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Nordwestchina: Han-Chinesen jagen Uiguren

Bewaffnete Han-Chinesen ziehen durch die Innenstadt von Ürümqi - sie wollen Rache für die Gewalt am Sonntag. Die Proteste in der chinesischen Uiguren-Provinz Xinjiang eskalieren. Uigurische Frauen flehen Journalisten um Hilfe an. Von Justus Krüger

Bewaffnete Han-Chinesen in den Straßen von Ürümqi
Bewaffnete Han-Chinesen in den Straßen von Ürümqi
Foto: afp

Xinjiang kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Blutbad am Sonntag zogen gestern mit Knüppeln und Steinen bewaffnete Han-Chinesen durch die Straßen der Provinzhauptstadt Ürümqi und plünderten uigurische Geschäfte.

Ihr Motiv war Rache für die Gewalt am Sonntag, für die sie die Uiguren in der Stadt verantwortlich machen. Etwa 300 mit Spaten, Hacken und Eisenstangen ausgerüstete Randalierer versammelten sich in der Innenstadt und näherten sich johlend einer Moschee, bis die Polizei Tränengas in die Menge feuerte. Gleichzeitig kam es zu neuen Zusammenstößen zwischen Uiguren und chinesischen Sicherheitskräften.

Chinesische Soldaten patrouillieren auf den Straßen von Ürümqi.
Chinesische Soldaten patrouillieren auf den Straßen von Ürümqi.
Foto: rtr

Die meisten Demonstranten waren Frauen, die gegen die Verhaftung ihrer Männer, Brüder und Söhne protestierten. Die Polizei habe in den uigurisch bewohnten Stadtvierteln wahllos junge Männer festgenommen, klagte eine Demonstrantin. "Sie haben unsere Männer einfach mitgenommen, ohne auch nur zu sagen warum."

Insgesamt wurden seit Sonntag knapp 1500 Menschen verhaftet. Indessen ist die Zahl der Todesopfer nach den Krawallen am Sonntag weiter auf nunmehr 156 gestiegen; mehr als 1000 Menschen wurden verletzt, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Es ist noch immer unklar, warum die Proteste so viele Todesopfer forderten.

Bewaffnete Han-Chinesen ziehen durch die Innenstadt von Ürümqi.
Bewaffnete Han-Chinesen ziehen durch die Innenstadt von Ürümqi.
Foto: afp

Die staatlichen Medien machen die Demonstranten für die Gewalt verantwortlich; die meisten Todesopfer seien Han-Chinesen.

Uigurische Augenzeugen zufolge liegt die Schuld bei der Polizei, die Mehrheit der Toten seien Uiguren. Eine neutrale Darstellung gibt es nicht.

Verdächtig ist immerhin, dass die chinesischen Behörden bis jetzt nicht bekannt gaben, wer die Toten sind - obwohl sie doch so ihre Schuldzuweisungen leicht glaubhafter machen könnten.

"Als wir die Proteste planten, war für uns klar, dass es friedlich zugehen sollte", sagt einer der uigurischen Organisatoren, der nicht namentlich genannt werden will. Die chinesische Polizei habe für die Eskalation der Gewalt gesorgt. "Sie haben auf die Demonstranten eingeschlagen und sogar die Frauen verprügelt", so ein Augenzeuge.

"Dann haben sie die Leute durch die Straßen gejagt und einen nach dem anderen einkassiert." Schließlich habe die Polizei das Feuer auf die Menschenmenge eröffnet. Das sei der Moment gewesen, in dem die Proteste völlig außer Kontrolle gerieten.

In den chinesischen Medien findet sich von solchen Darstellungen keine Spur. Dort ist statt dessen von den Ausschreitungen uigurischer Randalierer zu hören. "Sie haben auf offener Straße Han-Chinesen ermordet", zitierte das Staatsfernsehen eine Geschäftsfrau aus Ürümqi. "Die haben nur die Han-Chinesen angegriffen", sagte eine andere.

Ähnlich wie bei den blutigen Unruhen in Tibet im März vergangenen Jahres steht damit nun wieder Aussage gegen Aussage. Allerdings verhält sich das offizielle China dieses Mal deutlich geschickter als vor einem Jahr. So veröffentlicht die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua mehr englischsprachige als chinesische Berichte über die Unruhen, ohne Zweifel ein Versuch, die Deutungshoheit in der ausländischen Presse an sich zu ziehen.

Aus demselben Grund lud gestern das staatliche Informationsamt ausländische Journalisten in Peking nach Ürümqi ein. Dort konnten sie an einer beaufsichtigten und sorgsam durchgeplanten Tour durch die Stadt teilnehmen, die sie von der amtlichen Version der Ereignisse überzeugen sollte.

Der Wahrheit über die Ereignisse am Sonntag kommt man so sicher kaum näher. Eines immerhin bringen die gegensätzlichen Darstellungen doch angemessen zum Ausdruck: Das tiefe Mißtrauen zwischen den Volksgruppen in Xinjiang, das in Krisenzeiten schnell auf ganz China übergreift.

Viele Uiguren fühlen sich von den chinesischen Behörden als koloniale Untertanen behandelt. Das skrupellose Vorgehen der Polizei, wie es uigurische Augenzeugen schildern, passt in das Bild, dass sie sich von den Behörden machen.

Für viele Han-Chinesen dagegen sind die Uiguren wilde Messerstecher, denen nur mit überlegener Gewalt beizukommen ist. "Das ist ganz einfach, wie diese Leute ticken", ereifert sich eine Han-Chinesin aus Ürümqi, die anonym bleiben möchte. "Wenn man einen von ihnen niederschlägt, flößt man den anderen Respekt ein. Die Regierung sollte viel härter durchgreifen." Mit dieser Meinung ist sie leider nicht allein. Die Feindseligkeit zwischen Han-Chinesen und Uiguren wird so schnell nicht abklingen.

Autor:  Justus Krüger
Datum:  7 | 7 | 2009
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