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Nobelpreis: Im Unfrieden mit Obama

Nur 26 Prozent der US-Amerikaner meinen, Barack Obama bekomme den Nobelpreis zu Recht. Die Auszeichnung für den US-Präsidenten macht Soldatenfamilien zornig. Der Ton schwankt zwischen bösem Spott und offener Wut. Von Dietmar Ostermann

Mehr Frieden mit Obama? Angehörige von Soldaten sind bitter enttäuscht vom einstigen Hoffnungsträger.
Mehr Frieden mit Obama? Angehörige von Soldaten sind bitter enttäuscht vom einstigen Hoffnungsträger.
Foto: dpa

Neulich hat Larry Syverson doch wieder hingeschaut. Irgendwo flimmerte ein Fernseher, er kam nicht dran vorbei. Eigentlich guckt er keine Nachrichten. "Ich mag keine Überraschungen", sagt der Mann mit der gelben Schleife an der Brust, dem Zeichen, dass er Angehörige im Krieg hat. Acht Soldaten seien wieder in Afghanistan gestorben, dröhnte es aus dem Lautsprecher. Syverson war mit Freunden auf dem Weg in die Kneipe. Er hat sie ziehen lassen, sich hingesetzt und mit feuchten Händen seine Frau angerufen. Kandahar, Afghanistan: Dort schiebt auch Brendan Dienst, sein Ältester.

"Hier", sagt Larry Syverson, "das ist Brendan." Das Foto zeigt einen jungen Mann mit schmalem Gesicht, Bürstenhaar und runder Brille vor einem Stryker-Radpanzer, die Hände tief in den Hosentaschen. Seit Juli ist Sergeant First Class Brendan Syverson in Afghanistan. Seine Einheit patrouilliert in einem kleinen Dorf, 30 Kilometer westlich von Kandahar, einer Hochburg der Taliban. Was er von dort erzählt, beunruhigt den Vater. In einem der ersten Briefe berichtete der Sohn vom Tod zweier Kameraden, deren Radpanzer auf eine Sprengfalle fuhr. Kurz darauf zündete ein Selbstmordattentäter eine Bombe. Wieder kamen zwei Soldaten ums Leben. Brendan war keine hundert Meter weg. "Er ist hingelaufen und hat die Verwundeten versorgt", sagt der Vater. "Aus dem Irak habe ich nie solche Briefe bekommen."

Mehr Frieden mit Obama? Angehörige von Soldaten sind bitter enttäuscht vom einstigen Hoffnungsträger.
Mehr Frieden mit Obama? Angehörige von Soldaten sind bitter enttäuscht vom einstigen Hoffnungsträger.
Foto: dpa

Für einen Aktivisten der Friedensbewegung ist Larry Syverson Amerikas aktuellen Kriegen ungewohnt nahe gekommen. Drei seiner vier Söhne sind beim Militär. Fünf Einsätze im Irak hat die Familie hinter sich. Bald wird wohl auch Bryce, der Jüngste, derzeit noch Ausbilder in Fort Sill in Oklahoma, nach Afghanistan ausrücken. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht geht", sagt der Vater, "jetzt, wo Barack Obama 30.000 zusätzliche Soldaten in die Schlacht schicken will."

Mehr Truppen als unter Bush

Wenn Larry Syverson über Obama spricht, schwankt der Ton zwischen bösem Spott und offener Wut. Dabei ist er Demokrat, wie der Präsident. "Ziemlich links", verortet sich der Geologe der Umweltbehörde in Richmond, zwei Autostunden südlich von Washington. Syverson ist bekennender Kriegsgegner und nennt sich einen "single issue voter", einen Wähler, für den nur ein Thema zählt: "Bringt sie nach Hause - jetzt!" So steht es auf seinem T-Shirt. Gemeint sind die Truppen im Irak und Afghanistan. Deshalb ist Obama bei ihm unten durch, seit der Präsident die Truppen am Hindukusch aufstockt: "Wir haben jetzt mehr Soldaten in Afghanistan und im Irak als unter Bush", schimpft Syverson, "dass die Norweger ihm den Friedensnobelpreis geben, ist einfach lächerlich."

