kalaydo.de Anzeigen

Afghanistan-Krieg: Nichts als fast die Wahrheit

Geheimdokumente zum Afghanistan-Einsatz belegen die Existenz eines US-Todeskommandos, die Stärke der Taliban und die zwielichtige Rolle Pakistans. Aber auch Zehntausende Seiten können die Dimension des Krieges nur schwer fassbar machen.

Schmales Brett: US-amerikanische Soldaten spielen „Risk“ – zu deutsch: „Risiko“.
Schmales Brett: US-amerikanische Soldaten spielen „Risk“ – zu deutsch: „Risiko“.
Foto: REUTERS
BERLIN –  

Die Geschichte des Afghanistan-Krieges muss nicht neu geschrieben werden. Doch nach der Veröffentlichung von fast 75000 Seiten geheimer US-Papiere an diesem Montag müssen einige Kapitel der Geschichte ergänzt werden. Die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes etwa verdient es, stärker beleuchtet zu werden, aber auch der Einfluss lokaler Warlords. Stärker in den Fokus rücken müssen auch die Ursachen jenes Widerstands in Afghanistan, der den internationalen Truppen seit 2006 zu schaffen macht. Die zivilen Opfer müssen grundsätzlich mehr Beachtung finden. Und ein eigenes Kapitel verdient sicher die Task Force 373, jene geheime US-Kommando-Einheit, die in Afghanistan mehr als 2000 namentlich bekannte hochrangige Taliban-Kämpfer ergreifen soll – tot oder lebendig.

Die Geheimpapiere, die die Internetplattform Wikileaks dem Spiegel, der New York Times und dem britischen Guardian schon vor einigen Wochen zur Verfügung gestellt hat und die nun im Internet zugänglich sind, sollen aus US-Militärdatenbanken stammen. Es sind ungefilterte, ungewichtete Nachrichten von Feldwebeln, Gefechtsmeldungen sowie angebliche Geheimdienstinformationen. Ihr schieres Volumen – Tausende Meldungen aus einem Zeitraum vom 1. Januar 2004 bis 31. Dezember 2009 – droht, den Beobachter zu erschlagen. Recherchen der drei Zeitungen sowie erste Reaktionen des Weißen Hauses und des Verteidigungsministeriums lassen den Schluss zu, dass es sich um authentische Dokumente handelt.

Tod von zivilisten

Bei einem Raketenangriff im Süden Afghanistans sind nach offiziellen
Angaben 40 bis 45 Zivilisten getötet worden. Ein Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai bestätigte
damit am Montag in Kabul einen BBC-Bericht. Karsai hatte zuvor angekündigt, der Nationale Sicherheitsrat solle den Vorfall untersuchen, bei dem am Freitag ein Dorf in der Unruheprovinz Helmand getroffen wurde. In der Gegend kämpfen Isaf-Soldaten gegen die Taliban.
Das Geschoss schlug demnach in einem Haus ein, in dem bis zu 45 Menschen Zuflucht gesucht hatten. Zuvor hatte die Regierung mitgeteilt, durch die Rakete seien auch Frauen und Kinder getötet worden. Ein Isaf-Sprecher gab an, die Nato-Truppen seien „mehrere Kilometer“ von dem Dorf entfernt in Kämpfe mit Aufständischen verwickelt gewesen. Laut einer Untersuchung gebe es keine Hinweise auf getötete Zivilisten. afp

Die geheimen Taliban-Jäger

Am Sonntag, 17. Juni 2007, genau um 21.09 Uhr, geht beim US-Militär eine Meldung über eine Kommando-Aktion der Task Force 373 ein, die belegt, wie gefährlich und oftmals fatal das Agieren dieser geheimen Taliban-Jäger ist. Die Task Force, über die bislang nur gemunkelt wurde, soll aus US-Spezialkräften bestehen und gezielt Personen ergreifen, die von den USA und ihren Verbündeten als hochrangige Taliban, Drogenbarone oder gefährliche Warlords in Afghanistan identifiziert worden sind. Die Zielpersonen werden auf die „Joint Prioritized Effects List“ gesetzt und zur Fahndung ausgeschrieben – auf fragwürdiger rechtlicher Grundlage.

