Kennen Sie den schon: Warum will Ursula von der Leyen nicht mehr neben Guttenberg am Kabinettstisch sitzen? Weil der immer abschreibe. In Berlin wird gelacht und gelästert über die Abschreibaffäre des Minister zu Guttenberg.
Muss sich schwerer Vorwürfe erwehren: Karl-Theodor zu Guttenberg.
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Muss sich schwerer Vorwürfe erwehren: Karl-Theodor zu Guttenberg.
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BERLIN –
Ein Monteur kommt ins Verteidigungsministerium. An der Pforte wird er vom wachhabenden Soldaten gefragt, was er will. „Ich soll hier den Kopierer reparieren“, sagt der Monteur. „Oh“, entgegnet der Soldat, „das geht heute nicht, der Minister ist in Afghanistan.“
Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) taugt in diesen Tagen in der Koalition wunderbar für Witze. Glucksend jagt ein Kalauer den anderen, wenn die Sprache auf den Doktortitel des Ministers kommt. Ursula von der Leyen (CDU) wolle nicht mehr neben Guttenberg am Kabinettstisch sitzen, erzählt einer, weil der immer abschreibe. Gelächter.
Wie viele Passagen seiner 475 Seiten lange Dissertation der 39-Jährige tatsächlich abgeschrieben hat, ohne die nötigen Quellenangaben zu machen oder auch nur auf die wirklichen Urheber seiner Gedanken zu verweisen, das beschäftigt im Augenblick nicht nur das stets aufgeregte politische Berlin. Eine wachsende Schar von privaten Zitatenjägern geht im Internet auf die Suche.
Clevere Zeitgenossen haben eine eigene Seite geschaltet, die immer neue Fundstellen aufführt, in denen Guttenberg angeblich in seiner Arbeit gegen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen und sich die Gedanken anderer angeeignet habe, ohne es kenntlich zu machen (de.guttenplag.wikia.com/wiki/). Fast 30 zweifelhafte Fundstellen sind bis zum späten Nachmittag dort vermerkt, Tendenz steigend.
Alles nur geklaut: Berühmte Plagiate
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Alles nur geklaut: Berühmte Plagiate
Bestseller-Autor Dan Brown ("Sakrileg") wehrte sich gegen Plagiatsvorwürfe. Die Autoren Michael Baigent und Richard Leigh hatten ihn beschuldigt, sich für den unter dem Titel „Da Vinci Code“ mit Tom Hanks (Bild) verfilmten Roman aus ihrem Sachbuch „Der heilige Gral und seine Erben“ bedient zu haben. Sie verklagten Brown auf zehn Millionen Pfund Schadenersatz – und verloren.
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Auch George W. Bush wurde beschuldigt, abgeschrieben zu haben. In seinen politischen Memoiren „Decision Points“ soll der Ex-Präsident andere Autoren zitiert haben, ohne das kenntlich zu machen.
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In frischer Erinnerung ist noch der Fall der Erfolgsautorin Helene Hegemann, die ganze Passagen fremder Autoren wörtlich in ihren Bestseller "Axolotl Roadkill" übernommen hatte. Es war der Literaturskandal des vergangenen Jahres - doch die heute 18-Jährige ging in die Offensive: "Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich das ganze Material in einem völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe."
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Manche Stücke von Elfriede Jelinek sind sogar fast nur aus Fremdzitaten zusammengesetzt. In solchen Montage-Werken kann die künstlerische Leistung auch darin bestehen, die Texte durch das gleichzeitige Geschehen auf der Bühne in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.
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Die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, für ihren preisgekrönten Krimi „Tannöd“ Passagen aus dem Sachbuch „Der Mordfall Hinterkaifeck“ verwendet zu haben. Die Bücher beruhen auf einem tatsächlichen Vorfall aus dem Jahr 1922. Der Sachbuchautor unterlag vor Gericht.
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Viele große Schreiber haben aus dem Abkupfern erst gar keinen Hehl gemacht. Der Dichter Heinrich Heine etwa bezeichnete Plagiatsvorwürfe als "töricht".
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Johann Wolfgang Goethe schrieb: "Die sämtlichen Narrheiten von Plagiaten und Halbentwendungen erscheinen mir läppisch." Zu seinen Lebzeiten gab es ein Urheberrecht wie heute noch nicht.
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William Shakespeare hat keinen einzigen Plot seiner Dramen selbst erfunden, und doch wird niemand behaupten, dass er ein Betrüger wäre. Denn aus den farblosen, hölzernen Figuren seiner Vorlagen schuf er unverwechselbare Persönlichkeiten mit psychologischem Tiefgang.
