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Politik
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23. Oktober 2010

Neue Wikileaks-Enthüllung: Wie Irak und USA Folter und Mord duldeten

Das erstmals am 28.04.2004 über den Fernsehsender CBS verbreitete Foto zeigt einen irakischen Kriegsgefangenen im Gefängnis von Abu-Ghuraib. Foto: dpa

Wikileaks hat knapp 400.000 Dokumente über den Irakkrieg veröffentlicht. Sie belegen die Grausamkeit der Kriegsjahre: Folter und die Ermordung von Unschuldigen waren Alltag und wurden sowohl von der amerikanischen als auch von der irakischen Regierung geduldet.

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London. Im Irak sind geheimen US-Militärdokumenten zufolge zwischen 2004 und 2009 zahlreiche Häftlinge gefoltert und hunderte Zivilisten an US-Checkpoints getötet worden.

Die vom Internetportal Wikileaks veröffentlichten fast 400.000 Dokumente zum Irak-Krieg zeigen zudem, dass die US-Armee von den Folterungen wusste, oftmals aber nicht einschritt. Wikileaks sprach am Samstag von „Kriegsverbrechen“, aus den USA kam Protest.

„Diese Veröffentlichung zeigt nur die Wahrheit“, sagte Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange in London. In Zeiten des Krieges werde die Wahrheit bereits lange vor Beginn des Einsatzes und auch danach noch bedroht. „Wir hoffen, dass wir einige dieser Angriffe auf die Wahrheit korrigieren können.“ Das Portal hatte die Dokumente, die die Nachrichtenagentur AFP vorab einsehen konnte, zuvor trotz vehementen Widerstands aus Washington veröffentlicht.

Irakische Sicherheitskräfte folterten Inhaftierte

Die Unterlagen stammen laut Wikileaks aus „einer Datenbank des Pentagon“ aus der Zeit vom 1. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2009. Sie dokumentieren den blutigen Alltag des Krieges und illustrieren die Hilflosigkeit der US-Truppen angesichts des zunehmenden Chaos im Irak. Belegt werden brutale Folterungen Inhaftierter durch irakische Sicherheitskräfte. Wikileaks sprach von „zahlreichen Fällen von Kriegsverbrechen“. Aus den Dokumenten geht zudem hervor, dass die US-Armee trotz ihres Wissens nicht einschritt.

In einem Bericht von US-Militärs wird etwa beschrieben, wie in einem Gefängnis in Bagdad 95 Gefangene mit verbundenen Augen ausharren mussten. Viele hätten Brandverletzungen durch Zigaretten, Blutergüsse durch Schläge und offene Wunden gehabt.

Hunderte Zivilisten an Straßensperren getötet

Die Unterlagen dokumentieren auch, dass an Straßensperren mit US-Soldaten hunderte irakische Zivilisten getötet wurden. Einer internen Aufstellung der Armee zufolge wurden zwischen 2003 und 2009 insgesamt etwa 109.000 Iraker getötet, 63 Prozent von ihnen Zivilisten.

Wikileaks hatte bereits im Juli zehntausende geheime US-Dokumente zur Lage in Afghanistan veröffentlicht. Laut der britischen Tageszeitung „The Guardian“ stammen die Irak-Dokumente aus derselben Quelle. Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson kündigte am Samstag zudem die „baldige“ Veröffentlichung von rund 15.000 weiteren Afghanistan-Dokumenten an.

US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte die Enthüllungen scharf. Es sei zu verurteilen, wenn durch solche Veröffentlichungen das Leben von Soldaten und Zivilisten aus den USA und seinen Partnerländern gefährdet werde. Washington forderte Wikileaks auf, die Protokolle von seiner Website zu entfernen.

Irakische Regierung spricht von PR-Kampagne

Die irakische Regierung tat die Veröffentlichung als PR-Kampagne politischer Gegner ab. Die publizierten Dokumente enthielten „keinen einzigen Beweis dafür, dass sich die irakische Regierung oder Ministerpräsident Nuri al-Maliki persönlich unpatriotisch verhalten haben“, hieß es in einer Erklärung im Namen der Regierung, die am Samstag in Bagdad verteilt wurde.

Die Dokumente der US-Armee belegen, dass auch Al-Maliki unterstellte Einheiten an Misshandlungen beteiligt waren. Seine Amtszeit ist eigentlich schon abgelaufen. Da es den Parteien, die bei der Parlamentswahl im vergangenen März die meisten Stimmen erhalten hatten, aber bislang nicht gelungen ist, eine Regierung zu bilden, übt er sein Amt weiterhin aus.

Nach Ansicht des irakischen Ministeriums für Menschenrechte enthält das Material indes „keine Überraschungen“. „Wir haben bereits auf mehrere dieser erwähnten Fakten hingewiesen“, sagte Ministeriumssprecher Kamel el Amin. Dazu zählten auch sämtliche Vorfälle, in die US-Streitkräfte verwickelt gewesen seien. Zum dokumentierten Verhalten der irakischen Sicherheitskräfte wollte er sich hingegen nicht äußern.

Die US-Regierung erklärte laut „Spiegel Online“, die Dokumente ergäben „kein Gesamtbild“ und lieferten „kein neues Verständnis der Geschehnisse im Irak“. Amnesty International und der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Manfred Nowak, forderten die USA indes auf, die Übergriffe in irakischen Gefängnissen zu untersuchen. (afp/dpa)

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