Typisch Afrika. Natürlich muss das Größte für den Big Boss sein. Also erhält Vizekanzler Guido Westerwelle beim Dinner-Empfang in Johannesburg das Trikot der südafrikanischen Fußballnationalmannschaft als Gastgeschenk in der Größe XXL überreicht, während sich sein wesentlich korpulenterer Parteifreund Dirk Niebel in ein "medium" quetschen soll. Der Entwicklungsminister nimmt es gelassen: "Das kriegt mein Sohn", sagt er.
Schließlich sind die Parteifreunde an solchen Komplikationen auch selber schuld. Sie waren es, die unbedingt als Doppelpack in Afrika auftreten wollten: Das individuelle Maßnehmen wurde dadurch eher erschwert. Auch die Protokollabteilungen wurden vom fünftägigen Afrika-Aufenthalt des Duos vor ungewohnte Herausforderungen gestellt: Etwa als in Pretorias Präsidentenamt partout nur zwei Rednerpulte aufzutreiben waren, und Minister Niebel vor der Presse wie eine funktionslose dritte Säule in einem Torbogen zu stehen kam.
Von ihrer Tandem-Fahrt versprachen sich die beiden Minister der Ressorts, die erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik von derselben Partei besetzt sind, eine besser abgestimmte Außen- und Entwicklungspolitik. Dagegen befürchten Kritiker die totale FDP-isierung der auswärtigen Beziehungen, was deren Reduktion auf eine Förderung des Außenhandels bedeuten könne. Wenn Westerwelle eine Reise tut, pflegt er tatsächlich wie eine Magnetnadel die deutschen Handelskammern in den jeweiligen Ländern anzusteuern - was auch in Südafrika nicht anders war. Außerdem stand noch ein Innovationszentrum in Pretoria, sowie ein Besuch auf der Gefängnisinsel Robben Island auf dem Programm.
Kein Besuch im Township
Ein Township oder gar ein Hüttendorf, die Lebensmittelpunkte von 99 Prozent der Bevölkerung des Kontinents, bekam der Außenminister während seiner ersten offiziellen Afrikareise indessen nicht zu Gesicht. Überhaupt wäre es verwegen zu behaupten, dem FDP-Chef sei der unbequeme Erdteil in den fünf Tagen seines Besuchs irgendwie näher gekommen: Selbst seine vor der Johannesburger Handelskammer gehaltene erste größere Afrika-Rede fiel uninspiriert und innovationslos aus.
Was die angekündigte "Afrikapolitik aus einem Guss" oder das "Afrikakonzept der Bundesregierung" im Einzelnen bedeuten soll, muss so bis auf Weiteres im Dunkeln bleiben. Im zweiten Teil der Reise wurde Westerwelles Entrücktheit von der Katastrophe in Smolensk verstärkt, die immerhin zum Vorschein brachte, dass Deutschlands erster Diplomat auch Gefühl zeigen kann: Ein Statement zum Tod Lech Kaczinskys musste er abbrechen, weil ihm die Tränen kamen.
Gastgeber lobt Karl Marx
Auch die Afrikaner haben den in überraschend flüssigem Englisch parlierenden Vizekanzler nicht unmittelbar ins Herz geschlossen: Die Tatsache, dass der Besucher einer Partei angehört, deren wirtschaftsliberale Ideologie für die jüngste katastrophale Krise zumindest mitverantwortlich gemacht wird, sichern dem FDP-Chef keine Sympathien.
Ideologische Fragen würden bei Begegnungen auf Regierungsebene nicht debattiert, sagte Südafrikas Vizepräsident Kgalema Motlanthe nach einem Gespräch mit dem liberalen Gespann - um dann noch hinzuzufügen, dass er die soziale Marktwirtschaft für eine der besten deutschen Errungenschaften und "Karl Marx für den größten Denker aller Zeiten" halte. Das wollte der XXL-Gast doch nicht auf sich sitzen lassen: Marx sei gewiss "ein großer deutscher Denker" gewesen, räumte Westerwelle ein: In seiner Partei hätte er allerdings nichts zu suchen.
Weniger Berührungsängste scheint Parteifreund Niebel zu haben: Zumindest in Südafrika konnte er inzwischen sogar auf seine Bundeswehrkappe verzichten. Ohne Westerwelle wagte er sich auf den Fischmarkt in Dar-es-Salaam und fiel mit seinem Tross sogar in das Kapstädter Township Kayelitsha ein, wo er von der Bevölkerung mit "My President"-Gesängen empfangen wurde.
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