An jenem 17. Juni soll die Task Force Abu Layth al-Libi ergreifen. Der berüchtigte Libyer wird in einer Koranschule vermutet. Die Soldaten feuern fünf Raketen auf sein vermeintliches Versteck, anschließend stürmen die Kommandosoldaten das Gelände – und finden lediglich „7x NC KIA“. Hinter diesem kryptischen Kürzel, das die Meldung aufführt, verbirgt sich eine Katastrophe für die Isaf: sieben getötete Kinder, die offenbar gegen ihren Willen in der Koranschule festgehalten worden waren. In einer Erklärung entschuldigt sich die Isaf für diesen Vorfall und gesteht den Tod der Kinder ein. Den Angriff bringt sie aber nicht mit Al-Libi in Verbindung, sondern behauptet, die Truppen hätten auf „verdächtige Aktivitäten“ auf dem Gelände reagiert. Das war gelogen. Wie hieß es in der Nachricht? „Die Information, dass die Task Force 373 diese Operation durchgeführt hat, muss geschützt werden.“

Der Alltag in Afghanistan ist nicht allein wegen solcher Kommandoaktionen gefährlich. Jahr für Jahr wächst die Gefahr für Zivilisten, durch fehlgeleitete Bomben der Alliierten oder durch versteckte Sprengsätze der Aufständischen getötet zu werden. Die Geheimpapiere belegen, wie sehr sich diese improvisierten Sprengsätze zur wichtigen Waffe für die Aufständischen entwickelt haben. 304 solcher selbst gebastelter Bomben vermerken die Alliierten für das Jahr 2004, im vorigen Jahr sind es mehr als 7000.

Tödliche Sprengsätze

Insgesamt, so haben es die Guardian-Kollegen ausgerechnet, sind in den vergangenen fünf Jahren 16000 dieser Sprengsätze an Straßenrändern vergraben, auf belebten Plätze gezündet oder unter Fahrzeugen versteckt worden. Nur etwa die Hälfte dieser Bomben konnte von den Isaf-Truppen entschärft werden. 7000 Afghanen fielen in dieser Zeit Sprengstoffanschlägen zum Opfer.

Zugleich wächst auch die Zahl der zivilen Opfer, die durch Isaf-Truppen sterben. Etwa durch die Bombardierung angeblicher Taliban-Treffen, die sich später als harmlose Hochzeitsgesellschaften herausstellen. Oder durch Schüsse auf verdächtige Fahrzeuge, die Warnsignale missachten – meist kein vereitelter Anschlag, sondern ein tödlicher Irrtum. Nach Durchsicht der Papiere kommt der Spiegel zu der Erkenntnis, dass sie aus deutscher Sicht „keine bislang unbekannten Gewaltexzesse etwa gegenüber der Zivilbevölkerung und auch keine illegalen Geheimoperationen, an denen die Deutschen teilgenommen hätten“, enthalten.

Stattdessen gebe es Hinweise, dass sich der Widerstand gegen die ausländischen Truppen Anfang 2006 zunächst „nur durch Geldzahlungen und Drohungen der Aufständischen“ formiert habe. Zwischen 700 und mehreren tausend Dollar werden Afghanen geboten, wenn sie sich gegen die „Ausländer“ stellen, künftig aufseiten der Taliban kämpfen und beispielsweise Hauptversorgungsrouten mit Sprengsätzen verminen.

Als Geldgeber fallen die Namen berüchtigter Warlords wie Gulbuddin Hekmatyar, der im Bürgerkrieg die Hauptstadt Kabul in Schutt und Asche legte. Oder Sirajuddin Haqqani, dessen Familie großen Einfluss in Ostafghanistan hat und den Drogenschmuggel maßgeblich kontrollieren soll.

Die Geheimdokumente belegen auch die Skepsis, die US-Offizielle gegenüber dem vermeintlichen Verbündeten Pakistan haben. Der pakistanische Geheimdienst ISI wird direkt mit den Aufständischen in Verbindung gebracht, soll logistische Hilfe und Waffen liefern und den Taliban gezielte Aufträge geben, heißt es in den Papieren. Allerdings, so warnen alle drei Publikationen, enthalten andere Meldungen deutlich übertriebene Behauptungen, Quellen wollen sogar hochrangigsten Al-Kaida-Leuten bis hinauf zu Osama bin Laden auf Treffen begegnet sein. Deshalb müssen solche Meldungen mit einer grundsätzlichen Skepsis betrachtet werden; dennoch erklären sie, weshalb in der internationalen Gemeinschaft ein wachsendes Unbehagen gegenüber Pakistan zu beobachten ist.

Knapp 75000 Seiten geheime Dokumente sind seit Montag im Internet abzurufen − doch die letzte Wahrheit über den Einsatz am Hindukusch enthalten auch sie nicht.

Autor:  Steffen Hebestreit
Datum:  26 | 7 | 2010
Kommentare:  1
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (240 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Eintracht Frankfurt gegen Fortuna Düsseldorf 
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Lobhudelei in traurig-krächzender Show
Ist die Verwertung weggeworfener Kekse strafbar? Karsten Hilsen (vorne) muss sich wegen dieser Frage vor Gerichte verantworten.
Prozess wegen Containern 
Benjamin Köhler brachte Frankfurt in Führung
Klassenbuch Eintracht - Düsseldorf 
Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!