Der Konter ließ nicht lange auf sich warten. "Das ist glatte Erpressung", sagt der Vize-Vorsitzende des Verbands Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (Venro), Jürgen Lieser. Was ihn so auf die Palme bringt? Eine Ankündigung von Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP).
Er will finanzielle Zusagen für Hilfsverbände an ihre Bereitschaft zur Kooperation mit der Bundeswehr knüpfen. Wie er das in einem Deutschlandfunk-Interview schilderte, in arrogantem und schroffem Ton, brachte ihm keine Punkte bei den NGOs.
Mit Niebels Forderung bricht ein alter Streit neu auf. Die Hilfsorganisationen scheuen die Nähe zum Militär: Es instrumentalisiere die Entwicklungshilfe zu ihren Zwecken. Wenn etwa die Internationale Schutztruppe Isaf im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit (Cimic) Schuhe an Afghanen verteile, tue sie das auch, um Vertrauen zu schaffen, und so die Sicherheit zu erhöhen.
Ohnehin sind NGOs gefährdet
Die Nichtregierungsorganisationen fürchten nicht nur um ihre Unabhängigkeit, es geht ihnen auch um die Sicherheit ihrer Beschäftigten. Sie befürchten, dass Afghanen Militär und Entwicklungshilfe gleichsetzen könnten. Dadurch wächst die Gefahr von Anschlägen. Helfer werden ohnedies häufiger Opfer von Angriffen. Das Afghanistan NGO Safety Office registrierte im vergangenen Jahr 172 Übergriffe auf Helfer, von denen 16 tödlich endeten. Aus diesem Grund halbierten die Vereinten Nationen (UN) die Zahl ihrer Mitarbeiter, andere Organisationen zogen sich aus besonders gefährdeten Regionen oder gleich ganz aus dem Land zurück.
Dennoch geht der Aufbau weiter. "Wir kommen voran", sagt etwa Andreas Clausing von der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). Der Büroleiter des GTZ-Büros in Kabul verweist auf Erfolge: Städte hingen am Stromnetz, die Infrastruktur wurde ausgebaut, Lehrer ausgebildet. Doch gerade im Bildungsbereich geht es vielen nicht schnell genug, gemessen an den anfänglichen Zielen. So gehen nach offiziellen Angaben sieben der zwölf Millionen Kinder in die Schule - mehrheitlich Jungen. Immerhin wachse der Anteil der Mädchen, von elf Prozent 2007 auf 32 Prozent 2008, so Clausing.
Trotz der prekären Sicherheitslage und der teils schwierigen Arbeitsbedingungen im fünftärmsten Land der Welt seien die 60 Beschäftigten des GTZ-Büros motiviert. Nur einer habe darum gebeten, abreisen zu dürfen, nachdem am 10. Januar ein GTZ-Mitarbeiter aus bisher ungeklärten Ursachen zu Tode kam.
Überwiegend Positives berichten auch viele Polizei- und Lehrerausbilder sowie andere Helfer. Wenn Afghanen nach ersten Gesprächen und einigen Tassen Tee den Helfern erstal vertrauten, gehe vieles plötzlich schnell, was vorher gar nicht ging. Viele loben zudem das Engagement vieler Afghanen, wenn sie denn ein Projekt für sinnvoll hielten. (mit ddp)
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