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Plagiate sind kein neues Phänomen. Thomas Mann etwa bekannte sich offen dazu, abgeschrieben zu haben. In seinen "Buddenbrooks" stirbt am Ende der junge Hanno an Typhus. Dafür bediente sich der Schriftsteller aus einem medizinischen Fachbuch. Dadurch, dass er die nüchterne Beschreibung des Krankheitsverlaufs im Kontext seines Romans wiedergibt, wirkt diese jedoch völlig anders - nämlich zutiefst schockierend
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Der Baron im Visier
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In punkto Beliebtheit, Wahlergebnis - und Mode gehört Karl-Theodor zu Guttenberg zu den erfolgreichsten Politiker Deutschlands. Das Männermagazin GQ kürte ihn einst zum bestangezogenen Deutschen.
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Zu Guttenberg ist leidenschaftlicher Transatlantiker, er spricht fließend englisch und liebt Auftritte auf internationaler Bühne. In der Politik gilt er als fränkischer Überflieger.
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Vom Generalsekretär - gut 100 Tage später - zum Bundeswirtschaftsminister: Karl-Theodor zu Guttenberg übernimmt die Nachfolge von Michael Glos (r). Der Freiherr geht damit in die Geschichte ein. Noch nie wurde ein Jüngerer in dieses Amt berufen.
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Gleich zu Beginn seiner Karriere als Wirtschaftsminister weicht zu Guttenberg keinem Mikrofon aus. Er zeigt sich Selbstbewusst, gewinnt an Sympathie und erringt öffentliches Ansehen. Im Fall Opel bezieht er Position - sogar gegen die Kanzlerin.
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Mitten in der heißen Phase der Opel-Rettung posiert der Wirtschaftsminister auf dem Times Square in New York. Das Foto wird ihm zum Verhängnis - wochenlang wandert es durch die Medienlandschaft. Kritiker fühlen sich durch das Bild bestätigt, dass zu Guttenberg durch Symbole besteche - und nicht durch Inhalte.
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Doch der Politiker versteht es, sich als Macher darzustellen - adlig, aber ohne große Allüren. Er ist ein Meister der politischen Inszenierung. Auf einer Wahlkampfkundgebung in Hannover genießt er nach seiner Rede erstmal ein Weißbier, während eine Kuh als Gruß der Landfrauen neben ihm steht.
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Neben der Rolle des routinierten und sattelfesten Ministers zeigt er sich der Öffentlichkeit auch gerne von einer anderen Seite: Der bekennende AC/DC-Fan wird auf einer Veranstaltungen der Jungen Union gerne mal spontan zum DJ.
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Volksnah, bodenständig und sympathisch: Der Freiherr in Berlin in einem Kindergarten. Die Vorlesestunde findet im Rahmen der Serie "Politiker erzählen Märchen" statt.
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Von kaum einem Politiker gibt es so viele Fotos, auf denen der Minister nahezu perfekt in Szene gesetzt wirkt: Anlässlich der Eröffnung der 98. Richard-Wagner-Festspiele posiert zu Guttenberg neben seiner Frau Stephanie auf dem Roten Teppich.
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Doch seitdem der Baron das neue Amt des Bundesverteidigungsministers angetreten ist, sind die Karten zugunsten des Strahlemanns nicht mehr so gut gemischt.
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Als Verteidigungsminister muss Karl-Theodor zu Guttenberg seine erste echte Bewährungsprobe bestehen. Zwei Wochen nach seinem Amtsantritt trifft zu Guttenberg, bekleidet mit einer Schutzweste, überraschend zu einem zweitägigen Besuch in Afghanistan ein.
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Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger Franz Josef Jung (r) spricht der Verteidiungsminister von "kriegsähnlichen Zuständen" in Afghanistan.
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Wenige Tage im Amt nimmt zu Guttenberg Stellung zum Nato-Untersuchungsbericht über den verheerenden Luftangriff bei Kundus. Der Luftanschlag, bei dem mehr als 100 Zivilisten getötet wurden, ist aus Sicht von des Verteidigungsministers militärisch angemessen. Dennoch zieht der Minister die Notbremse: Er entlässt Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan (r) wegen Informationspannen. Vielleicht der größte Fehler in der Karriere des fränkischen Barons.
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Kurze Zeit später korrigiert er seine Aussagen: Der Angriff sei "aus heutiger Sicht militärisch nicht angemessen" gewesen. Seine erste Beurteilung der Kundus-Affäre wird zum Problem. Der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg steht immer mehr unter Druck.
