares zu entwickeln“.

Den Lebensstandard kennzeichnen viele Faktoren, von der Bildung bis zur Lebenserwartung. Daher fragen die Wirtschaftsweisen: Wie können solche Kennziffern gegeneinander abgewogen werden, wie die Selbstmordrate gegen die Lesefähigkeiten? Die Mahnungen gelten vor allem der Glücksforschung, die in der Wirtschaftswissenschaft boomt.

Es gilt als fraglich, was Umfragen über das persönliche Empfinden wert sind. Wenn sich Dänen oder US-Amerikaner als besonders glücklich beschreiben, kann dies viele Gründe haben – etwa auch eine Neigung, Optimismus zur Schau zu stellen. Möglich ist es laut Sachverständigenrat allenfalls, zu ermitteln, wie sich das Glück einer Person im Laufe des Lebens verändert.

Aus dieser Perspektive könnte sich die Alterung der Gesellschaft noch als Glücksfall erweisen. Denn eines zeigt die Forschung eindeutig: Anders als vielfach gedacht sind ältere Menschen nicht traurig und deprimiert, sondern im Schnitt viel glücklicher als die jungen Leute.

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