Ken Saro-Wiwas Tod war an Grausamkeit nicht mehr zu überbieten. Nach dem Verfahren vor einem Militärgericht, zu dem er weder einen Anwalt hinzuziehen noch ein eigenes Plädoyer verlesen durfte, wurde der zum Tode verurteilte nigerianische Schriftsteller am Morgen des 10. Novembers 1995 mit acht weiteren Verurteilten von einer Kaserne ins Gefängnis der Provinzhauptstadt Port Harcourt geschleppt.
Dort hatte seit Nigerias Unabhängigkeit vom britischen Imperium 1960 keine Hinrichtung mehr stattgefunden: Die Henker wurden aus dem Norden des Landes eingeflogen, die Grube unter dem Galgen erwies sich als zu flach.
Das Hickhack um den Prozessauftakt zeugt von der Brisanz des Verfahrens: Eigentlich sollte die Verhandlung gegen Shell vor dem US-Distriktgericht in Manhattan am Mittwoch mit der Auswahl der Geschworenen beginnen. Doch quasi in letzter Minute wurde die Verhandlung ohne Begründung verschoben. Jetzt wird frühestens für Dienstag mit dem Prozessauftakt gerechnet.
Die nigerianischen Kläger werden von der US-Bürgerrechtsorganisation Center for Constitutional Rights und der Gruppe EarthRights Interniatonal vertreten.
Bereits im April machte ein US-Gericht den Weg frei für eine Klage von Opfern des südafrikanischen Apartheidsregime, die mehreren Großkonzernen, darunter auch deutschen Konzernen wie Daimler und Rheinmetall, Verwicklung in die Machenschaften der damaligen Regierung vorwerfen.
Iraker betreiben in den USA eine andere Klage gegen die umstrittene US-Sicherheitsfirma Blackwater. Sie werfen dem Unternehmen Exzesse im Irak nach dem US-Einmarsch 2003 vor.
Eins ums andere mal wurde der in Ketten Gefesselte mit verbundenen Augen und der Schlinge um den Hals in die Grube gestürzt. Erst beim fünften Mal fand der 56-Jährige nach einem zwanzigminütigen Todeskampf den Tod.
Wiwas Sohn als Kläger
"Was seid ihr nur für Menschen?" soll Ken Saro-Wiwa seine Henker während der Tortur gefragt haben. Fast fünfzehn Jahre später wird der entsetzliche Fall des Autors und Aktivisten erneut die Gerichte beschäftigen. Das Verfahren findet diesmal allerdings nicht vor uniformierten Rechtsvergewaltigern in Port Harcourt sondern in New York statt: Als Angeklagter hat sich der illustre Shell-Konzern zu verantworten.
Das seit über 50 Jahren im Niger-Delta tätige Unternehmen soll das brutale Vorgehen der nigerianischen Militärdiktatur gegen die sogenannten "Ogoni Neun" nicht nur mit angesehen, sondern aktiv betrieben haben. Davon sind der Sohn des Schriftstellers, Ken Wiwa junior, und die Hinterbliebenen der acht anderen Hinrichtungsopfer überzeugt.
Der vor dem U.S. District Court in Manhattan verhandelte Prozess wird von Aufsichtsräten und Konzernchefs in aller Welt mit größter Aufmerksamkeit verfolgt: Sollten die Angehörigen der "Ogoni Neun" gewinnen und einen schaffen, müssten sich alle in menschenrechtlich bedenklichen Regionen agierende Unternehmen in Zukunft besonders in Acht nehmen.
Grundlage: Ein Gesetz von 1789
Die Anwälte der Nigerianer, die sich um diese Gelegenheit bereits seit Jahren bemühen, stützen sich auf ein im Jahr 1789 gegen die Piraterie erlassenes Gesetz. Es sieht vor, dass vor US-Gerichten auch ausländische Unternehmen für im Ausland begangener Straftaten belangt werden können - vorausgesetzt,das Unternehmen ist auch in den USA präsent.
Den Klägern wird es nicht leicht fallen, Shells Verwicklung in die Hinrichtung der "Ogoni Neun" nachzuweisen, denn selbstverständlich war der Konzern nicht an dem Prozess beteiligt. Ein Konzernsprecher behauptet sogar, das Unternehmen habe Militärdiktator Sani Abacha ausdrücklich aufgefordert, Ken Saro-Wiwa und seine Mitverurteilten zu begnadigen. Den neun Aktivisten der im Niger-Delta beheimateten Ogoni war vorgeworfen worden, vier traditionelle Führer ihres Volkes umgebracht zu haben, die sich nicht dem Widerstandskampf gegen die Erdölförderung in ihrer Heimat anschließen wollten - ein Vorwurf, den Saro-Wiwa, Gründer der gewaltlosen "Bewegung für die Rettung des Ogoni-Volkes" (Mosop), stets von sich wies.
Die Kläger werden das vermutete Einverständnis zwischen dem Mineralölkonzern und der Militärdiktatur also eher auf indirektem Weg zu belegen suchen. So wird Owen Wiwa, der Bruder des Hingerichteten, vor Gericht aussagen, dass ihm der einstige Chef der Shell-Tochter in Nigeria die Entlassung Ken Saro-Wiwas zugesagt habe - für den Fall, dass Mosop den Widerstand gegen Shells Erdölförderung im Nigerdelta einstelle.
Der Konzern soll außerdem Waffen für die Militärdiktatur ins Land gebracht und regelmäßig die äußerst brutal auftretenden Soldaten zu Hilfe gerufen haben, wenn es zu Konflikten mit der Bevölkerung im Niger-Delta kam. Und dazu kam es beinahe täglich.
Denn die Ogoni wurden ob der schamlosen Ausplünderung ihrer Heimat immer wütender: Die ökologisch sensiblen Mangroven-Sümpfe des Flussdeltas wurden von einer Ölpest nach der anderen heimgesucht, die Luft durch das Abfackeln des Erdgases verpestet, die Einnahmen aus dem Ölexport in die Taschen der korrupten Machthaber in der Hauptstadt geleitet. Shells Versuche, mit den Ogoni und anderen Delta-Völkern ins Gespräch zu kommen, waren - je nach Blickwinkel - halbherzig, tapsig oder glücklos. "Mein Vater hatte immer gehofft, Shell würde eines Tages feststellen, dass er in Wirklichkeit ihr bester Freund ist", sagt Wiwa junior: Das blieb ein bloßer Traum.
Anschläge und Geiselnahmen
Eingetreten ist die schlimmste der von Saro-Wiwa schon damals genannten Möglichkeiten: Das Delta gleicht heute einem Kriegsgebiet. Bewaffnete Banden nehmen alle paar Wochen ausländische Ölarbeiter als Geiseln, verüben auch ökologisch verheerende Anschläge auf Pumpstationen oder überfallen ganze Tanker. Das Militär versucht mit eiserner Faust durchzugreifen und richtet damit nur noch größeren Schaden an - Monat für Monat können die Mineralölkonzerne weniger Erdöl aus dem Delta bergen.
Nach den Worten von Wiwa junior soll mit dem Verfahren nicht nur Wiedergutmachung des individuellen Schadens der Hinterbliebenen erstritten werden: "Wir wollen zu einer Welt beitragen, in der in bodenschatzreichen Landstrichen lebende Menschen nicht nur als Kanonenfutter in einem sinnlosen Krieg um Profite behandelt werden."
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