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19. Juni 2013

Obama-Rede im Wortlaut: "Wir müssen Geschichte schreiben"

Präsident Obama hält seine Rede am Brandenburger Tor unter Freunden - und ohne Jackett.  Foto: rtr

US-Präsident: Barack Obama spricht vor dem Brandenburger Tor in Berlin und ehrt die Geschichte - aber vor allem zieht er die Lehren für die Gegenwart aus dem Fall der Berliner Mauer. Wir dokumentieren seine Rede im Wortlaut.

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Berlin –  

„Hallo Berlin, ich danke Ihnen, Kanzlerin Merkel, für Ihre Führungsrolle, Ihre Freundschaft und das Vorbild ihres Lebenslaufs - von der Kindheit im Osten zum Regierungsoberhaupt eines freien und vereinigten Deutschlands. Wie ich bereits sagte, sehen Angela und ich nicht gerade unseren Vorgängern im Amt ähnlich. Aber die Tatsache, dass wir heute hier stehen können, an dieser Trennlinie, wo eine Stadt gespalten war, spricht für sich. Keine Mauer kann dem Drang nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit stand halten, der in der Seele des Menschen brennt.

Lieber Regierender Bürgermeister Wowereit, verehrte Gäste und insbesondere Bürger von Berlin, ich danke Ihnen für dieses außergewöhnliche Willkommen. Es ist so warm, und ich fühle mich so wohl hier, dass ich mein Jackett ausziehen werde. Ich fordere alle auf, die das auch tun wollen, das jetzt zu tun. Wir können im Freundeskreis auch informell sein.

Wie Bundeskanzlerin Merkel bereits sagte, hatte ich vor fünf Jahren das Privileg, in dieser Stadt als Senator zu sprechen. Heute bin ich stolz, als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zurückzukehren. Ich bringe mit mir die anhaltende Freundschaft des amerikanischen Volkes sowie meine Frau Michelle und unsere zwei Töchter Malia und Sasha. Wie sie sicher schon bemerkt haben, sind sie nicht hier bei mir. Das Letzte, was sie wollen, ist, einer weiteren Rede von mir zuzuhören. Deswegen haben sie sich allein auf den Weg gemacht, um die Schönheit und die Geschichte Berlins zu erforschen.

Und diese Geschichte spricht heute zu uns. Hier haben über tausende von Jahren die Einwohner den Übergang geschafft von Stämmen hin zum Nationalstaat. Geprägt durch die Reformation und die Aufklärung, bekannt als Land der Dichter und Denker. Unter den Denkern war Immanuel Kant, der uns lehrte, dass die Freiheit das ursprüngliche Geburtsrecht des Menschen ist, dass ihm Kraft seiner Menschlichkeit gegeben ist.

Für zwei Jahrhunderte stand dieses Tor hier, während die Welt außen herum in Aufruhr war. Einer Welt, die geprägt war vom Entstehen und der Vergänglichkeit von Kaiserreichen, Revolutionen und Republiken, von Künsten, Musik und der Wissenschaft. Aber eben auch von Krieg und Blutvergießen, welche die Abgründe der menschlichen Grausamkeit zeigen. Es war hier in Berlin, wo die Berliner eine Insel der Demokratie geschaffen haben – entgegen allen Aussichten. Sie wurden unterstützt von einer Luftbrücke der Hoffnung. Es ist für uns eine Ehre, den Pilot der Rosinenbomber, den 92-jährigen Colonel Halvorsen hier zu begrüßen. Ich hoffe, dass ich auch so gut aussehe, wenn ich 92 Jahre alt bin.

Der Marshall-Plan setzte den Anfang für das Wirtschaftswunder, das nordatlantische Bündnis hat unsere Völker geschützt. Die Staaten im Osten zogen daraus Stärke und Kraft, dass in Berlin die Freiheit möglich war und die Wogen der Unterdrückung eines Tages überwunden werden könnten.

Heute, sechzig Jahre nachdem sie sich gegen Unterdrückung erhoben haben, gedenken wir den ostdeutschen Helden des 17. Juni. Als die Mauer schließlich fiel, waren ihre Träume endlich erfüllt. Ihre Kraft und ihre Leidenschaft, ihr anhaltendes und immerwährendes Vorbild erinnert uns daran, dass ungeachtet der Macht aller Streitkräfte und aller Staatsmacht, es immer die Bürger sind, die entscheiden, wie sie definiert werden: Ob von einer Mauer, oder dem Niederreißen derselben.

