Seoul. Mit Propagandapathos feierten am Montag staatliche nordkoreanische Medien den zweiten Atombombentest als "Inspiration" für Armee und Volk. Was für die Generalität zutreffen mag, erscheint für das Gros der Bevölkerung des hermetisch abgeschotteten Nordkorea eher unwahrscheinlich. Belegt ist dagegen, dass hunderttausende Nordkoreaner seit Jahren hungern.
Der erfolgreiche Atomtest "inspiriert die Armee und das Volk" und "intensiviert den Antrieb für die Umsetzung einer neuen revolutionären Erhebung, die einer gedeihenden Nation das Tor öffnen soll", hieß es in einer Mitteilung der amtlichen nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA am Montag.
Die Reihenfolge ist in Pjöngjang politisches Programm: Songun heißt die Politik, die dem Militär die oberste Priorität einräumt. Das bitterarme Land, das am Tropf Chinas, Südkoreas und der UNO hängt, leistet sich eine der größten Armeen der Welt. Während die aufgeblähte Koreanische Volksarmee (KVA) mit allen Mitteln hochgerüstet wird, leiden Hunderttausende im Land Hunger.
Nach Schätzungen des UN-Welternährungsprogramms (WFP) brauchen bis zu 40 Prozent der Nordkoreaner in den kommenden Monaten dringend Lebensmittelhilfe. Mehr als zehn dürre Jahre hat Nordkorea hinter sich, hunderttausende sind seit 1995 vermutlich an Unternährung gestorben. In ihrer Not aßen viele Blätter und Wurzeln.
Die Hungersnot lässt sich zum einen mit Unwettern, Überschwemmungen und Dürren erklären. Aber auch das kollektive Landwirtschaftssystem und die schlecht organisierte Verteilung der Lebensmittel unter den 24 Millionen Nordkoreanern tragen zu der Not bei.
Zaghafte Versuche der Führung in Pjöngjang, wenigstens Ansätze eines privatwirtschaftlich organisierten Handels von Pflanzensamen zu ermöglichen, erstickten die Machthaber nach kurzer Zeit wieder im Keim. Zu groß ist offenbar ihre Angst, die Kontrolle noch über die kleinsten Dinge zu verlieren.
Erst im September rief das WPF wieder zu Hilfen zur Linderung der Not auf. Demnach werden 504 Millionen Dollar (360,6 Millionen Euro) benötigt, bislang seien davon aber erst elf Prozent zusammengekommen - gerade einmal genug, um 1,8 Millionen Menschen durchzubringen. Vermutlich wird sich der neue Atomtest eher dämpfend auf die Großzügigkeit möglicher Geber auswirken.
Dabei hatte sich das Verhältnis zum Westen dem Anschein nach zuletzt entspannt. In Erfüllung seiner Verpflichtungen aus den Sechser-Gesprächen, die im Februar 2007 zu einer Vereinbarung geführt hatten, zerstörte Pjöngjang Teile seiner Nuklearkapazitäten.
So wurde die Anlage in Yongbyon, das Herzstück der Plutoniumanreicherung des Landes, unter anderem durch die symbolträchtige Sprengung ihres Kühlturms betriebsunfähig gemacht. Im Gegenzug erhielt Nordkorea weitreichende Zusagen für Wirtschafts- und Lebensmittelhilfen.
Doch in den vergangenen Wochen verschärfte das stalinistisch regierte Land seine Haltung im Atomstreit wieder deutlich. Sichtbarer Beginn der neuen Frostphase war der Start einer Langstreckenrakete Anfang April. Nach Angaben Pjöngjangs sollte sie einen Kommunikationssatelliten ins All befördern.
Doch nach Erkenntnissen mehrerer Länder kam ein solcher Satellit niemals im Orbit an. Außerdem hatte eine UN-Resolution von 2006 Nordkorea derartige Tests untersagt. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den Start. Pjöngjang verkündete daraufhin seinen Rückzug aus den Sechser-Gesprächen über eine Beendigung seines Atomprogramms.
Gleichzeitig beendete es seine Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und nahm sein Atomprogramm wieder auf. Da war es durchaus anzunehmen, dass Pjöngjang die scharfe Kritik an seinem Atombombentest gleich mit einer weiteren Eskalation beantworten könnte. (afp)
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