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05. Januar 2015

New York : New Yorker Polizisten schmollen

 Von Sebastian Moll
Bei der Rede des New Yorker Bürgermeisters Bill de Blasio drehen sich Ordungshüter zum Zeichen des Trotzes um.  Foto: REUTERS

In der US-Metropole New York herrscht kaum Verständnis für den Protest gegen Stadt-Chef DeBlasio. Vor dem Bestattungsunternehmens, in dem Liu aufgebahrt war, kehrten die New Yorker Polizisten dem Bürgermeister den Rücken.

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New York –  

Die Worte von Bill DeBlasio waren eindringlich. Die Stadt New York, sagte ihr Bürgermeister am Sarg des ermordeten Polizisten Wenjian Liu, habe eine lange Tradition der Toleranz, eine Tradition, die über Jahrhunderte ein harmonisches Zusammenleben von Menschen der verschiedensten Herkünfte ermöglicht habe. Auf diese Fähigkeiten müsse sich New York in diesen schweren Tagen dringend wieder besinnen, ungeachtet aller Differenzen.

Die Worte halfen nicht, vor der Tür des Bestattungsunternehmens, in dem Liu aufgebahrt war, wollte man von versöhnlichen Tönen nichts wissen. Hunderte New Yorker Polizisten in dunkelblauer Sonntagsuniformen kehrten DeBlasio trotzig den Rücken zu, dessen Rede dort, an der 65th Street in Brooklyn, auf eine Großleinwand übertragen wurden.

Die Trotzhaltung war die Wiederholung derselben Geste, welche die Beamten, die sich gerne selbst als „New York’s Finest“ bezeichnen, bereits eine Woche zuvor zur Schau gestellt hatten. Damals hatte DeBlasio am Grab von Rafael Ramos gesprochen, dem Partner von Liu, der zusammen mit seinem chinesischstämmigen Kollegen am 20. Dezember kaltblütig und ohne Vorwarnung erschossen worden war.

Die New Yorker Cops sind empört, sie fühlen sich von ihrem Bürgermeister im Stich gelassen. Noch als Ramos und Liu im Krankenhaus um ihr Leben rangen, verortete der streitbare Gewerkschaftsanführer Pat Lynch den Schuldigen für den Angriff auf die beiden im Rathaus. „Heute haben viele Leute Blut an ihren Händen. Einer davon sitzt im Büro des Bürgermeisters“, so Lynch.

Lynch ist der Meinung, der linksliberale Bürgermeister, der unter anderem angetreten war, um willkürliche Polizeischikanen gegen Minderheiten einzudämmen, nicht hinter seiner Ordnungsmacht steht. Besonders sauer aufgestoßen war dem irisch-stämmigen Cop aus Queens die Rede von DeBlasio nach der Entscheidung einer Grand Jury in Staten Island, den Polizisten, der für den Tod des unbewaffneten Afro-Amerikaners Eric Garner verantwortlich war, nicht anzuklagen. DeBlasio hatte in seinen Bemerkungen einen latenten Rassismus der New Yorker Polizei angemahnt, er selber, so DeBlasio, habe seinen schwarzen Sohn von klein auf zur Vorsicht im Umgang mit der Polizei gemahnt. Die Beziehungen zwischen Polizei und vorwiegend von Minderheiten bewohnten Vierteln, müsse deshalb verbessert werden.

Aufbau der NYPD

Der New Yorker Polizei wird seit langem systematischer Rassismus vorgeworfen, der aufsehenerregende Tod des Afro-Amerikaners Eric Garner hat dieses Problem endgültig in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit befördert, der 43-jährige Asthmatiker erstickte während seiner Festnahme im Juli 2014. Die Ermordung zweier Polizisten aus vermeintlicher Rache für Eric Garner hat dieses Bild jedoch verkompliziert. Der eine Beamte, Rafael Ramos, war lateinamerikanischer Abstammung, der andere, Wenjian Liu, war chinesischer Abstammung. Insgesamt sind lediglich 53 Prozent der New Yorker Polizei weiß. Die demografische Zusammensetzung der Ordnungsmacht entspricht weitgehend der New Yorker Bevölkerung. Unter den unteren Rängen, den gewöhnlichen Streifenpolizisten ist das Verhältnis gar umgekehrt, sie sind zu 53 Prozent Nicht-Weiß. Die Zeitschrift „The New Republic“ glaubt deshalb, dass das Problem der Polizeigewalt eher eines der Klasse ist als der Rasse. Die Gewalt gilt den armen Gegenden der Stadt, die nun einmal vorwiegend hispanisch oder schwarz sind. Die Ethnizität sei jedoch nicht der Auslöser. (seb)

Daraus drehte Lynch eine Art Dolchstoßlegende, die offensichtlich ein beträchtlicher Teil der New Yorker Cops adaptierte. Die Ordnungshüter, die sich von der Regierung im Stich gelassen und von vielen Bürgern angefeindet sahen, schmollten. „DeBlasio hasst uns“, sagte am Grab von Liu ein altgedienter Offizier und gab damit die Stimmung im Corps wieder.

Restlichen Respekt verspielt


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So weit ging ihr Gefühl, betrogen worden zu sein, dass sie in der Weihnachtswoche in einen de facto Streik traten. Die Anzahl der Anzeigen und Verwarnungen wegen Ordnungswidrigkeiten und kleineren Vergehen sank in der Woche um 94 Prozent. Das kam bei den meisten New Yorkern überhaupt nicht gut an. Selbst die Boulevardzeitung Daily News verlangte von den Polizisten eine Entschuldigung. Die Redakteure der „New York Times“ schrieben in einem Leitartikel, die Polizei verderbe sich „jeglichen Rest-Respekt in der Bevölkerung“ mit ihrer „Überheblichkeit und ihrem Selbstmitleid.“ Das Empfinden der Polizei, dass der Bürgermeister sie hasse, so die Times, sei „eine schräge Wahrnehmung.“

Pei Xia Chen trauert um ihren Ehemann, Wenjian Liu.  Foto: AFP

Auch Polizeichef Bill Bratton, an sich ein Hardliner, versuchte die Wogen zu glätten. Er sprach bei der Beerdigung von Rafael Ramos davon, dass die Polizisten lernen müssten, die Bürger auch in von Minderheiten bewohnten Gebieten als Leute wie sie zu erkennen und nicht als Feind. Und umgekehrt. Für die Beerdigung von Wenjian Liu bat er von weiteren Kundgebungen abzusehen.

Doch seine Truppen hörten nicht auf Bratton. Sie hörten lieber auf den Brandstifter Lynch und sabotieren somit alle Bemühungen der Stadtregierung, die Spannung in der Stadt zwischen Polizei und Bevölkerung zu mindern. „Die New Yorker Polizei isoliert sich vollkommen“, kommentierte die „New York Times“.

Dabei war den Polizisten selbst von Seiten der Demonstranten gegen Polizeigewalt nach dem Tod von Liu und Ramos eine Welle des guten Willens entgegen geschlagen. Bei Demonstrationen unmittelbar nach der Tat wurden Schweigeminuten für die Polizisten abgehalten. Der Schlachtruf „Black Lives Matter“ wurde in den Schlachtruf „All Lives Matter“ umgewandelt.

Doch diese Sympathie hat die New Yorker Polizei an diesem Wochenende wieder verspielt. Die Aufgabe von DeBlasio, die Straßen der Stadt zu befrieden, ist dadurch um ein vielfaches schwieriger geworden.

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