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New Orleans: Kein Strom, kein Wasser, keine Schulen

Drei Jahre nach dem Hurrikan Katrina liegt New Orleans teils immer noch in Trümmern. Ärmere Bürger werden verdrängt. Von Sebastian Moll

Katrina auf dem Weg nach New Orleans.
Katrina auf dem Weg nach New Orleans.
Foto: ddp

Sonst sind es unter schwarzen Musikern die Hip-Hopper, die für die Artikulation von Zorn zuständig sind. Doch auf seinem neuesten Album bricht auch der New Orleanser Bluesmann Mac Rabennack alias Dr. John aus jener Melancholie aus, die sein Genre definiert, und lässt der Wut freien Lauf. "City that Care Forgot" heißt die Platte. Die Stücke über die "vom Mitgefühl vergessene Stadt" sind eine bittere Anklage.

Drei Jahre nach der Verwüstung durch Hurrikan Katrina gibt es in großen Teilen von New Orleans noch immer kaum sichtbaren Fortschritt beim Wiederaufbau. Die Viertel außerhalb des nicht gefluteten Streifens entlang des Mississippi, des "Sliver on the River", sehen noch immer aus wie nach einem Bombardement. Kilometer lang reihen sich verfaulende, verlassene Häuser aneinander, die isolierten und verstreuten Wiederaufbau-Bemühungen dazwischen wirken verzweifelt. Die Welt, so kommt es Dr. John und vielen seiner Mitbürger vor, hat die Stadt schlicht aufgegeben.

Einer der Songs auf Dr. Johns Album heißt "My People need a second Line". Die "Second Line" ist in New Orleans eine Gruppe von Leuten, die einem Trauermarsch oder einem anderen Umzug durch die Straßen folgt und die solche Gelegenheiten zu jenen berühmten spontanen Jazzfesten machen, die die Seele der Stadt ausmachen.

Dr. John komponierte das Stück, nachdem in seinem Viertel, dem von Katrina einigermaßen verschonten "Treme", ein solcher Marsch von der Polizei aufgelöst wurde. Wohlhabende Nachbarn hatten sich über den Lärm beklagt. Seither werden im Treme Genehmigungen für solche Umzüge verlangt. "Diese Umzüge sind spirituelle Ereignisse", sagte Dr. John in einem Interview. "Man kann spirituelle Dinge nicht von Behörden regulieren lassen."

Der Streit um die Second Line mag angesichts der immensen Probleme von New Orleans trivial erscheinen. Er gibt jedoch hervorragend die Fronten im Kampf um die Zukunft wieder - dem Kampf der armen schwarzen angestammten Kern-Bevölkerung der Stadt gegen die Verdrängung durch die gut situierte weiße Oberschicht. Der Sliver by the River mit seinen historischen Kolonialbauten wurde nach Katrina so teuer, dass ihn sich nur noch Besserverdienende leisten konnten. Die durchschnittliche Miete für eine Zweizimmerwohnung betrug 2005 noch 676 Dollar, 2007 musste man 1000 Dollar dafür bezahlen.

Bezahlbarer Wohnraum ist praktisch nicht mehr vorhanden, die zumeist schwarze Unterschicht wurde de facto verdrängt. Zwei Drittel der weißen Bevölkerung sind laut offiziellen Statistiken nach New Orleans zurückgekehrt, aber nur 43 Prozent der Schwarzen.

Dass die schwarze Unterschicht, die vor Katrina die große Mehrheit der New Orleanser Bevölkerung stellte, überhaupt wieder da ist, ist ein Wunder. Der New Orleanser Schriftsteller Tom Piazza, der gerade einen Roman über das Schicksal von zwei Familien seit dem Sturm geschrieben hat, sagt: "Die Menschen kämpfen gegen unüberwindbare Widerstände. Aber sie vermissen New Orleans, es ist ihre Heimat."

Die starken kulturellen Traditionen wie etwa die Second Line, die gewachsenen sozialen Strukturen und das besondere Lebensgefühl der Stadt sind laut Piazza Dinge, auf die man nicht verzichten kann, wenn man hier aufgewachsen ist. Jedenfalls nicht "ohne einen hohen psychologischen Preis zu bezahlen".

Der Preis für die Rückkehr in die Stadt ist laut Piazza jedoch nicht minder hoch. Ein Plan nach Katrina sah vor, die zerstörten ärmeren Viertel komplett einzureißen. Das war letztlich politisch nicht durchsetzbar. Einen Wiederaufbauplan gibt es jedoch auch nicht. Douglas Brinkley, Autor eines Buches über Katrina, sagt: "Die Bundesregierung will diese Viertel nicht wieder aufbauen und diese Politik wird jetzt umgesetzt, indem man einfach nichts tut. Man sagt den Leuten, sie könnten gerne wieder im Lower Ninth Ward einziehen", so Brinkley. "Aber es gibt dort keine Elektrizität, kein Wasser, keine Müllabfuhr, keine Schulen."

Wie Brinkley sehen die Bremer Sozialwissenschaftler Christian Jakob und Friedrich Schorb, die eine Studie über die sozialen Folgen von Katrina angefertigt haben, in der Ausgrenzung der schwarzen Bevölkerung eine gezielte Politik. Am deutlichsten sei dies beim Abriss von Sozialwohnungen für mehr als 20.000 Menschen zutage getreten.

Auf den Grundstücken entstehen jetzt subventionierte Mustersiedlungen mit teuren Apartements. "Vieles spricht dafür", schreiben Schorb und Jakob, "dass Katrina ein Katalysator für eine von den funktionalen Eliten des Landes verfolgte soziale Neugestaltung von New Orleans ist." Der Titel ihrer Studie, "soziale Säuberung", drückt dies noch deutlich pointierter aus.

Laut Schorb und Jakob ist das Vorgehen, sozial Schwache einfach zu vertreiben, das in New Orleans besonders krass praktiziert wird, nicht das Ergebnis eines besonderen Zynismus der Bush-Regierung. Es folgt vielmehr einem Paradigma, das in der US-amerikanischen Sozialpolitik schon seit Beginn der 90er Jahre vorherrscht. Ob es sich mit einem möglichen Präsidenten Barack Obama wieder wandelt, ist deshalb auch ungewiss. Bislang hat der Hoffnungs-Kandidat jedenfalls das Thema sorgsam gemieden.

Eine Tatsache, die Tom Piazza beispielsweise "ausgesprochen enttäuschend" findet. Eigentlich sei Obama nämlich jemand, der dazu in der Lage ist, in großen Zusammenhängen zu denken. "Deshalb müsste er verstehen, dass New Orleans kein lokales Problem ist, sondern dass es um uns alle geht. Es um unsere Geschichte und Kultur, aber vor allem darum, wie wir in Amerika miteinander umgehen."

Vermutlich, fügt Piazza an, sehe Obama das alles ein. Vermutlich sei aber das Problem New Orleans mittlerweile so groß, dass man sich als Politiker daran nur die Finger verbrennen kann.

Autor:  SEBASTIAN MOLL
Datum:  29 | 8 | 2008
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