Für Amerikas Friedensbewegung ist Obamas Ehrung in Oslo eine bittere Ironie. Vor einem Jahr hatte sie maßgeblich zu seinem Wahlsieg beigetragen: Dass der junge Senator aus Illinois sich in den Vorwahlen der US-Demokraten hauchdünn gegen die hohe Favoritin Hillary Clinton durchsetzen konnte, lag vor allem am linken Parteiflügel. Clinton hatte 2002 im Senat für die Irak-Ermächtigung gestimmt. Sie galt als Falke, Obama als Taube. Jetzt aber verschickt das Pentagon auf seinen Befehl hin Marschbefehle nach Afghanistan: "Viele in der Anti-Kriegs-Bewegung sind sauer", sagt Larry Syverson, "wir hätten genauso gut George Bush als Präsident behalten können - die Kriegspolitik wäre die Gleiche." Am Wochenende wollen Friedensgruppen vor dem Weißen Haus gegen Obamas neue Afghanistan-Politik demonstrieren, Motto: "No, you can't!"

Irak war die Zäsur

Im März 2003, kurz bevor die US-Kolonnen nach Bagdad rollten, ging Larry Syverson zum ersten Mal gegen den Krieg auf die Straße. Es war die erste Demo seines Lebens: "Ich bin kein Hippie, bei den Vietnamprotesten war ich nie dabei." Syverson wuchs in Texas auf, in Midland, wie Bush. Amerikas Kriege auf dem Balkan hatte er unterstützt. Schon 2001 beim Einmarsch nach Afghanistan aber plagten ihn Zweifel. Aus humanitären Gründen, sagt er, "und weil wir dort nichts verloren haben". Die Hintermänner des 9/11-Terrors waren Araber, keine Afghanen. Irak war für ihn dann die Zäsur: "Für mich ging es in diesem Krieg immer nur um Öl", sagt Syverson.

"Irakisches Öl ist nicht das Blut meiner Söhne wert", stand auf seinem ersten Protestplakat. Brendan und Bryce haben ihm damals sogar erlaubt, ihre Fotos auf das Plakat zu kleben, auch wenn er bis heute nicht genau weiß, was die Jungs selbst über die Kriege denken. "Brendan ist ein guter Soldat", sagt der Vater. Bryce litt nach dem ersten Irak-Einsatz unter schwerem Kriegstrauma und Depressionen. Silvester 2004 drehte er durch. Da war er in Deutschland stationiert, die Feuerwerksböller erinnerten ihn an Falludscha. Im Militärlazarett galt er als suizidgefährdet. "Sie nahmen ihm die Waffe weg", sagt der Vater, "ein Jahr später schickten sie ihn zurück in den Irak. Bryce war ein Versuchskaninchen. Sie wollten wissen, ob Soldaten, die unter posttraumatischem Stress litten, noch in Kriegen eingesetzt werden können."

Bei der Präsidentschaftswahl 2008 hat Larry Syverson wie viele unter den Friedensbewegten für Obama gestimmt. Er hat in Richmond sogar zehn Stunden vor dem Stimmlokal gestanden und Obama-Flyer verteilt. Der Kandidat hatte versprochen, den Krieg im Irak zu beenden. Gewiss, nach Afghanistan wollte Obama schon damals mehr Truppen schicken. Da aber war von zwei Divisionen die Rede. Jetzt stockt der Präsident die US-Streitmacht am Hindukusch auf 100.000 Mann auf. 33.000 waren es bei seinem Amtsantritt.

Im Mai riss Larry Syverson wütend den blauweißen Obama-Aufkleber von der Stoßstange seines Autos. Brendan hatte den Marschbefehl nach Afghanistan bekommen. Die Organisation "Military Families Speak Out" (MFSO), in der sich rund 4000 Angehörige von Soldaten zusammengeschlossen haben und der auch Larry Syverson angehört, hatte schon im Februar die sofortige Heimkehr der Truppen auch aus Afghanistan gefordert. Bis dahin ging es immer nur um Irak. Bei Afghanistan waren die Meinungen geteilt.

Erst Freunde, jetzt Gegner

Einen Monat später verkündete Obama die erste "Surge" (so hieß die Truppenaufstockung im Irak) für Afghanistan: Die Friedensbewegung und der neue Präsident gingen getrennte Wege. Mit dem vorige Woche verkündeten Marschbefehl für 30.000 weitere Soldaten wurden sie zu Gegnern. Dass Obama die Truppen im Irak bis nächsten Sommer massiv reduzieren will, dass er für Juli 2011 den Beginn eines graduellen Rückzugs aus Afghanistan in Aussicht stellt, ändert daran vorerst nichts. "Es ist ganz einfach", sagt Larry Syverson, "wenn die Kriege unter Bush falsch waren, sind sie auch unter Obama falsch."

Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  9 | 12 | 2009
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