. Experten warnten schon lange davor, dass die blühende Piraterie vor der somalischen Küste anderswo Nachahmer finden könnte. Nun scheint sich ihre Befürchtung zu bewahrheiten. Auch vor der westafrikanischen Küste habe die Seeräuberei in diesem Jahr sprunghaft zugenommen, schlägt das International Maritime Bureau (IMB) in London Alarm: Allein aus den Gewässern Nigerias und Benins wurden in diesem Jahr 22 Überfälle von Freibeutern gemeldet.
Besonders bedroht von der aufkommenden Seeräuberei ist der westafrikanische Kleinstaat Benin, der 40 Prozent seiner Staatseinnahmen – jährlich rund 15 Milliarden Euro – aus den im Hafen von Cotonou anfallenden Zöllen und Gebühren bezieht. Cotonou gilt als regionaler Umschlagplatz für Gebrauchtwagen aus Europa und als Verschiffungsort für Baumwolle aus ganz Westafrika. „Immer mehr Schiffe meiden unsere Gewässer aus Angst vor den Piraten“, klagt Benins Marinechef Maxime Ahoyo. Die Ökonomie des Kleinstaats leide unter Freibeutern. Der Londoner Versicherer Lloyd’s stuft die Gewässer am Golf von Guinea bereits in derselben Gefahrenkategorie wie Somalia ein.
Bislang unterschied sich die Vorgehensweise der westafrikanischen Seeräuber noch deutlich von der ihrer somalischen Kollegen. Die Freibeuter am Golf hatten sich auf Diebstähle und „Hit-and-Run“-Angriffe spezialisiert, während Somalias Piraten ihre Beute oft monatelang vor der Küste festhalten, um Lösegeld zu erpressen.
Inzwischen werden jedoch auch Westafrikas Piraten immer waghalsiger: Sie stehlen manchmal ganze Tankerladungen mit Rohöl, das sie auf eigene Schiffe umladen. Immer öfter nehmen sie auch Besatzungsmitglieder als Geiseln. Beunruhigt sind Reeder und Schiffsbesatzungen auch wegen der Gewalttätigkeit der Westafrikaner: Während die somalischen Piraten die Matrosen nicht vorsätzlich verletzen, sind ihre Kollegen am Golf von Guinea äußerst brutal – mindestens zwei Seeleute wurden schon getötet. Das IMB in London geht davon aus, dass die Dunkelziffer der vor Westafrika gekaperten Schiffe wesentlich größer ist als die Zahl der bekannten Fälle. Viele Kapitäne meldeten die Vorfälle nicht, weil sie entweder selbst in dunkle Geschäfte – etwa den Öldiebstahl in Nigeria – verwickelt seien oder Angst vor einem starken Anstieg der Versicherungsprämien hätten, glaubt IMB-Sprecher Cyrus Moody: „Wir appellieren an alle Schiffsbesitzer, uns jeden Zwischenfall zu melden, damit wir ein realistisches Bild der Krise bekommen.“
Experten vermuten, dass die meisten Piraten aus Nigeria kommen: Dort führen bewaffnete Banden schon seit Jahren einen Kampf gegen die Ölgesellschaften, denen sie die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage im Niger-Delta vorwerfen. Im Gegensatz zu Somalia, wo die internationale Gemeinschaft eine Anti-Piratenflotte unterhält, muss Westafrika mit dem Problem bislang allein fertig werden.
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