Wir sind nun umgeben von den Wahrzeichen und Symbolen des neugeborenen Deutschland. Einem wiederaufgebauten Reichstag mit der glitzernden Glaskuppel, oder der Amerikanischen Botschaft, die wieder an ihrem angestammtem Ort am Pariser Platz ist. Und dieser Ort selbst, einst ein wüstes Niemandsland, das nun für alle zugänglich ist.

Wenngleich ich nicht der erste amerikanische Präsident bin, der an diesem Tor spricht, freut es mich, hier zu sein und auf der östlichen Seite zu stehen, um der Vergangenheit Tribut zu zollen. Man kann das Schicksal dieser Stadt in wenige Worte fassen: Wollen wir frei leben oder in Ketten? Unter Regierungen, die unsere Menschenrechte wahren oder unter Regimes, die diese unterdrücken. Wollen wir in einer offenen Gesellschaft leben, die die Unverletzbarkeit des Einzelnen achtet oder in abgeschotteten Gesellschaften, die die Seele ersticken? Als freie Völker haben wir diese Überzeugung schon vor langem geäußert. Als Amerikaner glauben wir, dass alle Menschen gleich geschaffen sind – mit dem Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück.“

"So lange es Atomwaffen gibt, sind wir nicht wirklich sicher"

„Und als Deutsche haben Sie in Ihrem Grundgesetz festgehalten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Auf der ganzen Welt haben Nationen sich verpflichtet, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte einzuhalten, die die inhärente Würde und die Rechte aller Mitglieder der menschlichen Familie anerkennt.

Und das ist es, was hier in Berlin all diese Jahre auf dem Spiel stand. Und weil mutige Menschenmengen diese Mauer erklommen, weil korrupte Diktaturen neuen Demokratien weichen mussten, weil Millionen auf diesem Kontinent jetzt die frische Luft der Freiheit atmen, können wir sagen, hier in Berlin, hier in Europa – unsere Werte haben gewonnen. Die Offenheit hat gesiegt. Die Toleranz hat gesiegt. Und die Freiheit hat gesiegt, hier in Berlin.

Und doch müssen wir mehr als zwei Jahrzehnte nach diesem Triumph zugeben, dass es in unseren westlichen Demokratien manchmal Selbstgefälligkeit geben kann. Heute kommen Menschen oft an Orten wie diesem zusammen, um der Geschichte zu gedenken – nicht, um Geschichte zu schreiben. Heute stehen wir keinen Betonmauern gegenüber, keinem Stacheldraht. Es stehen keine Panzer mehr an der Grenze. Es gibt keine Besuche in Atomschutzbunkern. Und so könnte manchmal der Eindruck entstehen, dass die großen Herausforderungen ein Ding der Vergangenheit sind. Und das bringt eine Versuchung mit sich, uns nach innen zu kehren, an unsere eigenen Wünsche und Ziele zu denken und nicht an den Lauf der Geschichte; zu glauben, dass wir unsere Rechnung mit der Geschichte beglichen haben, dass wir einfach die Früchte genießen können, die unsere Vorfahren errungen haben.

Aber ich komme heute hierher, Berlin, um zu sagen, dass Selbstgefälligkeit nicht das Wesen großer Nationen ist. Die heutigen Bedrohungen sind nicht so düster wie vor einem halben Jahrhundert, aber der Kampf für Freiheit und Sicherheit und Menschenwürde, dieser Kampf geht weiter. Und ich bin hierhergekommen, in diese Stadt der Hoffnung, weil die Prüfungen unseres Zeitalters den gleichen Kampfgeist verlangen, der Berlin vor einem halben Jahrhundert auszeichnete.

Bundeskanzlerin Merkel erwähnte, dass wir den Jahrestag von John F. Kennedys bewegender Verteidigung der Freiheit begehen, die Freiheit, welche die Menschen dieser Stadt verkörpern. Sein Solidaritätsschwur, „Ich bin ein Berliner“, überdauert die Zeiten. Aber das ist nicht alles, was er an jenem Tag sagte. Weniger in Erinnerung geblieben ist die Aufforderung, die er der Menge vor ihm stellte. „Ich möchte Sie auffordern“, sagte er diesen Berlinern, „den Blick zu heben und nicht nur die Gefahren der Gegenwart“ und „die Freiheit nur dieser Stadt zu sehen“. Schauen Sie, sagte er, „auf den Tag des Friedens mit Gerechtigkeit, nicht nur für Sie und uns, sondern für die ganze Menschheit“.

