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Neue Spitze: Die Linke hat keinen Plan B

Die Linke gibt sich eine neue Bundesspitze - ein Zeichen für die Zerrissenheit der Partei. Der scheidende Bundesgeschäftsführer Bartsch betont, keine Wut zu verspüren. Er hinterlässt dennoch eine Warnung. Von Jörg Schindler

Dietmar Bartsch, der scheidende Geschäftsführer der Linken.
Dietmar Bartsch, der scheidende Geschäftsführer der Linken.
Foto: dpa

Herbert Wehner ist schon weg. Marx hängt noch, goldgerahmt, über dem Sofa, aber auch er wird bald verschwinden. Ein paar Tage noch, dann ist dieses Büro hier oben, im dritten Stock des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses, besenrein. Dietmar Bartsch wird dann die Tür hinter sich schließen und ein gewesener Bundesgeschäftsführer sein.

Wurmt ihn das? "Nöö", sagt Bartsch. "Wissen Sie, Ich hab´ die CDU-Generalsekretäre Hintze, Merkel, Polenz, Meyer und Pofalla überlebt - da wird es langsam Zeit zu gehen." Er sagt das, wie es halt seine Art ist, lächelnd, druckreif, hanseatisch keck. Er sagt, er empfinde keine Wut. Aber das muss man ihm nicht glauben.

Fast Ende, dann Auferstehung

Es ist jetzt ziemlich genau 20 Jahre her, dass der lange Lulatsch Bartsch in die Zentrale jener Partei einzog, die damals noch PDS hieß. Auf die, sagt er heute, "hätte damals wirklich keiner mehr einen Pfennig gegeben". Bartsch war Schatzmeister, Geschäftsführer, Spitzenkandidat, er hat 2002 das Beinahe-Ende seiner Partei erlebt und 2005 ihre Auferstehung als Linkspartei begleitet.

Bartsch war ein erfolgreicher Politik-Manager. In seiner Zeit ist die Linke auf rund 78000 Mitglieder gewachsen, seit Sonntag sitzt sie in 13 von 16 Landtagen. Etliche in der Partei glauben, neben Oskar Lafontaine sei Bartsch der wichtigste Vater des Erfolgs. Am Samstag aber, wenn sich die Linke in Rostock eine neue Führung gibt, wird der Mann aus Vorpommern keine Rolle mehr spielen.

Warum das so ist, spiegelt ziemlich genau den Zustand der Linken im Frühjahr 2010 wider. Es war Ende 2009, als ein Spiegel-Artikel über den erkrankten Parteichef Lafontaine - dessen Zukunft da noch völlig offen war - die Linke in ihre bislang schwerste Krise stürzte. In dem Artikel stand, der Saarländer habe schon viel länger als bekannt politische Rückzugspläne geschmiedet. Und außerdem pflege er eine Affäre mit einer verdienten Genossin.

Der Lafontaine-treue Teil der Partei schäumte und benannte den vermeintlichen Stichwortgeber der Schmuddelstory: Dietmar Bartsch. Dessen Freunde wiederum witterten prompt Putschpläne: Indem Lafontaines Truppen Bartsch attackierten, versuchten sie, den gesamten pragmatischen Teil der Linken zu schwächen. Wieder einmal standen Wessis und Ossis, strikte Oppositions-Sozialisten und machtwillige Quasi-Sozialdemokraten einander gegenüber. Diesmal aber war die Atmosphäre vergifteter denn je.

Als die Lage eskalierte, schritt Gregor Gysi ein. In einem Akt der Selbstverleugnung inszenierte der Fraktionschef am 11. Januar die öffentliche Hinrichtung seines langjährigen Freundes Bartsch. Der verkündete daraufhin seinen Rückzug vom Amt des Bundesgeschäftsführers. Womöglich glaubte Gysi, er könne Lafontaine so zum Weitermachen zwingen.

Der aber gab kurz darauf bekannt, im Mai nicht mehr als Parteichef zu kandidieren. In einer dramatischen Nachtsitzung setzte Gysi die verfeindeten Flügel unter Druck, bis sie einer Paketlösung für eine neue Parteiführung zustimmten. Ein Landesfürst spricht von einer "Vergewaltigung" durch Gysi - "über die Sache ist noch kein Gras gewachsen".

Auf dem Bundesparteitag wird sich zeigen, ob die von Gysi ausgetüftelte Lösung tragfähig ist. Diese Lösung macht vor allem die Zerrissenheit der Partei offenkundig. Zur Wahl stehen: der bayrische Gewerkschafter und WASG-Mitgründer Klaus Ernst sowie die Berliner Ex-PDS-Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch als Chefs. Dazu je zwei Stellvertreter, zwei Bundesgeschäftsführer zwei "Parteibildungsbeauftragte". Jeweils fein austariert nach halb- oder ganzlinker Grundhaltung und geographischer Verwurzelung. Doppelt gemoppelt soll die Linke länger halten.

Das Personaltableau werde in Rostock wohl Mehrheiten finden, glaubt ein Spitzengenosse (Ost), allein schon aus einem Grund: "Wir haben keinen Plan B." Noch nichts gesagt wäre damit allerdings über die Führungsqualitäten des neuen Spitzen-Duos, das ein gemeinsames Problem verbindet: in die saurier-großen Fußstapfen eines Oskar Lafontaine treten zu müssen. Bislang, heißt es in Ost wie West, wisse niemand genau, was Lötzsch und Ernst außer einem "Weiter so" wollen.

"Maßstab sind Wahlerfolge"

Dietmar Bartsch könnte es einstweilen egal sein. Er darf sich auf seinen Job als Fraktionsvize im Bundestag konzentrieren. Der lange Mann mit dem großen Selbstbewusstsein aber wird, da darf man wetten, genau verfolgen, was im Karl-Liebknecht-Haus passiert. "Ob die Lösung an der Parteispitze eine dauerhafte ist, entscheidet sich auch im März 2011 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz", sagt Bartsch. "Der Maßstab sind Wahlerfolge."

Es klingt fast wie eine Warnung an eine Linke, die es gerade in den Düsseldorfer Landtag und womöglich in die Regierung geschafft hat. Die sich aber auch gerade wegen deshalb überlegen muss, wie viel pragmatische Kompromissbereitschaft sie sich leisten muss, wie viel Fundamentalismus sie sich leisten kann.

Gut möglich, dass Bartsch seinen Marx an einem Platz verstaut, von wo er ihn rasch wieder hervorzaubern kann.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  14 | 5 | 2010
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