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Die Opposition unterstellt dem Verteidigungsminister in der Kundus-Affäre eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit. Den Vorwürfen zum Trotz lehnt Karl-Theodor zu Guttenberg einen Rücktritt von seinem Amt ab.
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Das Image als Hoffnungsträger hat schwer gelitten. Zuletzt macht Guttenberg noch eine Kehrtwende: Er lässt eine Nachrichtenagentur verbreiten, dass Schneiderhan und Wichert ihm nicht bewusst Dokumente unterschlagen hätten. Für diesen Vorwurf waren die beiden zuvor vom Hof gejagt worden.
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Karl-Theodor zu Guttenberg: Er ist anders als andere Politiker. Er trägt das Haar gegelt. Mit amerikanischen Abgeordneten plaudert er in fließendem Englisch. Und er ist von Adel. Der Weg des jungen Ministers nach oben - in Bildern.
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Drei Autoren für vier Seiten
Allein für die dünne, nicht mal vier Seiten lange Einleitung in sein Thema sind inzwischen mindestens drei Autoren gefunden, bei denen sich der Freiherr oft über mehrere Absätze freimütig bedient hat. Nicht nur die Veröffentlichung eines FAZ-Artikels, sondern auch Vorträge des Bonner Integrationsforschers Ludger Kühnhardt sowie eines US-Botschafters der EU scheinen bei Guttenberg so nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben, dass er weite Teile seiner Einleitung einfach ihren Texten entlehnte. Was umso mehr verwundert, weil Einleitung und Schluss einer wissenschaftlichen Arbeit eigentlich die Königsdisziplin sind, wo Fragestellungen erläutert, Thesen formuliert und das erkenntnisleitende Interesse dargelegt werden.
Die Universität Bayreuth forderte ihren Prädikats-Studenten („Summa cum laude“) am Donnerstag auf, eine schriftliche Erklärung zu den Vorwürfen abzugeben. Dies gehöre zum Standardverfahren in solchen Fällen, hieß es. Offenbar rechnet die Alma mater des Verteidigungsministers damit, dass die Prüfung der Plagiatsvorwürfe, die der Bremer Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano erhoben hatte, mindestens zwei Monate dauern wird. Die bayerische FDP-Vorsitzende und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verlangte eine zügige und umfassende Prüfung der Vorwürfe, warnte aber vor jeder Form der Vorverurteilung.
Während die Opposition ihr Glück über den strauchelnden Superstar kaum fassen kann, mischt sich in die offenkundige Schadenfreude der schwarz-gelben Koalition über das Malheur ihres Überfliegers inzwischen auch die Sorge, dass nicht allein Guttenberg durch die Affäre beschädigt werden könnte, sondern die gesamte Regierung. „Niemand will einen Rücktritt“, betonten am Donnerstag gleich mehrere Stellen bei Union und FDP.
Andererseits fällt es selbst den erfahrensten Koalitionären schwer, die Brisanz der Affäre für den Publikumsliebling der Regierung einzuschätzen. „Für Guttenberg haben bei allen Skandalen immer eigene Gesetze gegolten“, heißt es bei Schwarz-Gelb. Seine Fehleinschätzung des Militärschlags von Kundus, seine widersprüchlichen Angaben zur Entlassung von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn und Staatssekretär Peter Wichert, selbst sein offenkundiger Bruch mit den vorher gemachten Sparversprechungen hätten zwar für Unmut in den eigenen Reihen gesorgt, seiner Popularität beim (Wahl-)Volk aber niemals einen Abbruch getan. Im Gegenteil. Diesmal aber, so unken sie bei CDU/CSU, „kann es richtig gefährlich werden für Guttenberg“. Schließlich gebe es niemanden mehr, auf den sich die Verantwortung abladen lasse.
Der angeschlagene Verteidigungsminister selbst weilte am Donnerstag fern der Heimat bei einer seit längerem geplanten Afghanistan-Kurzvisite. Ausnahmsweise nahm Guttenberg keine Journalisten und Kameras mit, als er den Außenposten Nord nahe Kundus besuchte. Kurz nach seiner Abreise starben bei einem Anschlag wenige Kilometer entfernt zwei Afghanen.
Doch Afghanistan interessiert derzeit wenig, die Doktorarbeit des Ministers über den Vergleich von EU-Verfassung und US-Constitution viel. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), selbst Opfer der Abschreibe, drehte den Spieß jetzt um. In einer Anzeige wirbt das Schweizer Blatt mit dem Slogan: „NZZ lesen: Summa cum laude – Universität Bayreuth.“