Präsident Kennedy wurde uns geraubt, weniger als sechs Monate, nachdem er diese Worte sprach. Und wie so viele, die in diesen Jahrzehnten der Teilung starben, hat er das vereinigte und freie Berlin nicht mehr erlebt. Stattdessen lebt er für immer als junger Mann in unserer Erinnerung. Aber seine Worte sind zeitlos, denn sie ermahnen uns, uns nicht nur um unsere eigene Bequemlichkeit zu sorgen, um unsere eigene Stadt, um unser eigenes Land. Sie verlangen, dass wir uns das gemeinsame Unternehmen der gesamten Menschheit zu eigen machen.

Und wenn wir unseren Blick heben, wie Präsident Kennedy uns aufforderte, dann werden wir feststellen, dass unsere Arbeit noch nicht getan ist. Denn wir sind nicht nur Bürger Amerikas oder Deutschlands – wir sind auch Weltbürger. Und unsere Schicksale sind so eng miteinander verknüpft wie nie zuvor.

Wir mögen nicht mehr in Furcht vor globaler Vernichtung leben, aber solange es Atomwaffen gibt, sind wir nicht wirklich sicher. Wir mögen terroristischen Netzwerken Schläge versetzen, aber wenn wir die Instabilität und Intoleranz ignorieren, die Extremismus befeuert, dann wird dies letztlich unsere Freiheit gefährden. Wir mögen einen Lebensstandard genießen, der von der Welt beneidet wird, aber solange hunderte Millionen von Menschen die Qual des Hungers ertragen oder die Angst der Arbeitslosigkeit, sind wir nicht wirklich wohlhabend.

Und ich sage dies hier, im Herzen Europas, denn unsere gemeinsame Vergangenheit zeigt, dass keine dieser Herausforderungen bestanden werden können, wenn wir uns nicht als Teil eines größeren Ganzen sehen. Unser Bündnis ist die Grundlage globaler Sicherheit. Unser Handel und unsere Wirtschaft ist der Motor der Weltwirtschaft.

Unsere Werte und Prinzipien ermahnen uns dazu, dass wir an das Leben der Menschen denken, die wir nie kennenlernen werden. Europa und Amerika können als Vorbild vorangehen, Dinge tun, die andere Länder nicht bereit sind zu tun.

Heben wir also heute den Blick und denken an diesem Tag an einen Frieden mit Gerechtigkeit, den sich unsere Generation für die Welt wünscht. Frieden mit Gerechtigkeit sollte mit dem Beispiel beginnen, mit dem wir zu Hause vorangehen. Wir wissen aus der eigenen Geschichte, dass Intoleranz zu Ungerechtigkeit führt – sei es auf der Grundlage von Rassenzugehörigkeit oder Religion, Geschlecht oder Sexualität. Alle Menschen – ungeachtet ihres Aussehens – müssen die gleichen Chancen haben. Und unsere Frauen und Töchter müssen die gleichen Möglichkeiten haben wie unsere Männer und Söhne.

Wenn wir den Glauben anderer achten, die in Kirchen und Synagogen, in Moscheen und Tempeln beten, dann befinden wir uns in größerer Sicherheit. Wenn wir die Einwanderer begrüßen mit ihren Talenten und Träumen, dann werden wir erneuert. Wenn wir uns für unseren schwulen und lesbischen Brüder und Schwestern einsetzen und ihre Liebe und ihre Rechte vor dem Gesetz gleichstellen, dann verteidigen wir auch unsere Freiheit. Wir sind freier, wenn alle Menschen und alle Völker ihr eigenes Glück verfolgen können.

Solange es Mauern in unseren Herzen gibt, die uns von jenen trennen, die nicht aussehen wie wir oder nicht so denken wie wir oder nicht den gleichen Glauben haben wie wir, dann müssen wir uns mehr gemeinsam anstrengen, um diese Mauern einzureißen.

Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet eine freie Wirtschaft, die die Talente und der schöpferischen Kraft des Einzelnen freien Lauf gibt. Andere Modelle lenken das Wirtschaftswachstum von oben nach unten, oder sie verlassen sich auf Bodenschätze. Aber wir sind davon überzeugt, dass unser höchstes Gut unsere Menschen sind – und deswegen investieren wir in Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Und nun, da wir uns von der Rezession erholen, dürfen wir unseren Blick nicht abwenden von der Schande der zunehmenden Ungleichheit oder dem Schmerz der Jugendlichen, die arbeitslos sind. Wir müssen neue Aufstiegsmöglichkeiten schaffen in unseren eigenen Gesellschaftssystemen – auch wenn wir ein neues Freihandelsabkommen verfolgen, dass das Wachstum im transatlantischen Verhältnis verstärkt.

