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Nicaraguas Revolution wird 30: Augen zu und fleißig helfen

Die ost-westdeutsche Nicaragua-Bewegung: Was ist geworden aus dem Umbruch in Nicaragua? Die Erntehelfer sind längst abgezogen, die Armut grassiert weiter, und Daniel Ortega hat - wieder - die Fäden in der Hand. Von Thorsten Schmid

Der Kampf gegen das Somoza-Regime begeisterte Linke in der ganzen Welt. Das Foto zeigt Guerilleros 1978 in Managua, Nicaragua.
Der Kampf gegen das Somoza-Regime begeisterte Linke in der ganzen Welt. Das Foto zeigt Guerilleros 1978 in Managua, Nicaragua.
Foto: Getty

Die Nationalgardisten der Diktatur flüchteten kopflos, Autos mit rot-schwarzen Fahnen fuhren hupend durch die Straßen, vor dem Stadion stürzte die Statue des Despoten in den Staub. Die Menge tanzte auf den Straßen. Von den Kämpfen der vergangenen Tage gezeichnete Guerilleros feuerten in die Luft. In Managua herrschten am 19. Juli 1979 Chaos und Siegestaumel. Am Tag danach strömten Hunderttausende auf den großen Platz vor der Kathedrale der Hauptstadt Nicaraguas, um den Sieg der Sandinisten über die Diktatur des Somoza-Clans zu feiern, der das Land 42 Jahre lang im Würgegriff gehalten hatte.

All dies ist an diesem Sonntag genau 30 Jahre her. Daniel Ortega, die herausragende Figur der fünfköpfigen Regierungsjunta, die die Macht übernommen hatte, war damals 33 Jahre alt. Unter Somoza hatte er sieben Jahre im Gefängnis gesessen. Verwaltungserfahrung hatte er keine. Die anderen Mitglieder der Junta auch nicht. Erfolge konnten die Revolutionäre trotzdem schon bald vorweisen: Bauern in abgeschiedenen Gegenden hatten erstmals in ihrem Leben Zugang zur Gesundheitsversorgung. Innerhalb von vier Jahren sank die Analphabetenquote von 50 Prozent auf 13 Prozent. Eine Agrarreform wurde in Angriff genommen.

Solidarität in der DDR

Die sandinistische Revolution stieß in Europa auf breite Sympathie, vor allem auch im geteilten Deutschland. Im Westen entstanden - im Schoß des studentischen Milieus, der Stadtteilorganisationen, der Gewerkschaften, der Jungsozialisten, der Kirche - weit über hundert Solidaritätskomitees. Im Osten war die Solidarität mit Nicaragua ein zentrales Anliegen der Partei- und Staatsführung - schließlich stand das neue Nicaragua, allem Gerede von Blockfreiheit zum Trotz, von Anfang an im eigenen Lager. Doch gab es in der DDR auch unabhängige Solidaritätsgruppen, die schnell ins Visier der Stasi gerieten.

Viele Westdeutsche machten sich nach Nicaragua auf, um vor Ort zu helfen - als Arzt oder Krankenschwester, Tischler, Lehrer oder Student. Jede und jeder fand eine Nische, um beim Aufbau des neuen Gemeinwesens mitzuhelfen. Die Euphorie war groß. Als nach dem Regierungsantritt von Helmut Kohl 1982 die Hilfe für Nicaragua weitgehend eingestellt wurde, als der konservative US-Präsident Ronald Reagan die exilnicaraguanischen Truppen der Contra bewaffnete und das Land in einen langen Krieg stürzte, wuchs die Solidaritätsbewegung noch. Wie im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939, in dem internationale Brigaden die Republikaner gegen die Franco-Truppen unterstützt hatten, so wurden nun - unbewaffnete - Brigaden für Nicaragua aufgestellt: Kaffee-, Baumwoll-, Gesundheitsbrigaden.

Tausende junge Deutsche schwitzten auf den Kaffeeplantagen und den Baumwollfeldern, litten unter Moskito-Schwärmen und konnten sich mit der lokalen Bevölkerung oft nur radebrechend unterhalten. Sie schliefen auf Pritschen, ernährten sich von "gallo pinto" (gefleckter Hahn), einer Speise aus schwarzen Bohnen und Reis, manchmal garniert mit etwas Frischkäse oder einem Ei, und lasen Omar Cabezas' autobiografischen Roman "Die Erde dreht sich zärtlich, Compañera". Man mag heute darüber schmunzeln. Gewiss machten sich auch viele Abenteurer und Sektierer nach Nicaragua auf. Fakt ist jedoch, dass 15 000 Westdeutsche in den zehn Jahren der sandinistischen Herrschaft sich in Nicaragua engagierten, für wenig oder gar kein Geld arbeiteten, halfen oder wenigstens helfen wollten. Für viele war die Konfrontation mit Not und Elend eine prägende Erfahrung.

Von der politischen Entwicklung allerdings bekamen viele wenig mit, oder sie verschlossen die Augen. Eine Zensur der Presse gab es bereits, bevor die Contra den Krieg entfesselte. Oppositionelle Parteien wurden schon früh bedrängt. Und die Indianer der Atlantikküste wurden im großen Stil vertrieben. Wer jahrelang in Nicaragua arbeitete, und es waren viele, konnte die autoritären Tendenzen nicht übersehen. In den politischen Zirkeln der Westdeutschen in Managua wusste man Bescheid, doch man schwieg, und das noch lange. Wer die Missstände und Verbrechen in Managua oder West-Berlin ansprach, geriet schnell in den Ruch, die Sache der Contra zu vertreten.

Die Ostdeutschen, die es nach Nicaragua verschlagen hatte, hatten solche Probleme nicht. Nicaragua war viel freier als die DDR. Es gab eine oppositionelle Presse und oppositionelle Parteien. Nur das durfte die ostdeutschen Aufbauhelfer nicht interessieren. Die meisten lebten abgeschottet im Hotel Las Mercedes am Rand Managuas. Die DDR lieferte dem befreundeten Nicaragua ein komplettes Krankenhaus samt 80 Ärzten, Schwestern, Technikern und Dolmetschern, sie baute für das sandinistische Parteiorgan "Barricada" eine Druckerei. Zudem half die DDR tüchtig beim Aufbau eines neuen Staatssicherheitsdienstes. Sie lieferte die technische Ausrüstung für die Überwachung, während Kuba für die Ausbildung der Kader sorgte. Auf Rügen wurden nicaraguanische Offiziere ausgebildet und kriegsverletzte Soldaten in DDR-Kliniken behandelt.

Brillen für Nicaragua

Doch gab es in der DDR auch ein Dutzend unabhängiger Solidaritätskomitees, vor allem im Umkreis der Kirche. Der Priesterpoet und sandinistische Kulturminister Ernesto Cardenal, der mit seiner sanften Stimme, dem weißem Bart und der Baskenmütze auch im Westen manches Herz eroberte, galt im Osten, wo die Partei der Kirche feindlich gegenüberstand, vielen als Beweis der Kompatibilität von Sozialismus und Kirche. Die unabhängigen Gruppen hatten sich mit unzähligen praktischen Problemen herumzuschlagen, wenn sie Hilfsgüter oder Spendengeld nach Nicaragua übermitteln wollten. Ihre Mitglieder konnten ja nicht einfach ins Flugzeug nach Managua einsteigen. Man hielt sie alle für potenzielle Republikflüchtlinge.

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Autor:  THOMAS SCHMID
Datum:  17 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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