Die Geschichte des Afghanistan-Krieges muss nicht neu geschrieben werden. Doch nach der Veröffentlichung von fast 75000 Seiten geheimer US-Papiere an diesem Montag müssen einige Kapitel der Geschichte ergänzt werden. Die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes etwa verdient es, stärker beleuchtet zu werden, aber auch der Einfluss lokaler Warlords. Stärker in den Fokus rücken müssen auch die Ursachen jenes Widerstands in Afghanistan, der den internationalen Truppen seit 2006 zu schaffen macht. Die zivilen Opfer müssen grundsätzlich mehr Beachtung finden. Und ein eigenes Kapitel verdient sicher die Task Force 373, jene geheime US-Kommando-Einheit, die in Afghanistan mehr als 2000 namentlich bekannte hochrangige Taliban-Kämpfer ergreifen soll – tot oder lebendig.
Die Geheimpapiere, die die Internetplattform Wikileaks dem Spiegel, der New York Times und dem britischen Guardian schon vor einigen Wochen zur Verfügung gestellt hat und die nun im Internet zugänglich sind, sollen aus US-Militärdatenbanken stammen. Es sind ungefilterte, ungewichtete Nachrichten von Feldwebeln, Gefechtsmeldungen sowie angebliche Geheimdienstinformationen. Ihr schieres Volumen – Tausende Meldungen aus einem Zeitraum vom 1. Januar 2004 bis 31. Dezember 2009 – droht, den Beobachter zu erschlagen. Recherchen der drei Zeitungen sowie erste Reaktionen des Weißen Hauses und des Verteidigungsministeriums lassen den Schluss zu, dass es sich um authentische Dokumente handelt.
Bei einem Raketenangriff im Süden Afghanistans sind nach offiziellen
Angaben 40 bis 45 Zivilisten getötet worden. Ein Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai bestätigte
damit am Montag in Kabul einen BBC-Bericht. Karsai hatte zuvor angekündigt, der Nationale Sicherheitsrat solle den Vorfall untersuchen, bei dem am Freitag ein Dorf in der Unruheprovinz Helmand getroffen wurde. In der Gegend kämpfen Isaf-Soldaten gegen die Taliban.
Das Geschoss schlug demnach in einem Haus ein, in dem bis zu 45 Menschen Zuflucht gesucht hatten. Zuvor hatte die Regierung mitgeteilt, durch die Rakete seien auch Frauen und Kinder getötet worden. Ein Isaf-Sprecher gab an, die Nato-Truppen seien „mehrere Kilometer“ von dem Dorf entfernt in Kämpfe mit Aufständischen verwickelt gewesen. Laut einer Untersuchung gebe es keine Hinweise auf getötete Zivilisten. afp
Die geheimen Taliban-Jäger
Am Sonntag, 17. Juni 2007, genau um 21.09 Uhr, geht beim US-Militär eine Meldung über eine Kommando-Aktion der Task Force 373 ein, die belegt, wie gefährlich und oftmals fatal das Agieren dieser geheimen Taliban-Jäger ist. Die Task Force, über die bislang nur gemunkelt wurde, soll aus US-Spezialkräften bestehen und gezielt Personen ergreifen, die von den USA und ihren Verbündeten als hochrangige Taliban, Drogenbarone oder gefährliche Warlords in Afghanistan identifiziert worden sind. Die Zielpersonen werden auf die „Joint Prioritized Effects List“ gesetzt und zur Fahndung ausgeschrieben – auf fragwürdiger rechtlicher Grundlage.
