Die in die Kritik geratene niedersächsische Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen (CDU) ist zurückgetreten. Das erklärte Ministerpräsident David McAllister (CDU) am Freitag vor der CDU-Fraktion. Die 46-Jährige war zuletzt bei Opposition und Tierschützern wegen ihrer beruflichen Vergangenheit in der Putenzuchtbranche in die Kritik geraten.
Noch vor ein paar Tagen hatte sich Astrid Grotelüschen einen Ruck gegebene und die Flucht nach vorne angetreten. Irgendetwas musste sie ja tun. Also gründete sie eine Arbeitsgruppe, Thema: Tierwohl. Masthühner sollen in ihrem wenige Wochen kurzen Dasein ein bisschen glücklicher werden.
Seit geraumer Zeit kritisieren norddeutsche Umweltschützer und die Opposition im Landtag von Hannover die Zustände in der Geflügelindustrie. Anfang der Woche kam dann auch noch heraus, dass die Tierärztliche Hochschule in Hannover bereits im September ein Gutachten über ekelhafte Missstände in der Geflügelmast für das Grotelüschen-Ministerium angefertigt hatte. Es wurde unter Verschluss gehalten.
Kein Wunder, heißt es bei SPD und Grünen. Die 46-jährige Ministerin ist ja nicht irgendwer: Ihr Mann ist einer der größten Putenmäster in Deutschland, bis Jahresbeginn arbeitete sie als Prokuristin in einem Geflügelunternehmen, davor leitete sie einen Großschlachthof in Mecklenburg-Vorpommern. „Die Ministerin ist ein starke Lobbyistin der Agroindustrie“, stellt der Grünen-Abgeordnete Christian Meyer fest. „Für die Geflügelwirtschaft tut sie alles.“
Wie das konkret aussieht: Im Landkreis Celle fördert das Land einen Schlachthof mit 6,5 Millionen Euro. Dort sollen einmal 135 Millionen Hühner pro Jahr geschlachtet werden, es wäre der größte Geflügelschlachthof Europas. Damit sich das lohne, müssten sich 400 Tierfabriken ansiedeln, die jeweils 40000 Hühner mästen, sagen die Grünen. „Das wird massive Proteste geben.“
Illegale Arbeiter
Der Grüne Meyer wirft der Ministerin vor, alles zu unterdrücken, was der Geflügelindustrie schaden könnte – so wie das Gutachten, in dem festgestellt wurde, dass „übermäßig viele Tiere“ in verdreckten Ställen eingehen. Als sich sogar ihr Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke im Oktober für Verbesserungen in den Mastställen aussprach, pfiff die Ministerin ihn angeblich zurück.
Mittlerweile, heißt es in Hannover, steige auch Ministerpräsident David McAllister der intensive Stallgeruch seiner Ministerin in die Nase. Zumal sie nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt: Im Sommer fing es an – mit Berichten über das CDU-Wahlkreisbüro in den Räumen ihres Mannes. Dann veröffentlichten Tierschützer Ekelvideos aus Mastställen. Und nun ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft. Es geht um Lohndumping und illegale bulgarische Arbeiter in einem Betrieb, an dem die Familie Grotelüschen beteiligt sein soll. „Eigentlich ist die Frau nicht zu ertragen“, meint der Grüne Meyer. „Einen solch extremen Lobbyismus hat es in der niedersächsischen Landwirtschaft noch nie gegeben.“ Doch einfach ersetzen konnte McAllister sie nicht , auch wenn er das „Putenlieschen“, wie sie in der CDU verspottet wird, gerne los würde. Immerhin hatte Vorgänger Christian Wulff sie im Frühjahr aus dem Hut gezaubert. Grotelüschen gab ihr Bundestagsmandat auf, einen Landtagssitz hat sie nicht.
Aber sie steht ja auch nicht allein im Wind: Was den Tierhaltern an Kritik übergestülpt werde, grenze an Zumutung, machte sich Landvolkpräsident Werner Hilse Luft. Der hohe Standard in niedersächsischen Ställen dürfe nicht kaputtgeredet werden. Er habe das auch dem Ministerpräsidenten in einem persönlichen Gespräch zu bedenken gegeben.
Die Folge: der frühere Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Gert Lindemann (CDU), wird neuer Landwirtschaftsminister. Das teilte die CDU-Fraktion am Freitag in Hannover mit. Der im Kreis Peine lebende Jurist hat eine lange Vergangenheit als Fachmann im Landwirtschaftsressort in Hannover und war danach bis vor elf Monaten Amtschef von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) in Berlin. (mit dapd)
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