Managua. In seinem schlichten Haus in Managua sitzt Ernesto Cardenal im Schaukelstuhl und zürnt. Dem nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega, den die Macht korrumpiert habe, manchen Kadern seiner alten Partei FSLN, die sich schamlos bereichert hätten, und vor allem der Politik der neuen sandinistischen Regierung, die seit 2007 wieder an der Macht ist. "Es ist nichts geblieben von der Revolution", sagt der Dichter und Priester Cardenal. "Nichts ist mehr links, nichts ist mehr sandinistisch." Cardenal ist 84. Der revolutionäre Dichter schließt die Augen und holt weiter aus: "Ortega, seine Frau und seine Söhne haben die totale Macht: Sie kontrollieren die Justiz, das Parlament, die Wahlbehörde. Es ist eine Familiendiktatur."
Der einstige Kulturminister der FSLN hat sich schon lange von Ortega und der Partei abgewandt, so wie die meisten der einstigen Weggefährten. Vor allem die Dichter und Denker, die der Revolution vor 30 Jahren ein Gesicht gaben, sind abgefallen. Neben Cardenal auch der frühere Vizepräsident Sergio Ramírez und die Schriftstellerin Gioconda Belli.
Damals, vor 30 Jahren, flogen den Sandinisten aus der ganzen Welt die Sympathien zu, weil ihre Revolution die Hoffnung auf ein neues, linkes und undogmatisches Projekt verkörperte. "Unsere Revolution war etwas Reines", sagt Gioconda Belli rückschauend. "Ich dachte sie würde ewig dauern", sagt Ernesto Cardenal.
Doch die Ewigkeit währte nur einen Frühling. Bereits zwei Jahre später schickten die USA Söldner in den "Contra-Krieg". Die Niederlage der Sandinisten kam aber erst 1990 - an den Urnen. Nach neun Jahren Krieg, mehr als 20 000 Toten und einer zerrütteten Wirtschaft stimmten die Nicaraguaner gegen den Krieg. Mit der Niederlage gingen auch die hehren Ideale der Revolution vor die Hunde. Viele Sandinisten sicherten sich vor dem Machtwechsel Häuser, Fabriken, Ländereien.
Wer im Juli 2009 durch Nicaragua fährt, hat auf den ersten Blick einen anderen Eindruck. Die FSLN ist wieder an der Macht, Gesundheit und Bildung sind wieder kostenfrei. Auf den zweiten Blick entpuppt sich die Revolution von 2009 als eine farblose Kopie. Präsident Ortega schmiedete Allianzen mit ideologischen Erzfeinden wie dem korrupten Ex-Präsidenten Arnoldo Alemán. Er lässt die Opposition von Wahlen ausschließen oder Politiker vor Gericht verfolgen. "Er klebt an der Macht wie ein Süchtiger", sagt Ex-Kampfgefährte Ramírez.
Den meisten Armen in Nicaragua sind diese Ränke egal. Für sie zählen die Sozialprogramme, die Ortega aufgelegt hat, seit er 2007 die Macht übernommen hat. Mit venezolanischen Petrodollars werden Häuser und Straßen gebaut, Nahrungsmittel in den Armenvierteln billig abgegeben und der Analphabetismus bekämpft. Doch trotz Chávez' Hilfen und den 500 Millionen Dollar jährlich, die internationale Geldgeber seit Jahrzehnten nach Nicaragua pumpen, bleibt das Land das Armenhaus Zentralamerikas. Jeder Zweite muss mit zwei Dollar Einkommen am Tag auskommen. Verantwortlich sind dafür allerdings nicht nur die Ortegas, sondern auch all die Regierungen, die sich nach der Abwahl der Sandinisten die eigenen Taschen füllten statt die der hungernden Bevölkerung.
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