Solche Nachrichten kommen sonst nur aus dem Osten Deutschlands: Neonazis überfallen ein Zeltlager mit links-alternativen Jugendlichen, schlagen wahllos zu. Ganz selbstbewusst, am helllichten Tag. Diesmal aber geschah es mitten im Westen, in Nordhessen, am Neuenhainer See zwischen Homberg und Schwalmstadt.
Solid, die Jugendorganisation der Linkspartei, veranstaltete hier am vergangenen Wochenende ein Sommercamp. Und hatte, ganz als zeltete man in entlegenen Gegenden Ostdeutschlands, sogar mit einem Angriff der Rechten gerechnet. "Wir hatten deshalb von Anfang an Nachtwachen aufgestellt", sagte der Sprecher der örtlichen Solid-Basisgruppe, Markus Lange. Die braunen Schläger aber kamen morgens, als es längst hell war, und überraschten die Camper im Schlaf. Ein 13-jähriges Mädchen prügelten sie krankenhausreif, wohl mit einem Klappspaten.
Der mutmaßliche Haupttäter, der bereits seit Montag in Untersuchungshaft ist und die heimtückische Attacke nach Polizeiangaben gestanden hat, ist in der rechtsextremistischen Szene bekannt: Kevin S., 19 Jahre alt, stammt aus dem Umfeld des ehemaligen hessischen NPD-Vorsitzenden Marcel Wöll in Butzbach und verbreitet über eine eigene Internetseite selbstgemachte Propaganda-Videos übelster Natur.
Seit einigen Monaten soll er sich als eine Art brauner Reisekader um die Neonazi-Kameradschaft im Schwalm-Eder-Kreis bemüht haben. Und das offenbar mit Erfolg: Auch wenn die Polizei die sogenannten Autonomen Nationalisten der "Freien Kräfte Schwalm-Eder" nach wie vor als "relativ losen Zusammenschluss" einstufen mag, haben sich die rechtsextremistischen Aktivitäten in der Region rund um Schwalmstadt in jüngerer Zeit vervielfacht.
Aufkleber prangen überall an Laternenmasten, Nazi-Gegner werden angepöbelt, bedroht, eingeschüchtert. "Wenn ich abends durch die Stadt laufe, wechsele ich schon mal die Straßenseite", erzählt ein 19-jähriger Auszubildender, der seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte. "Und es gibt Kneipen, in die ich keinen Fuß mehr setze."
Denn vor Gewalt schrecken die Neonazis nicht zurück - sei es bei spontanen Schlägereien, wenn sie auf einer Party oder Dorfkirmes in Überzahl auf ihre Widersacher treffen, oder gut organisiert wie beim Überfall auf das Zeltlager. Oder wie kürzlich, als sie sich vor einem alternativen Jugendclub auf die Lauer legten, um die Besucher anzugreifen - vermummt und mit Pflastersteinen bewaffnet.
Derart offensiv sind die Rechten in Hessen lange nicht mehr aufgetreten. Ihren Treffpunkt in Kirtorf, wo ein brauner Landwirt sein Anwesen immer wieder für Skinhead-Konzerte zur Verfügung stellte, können sie seit Jahren wegen des Widerstands vor Ort kaum noch nutzen.
Und nun will auch Ex-NPD-Chef Wöll sein Haus in Butzbach, das nicht nur den "Freien Nationalisten Rhein-Main" als Schulungszentrum diente, verkaufen und nach Thüringen umziehen. Droht damit der Schwalm-Eder-Kreis zu einem neuen Schwerpunkt des Rechtsextremismus in Hessen zu werden? Oder gar zur "national befreiten Zone", zur No-Go-Area für Linke und Ausländer also, wie sie Neonazis in einigen Teilen Ostdeutschlands ausgerufen haben?
Landrat Frank-Martin Neupärtl bestreitet das vehement: "Unser Landkreis ist nicht mehr oder minder rechts als andere Kreise", meint der Sozialdemokrat und spricht von Einzelfällen. Auch Michael Weiss, Hessen-Experte des Antifaschistischen Pressearchivs Apabiz in Berlin, glaubt nicht an eine herausragende Stellung der Region für die Neonazi-Szene im Land: "Wir haben flächendeckend in Hessen rechte Cliquen", sagt er. "Wenn dann jemand von außen kommt wie hier Kevin S. und den Haufen auf Vordermann bringt, hat man den Nazi-Ärger am Hals." Und das könne überall geschehen. Heute in Nordhessen, morgen anderswo.
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