An jenem 17. Juni soll die Task Force Abu Layth al-Libi ergreifen. Der berüchtigte Libyer wird in einer Koranschule vermutet. Die Soldaten feuern fünf Raketen auf sein vermeintliches Versteck, anschließend stürmen die Kommandosoldaten das Gelände – und finden lediglich „7x NC KIA“. Hinter diesem kryptischen Kürzel, das die Meldung aufführt, verbirgt sich eine Katastrophe für die Isaf: sieben getötete Kinder, die offenbar gegen ihren Willen in der Koranschule festgehalten worden waren. In einer Erklärung entschuldigt sich die Isaf für diesen Vorfall und gesteht den Tod der Kinder ein. Den Angriff bringt sie aber nicht mit Al-Libi in Verbindung, sondern behauptet, die Truppen hätten auf „verdächtige Aktivitäten“ auf dem Gelände reagiert. Das war gelogen. Wie hieß es in der Nachricht? „Die Information, dass die Task Force 373 diese Operation durchgeführt hat, muss geschützt werden.“
Der Alltag in Afghanistan ist nicht allein wegen solcher Kommandoaktionen gefährlich. Jahr für Jahr wächst die Gefahr für Zivilisten, durch fehlgeleitete Bomben der Alliierten oder durch versteckte Sprengsätze der Aufständischen getötet zu werden. Die Geheimpapiere belegen, wie sehr sich diese improvisierten Sprengsätze zur wichtigen Waffe für die Aufständischen entwickelt haben. 304 solcher selbst gebastelter Bomben vermerken die Alliierten für das Jahr 2004, im vorigen Jahr sind es mehr als 7000.
Tödliche Sprengsätze
Insgesamt, so haben es die Guardian-Kollegen ausgerechnet, sind in den vergangenen fünf Jahren 16000 dieser Sprengsätze an Straßenrändern vergraben, auf belebten Plätze gezündet oder unter Fahrzeugen versteckt worden. Nur etwa die Hälfte dieser Bomben konnte von den Isaf-Truppen entschärft werden. 7000 Afghanen fielen in dieser Zeit Sprengstoffanschlägen zum Opfer.
Zugleich wächst auch die Zahl der zivilen Opfer, die durch Isaf-Truppen sterben. Etwa durch die Bombardierung angeblicher Taliban-Treffen, die sich später als harmlose Hochzeitsgesellschaften herausstellen. Oder durch Schüsse auf verdächtige Fahrzeuge, die Warnsignale missachten – meist kein vereitelter Anschlag, sondern ein tödlicher Irrtum. Nach Durchsicht der Papiere kommt der Spiegel zu der Erkenntnis, dass sie aus deutscher Sicht „keine bislang unbekannten Gewaltexzesse etwa gegenüber der Zivilbevölkerung und auch keine illegalen Geheimoperationen, an denen die Deutschen teilgenommen hätten“, enthalten.
Stattdessen gebe es Hinweise, dass sich der Widerstand gegen die ausländischen Truppen Anfang 2006 zunächst „nur durch Geldzahlungen und Drohungen der Aufständischen“ formiert habe. Zwischen 700 und mehreren tausend Dollar werden Afghanen geboten, wenn sie sich gegen die „Ausländer“ stellen, künftig aufseiten der Taliban kämpfen und beispielsweise Hauptversorgungsrouten mit Sprengsätzen verminen.
Als Geldgeber fallen die Namen berüchtigter Warlords wie Gulbuddin Hekmatyar, der im Bürgerkrieg die Hauptstadt Kabul in Schutt und Asche legte. Oder Sirajuddin Haqqani, dessen Familie großen Einfluss in Ostafghanistan hat und den Drogenschmuggel maßgeblich kontrollieren soll.
Die Geheimdokumente belegen auch die Skepsis, die US-Offizielle gegenüber dem vermeintlichen Verbündeten Pakistan haben. Der pakistanische Geheimdienst ISI wird direkt mit den Aufständischen in Verbindung gebracht, soll logistische Hilfe und Waffen liefern und den Taliban gezielte Aufträge geben, heißt es in den Papieren. Allerdings, so warnen alle drei Publikationen, enthalten andere Meldungen deutlich übertriebene Behauptungen, Quellen wollen sogar hochrangigsten Al-Kaida-Leuten bis hinauf zu Osama bin Laden auf Treffen begegnet sein. Deshalb müssen solche Meldungen mit einer grundsätzlichen Skepsis betrachtet werden; dennoch erklären sie, weshalb in der internationalen Gemeinschaft ein wachsendes Unbehagen gegenüber Pakistan zu beobachten ist.
Knapp 75000 Seiten geheime Dokumente sind seit Montag im Internet abzurufen − doch die letzte Wahrheit über den Einsatz am Hindukusch enthalten auch sie nicht.
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