Amerika wird zu Europa stehen, wenn Sie die Europäische Union stärken. Und wir wollen gemeinsam sicherstellen, dass sich alle Menschen an der Würde erfreuen können, die aus Arbeit entsteht – egal ob sie in Chicago oder Cleveland leben, in Belfast oder Berlin, in Athen oder Madrid. Jeder verdient eine Chance. Wir brauchen Wirtschaftssysteme, die für alle Menschen da sind, nicht nur für diejenigen, die an der Spitze stehen.

Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet jenen, die um Freiheit kämpfen, die Hand zu reichen – ganz gleich, wo sie leben. Verschiedene Völker und Kulturen müssen ihren eigenen Weg verfolgen. Aber wir müssen die Lüge zurückweisen, dass jene, die an entlegenen Orten leben, sich nicht nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnen, wie wir es tun, dass sie sich nicht nach Würde und Rechtsstaatlichkeit sehnen, wie wir es tun.

Wir können nicht diktieren, wie schnell sich Dinge ändern an Orten wie der arabischen Welt. Aber wir müssen die Ausrede zurückweisen, dass wir nichts tun können, um den Wandel zu unterstützen. Wir können nicht davor zurückschrecken, unsere Rolle zu übernehmen – sei es bei der Unterstützung des afghanischen Volkes, wenn sie die Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen. Sei es, wenn wir für einen israelisch-palästinensischen Frieden arbeiten. Oder wenn wir uns wie in Birma dafür einsetzen, um einen Freiraum zu schaffen für ein mutiges Volk, das sich von Jahrzehnten der Diktatur befreit.

In diesem Jahrhundert sind dies die Bürger, die sich nach einer freien Welt sehnen. Sie sind heute das, was Sie einmal waren. Sie verdienen unsere Unterstützung. Auch sie sind Bürger Berlins, wir müssen ihnen helfen und wir müssen sie unterstützen – jeden Tag.

Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet, nach einer Welt ohne Atomwaffen zu streben – ganz gleich, wie weit dieser Traum entfernt sein mag. Als Präsident habe ich nun unsere Bemühungen verstärkt, die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und die Zahl der amerikanischen Atomwaffen zu reduzieren und ihre Rolle zu verändern. Durch den neuen Start-Vertrag sind wir auf dem Weg, die einsetzbaren nuklearen Sprengköpfe der USA und Russlands auf das niedrigste Niveau seit den 50er Jahren zu reduzieren. Aber es gibt noch viel zu tun.

Heute gebe ich zusätzliche Schritte bekannt: Nach gründlicher Überprüfung habe ich bestimmt, dass wir die Sicherheit Amerikas und unserer Verbündeten sicherstellen können und auch weiterhin strategisch abschrecken können, wenn wir unsere strategischen Atomwaffen, unsere einsatzbereiten Sprengköpfe um bis zu einem Drittel senken. Und ich strebe Verhandlungen zur Abrüstung mit Russland an, um den Stand des Kalten Krieges hinter uns zu lassen.

Gleichzeitig wollen wir mit unseren Nato-Verbündeten erreichen, dass die Zahl der taktischen Waffen der USA und Russlands in Europa erheblich verringert wird. Wir werden einen internationalen Rahmen schaffen für die friedliche Nutzung der Kernkraft und die nukleare Bewaffnung verhindern, die Nordkorea und der Iran womöglich anstreben. Amerika wird 2016 einen Nuklearsicherheitsgipfel ausrichten, um die sichere Aufbewahrung von Nuklearmaterial auf der ganzen Welt zu gewährleisten. Und wir werden daran arbeiten, den Kernwaffenteststopp-Vertrag in den USA zu ratifizieren. Alle Nationen sollten in Verhandlungen über einen Vertrag treten, um die Produktion von spaltbarem Material auf der ganzen Welt zu beenden. Das alles sind Schritte auf dem Weg zu einer Welt des Friedens mit Gerechtigkeit.

Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet, dass wir es nicht zulassen, dass unsere Kinder auf einem unwirtlichen Planeten leben müssen. Um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, braucht es kühne Aktionen. Und in diesem Bereich sind Deutschland und Europa wegweisend. In den Vereinigten Staaten haben wir vor kurzem erneuerbare Energien verdoppelt – aus sauberen Energiequellen wie Wind und Solarkraft. Wir verdoppeln die Effizienz von Kraftstoffen in unseren Autos. Unsere gefährlichen CO2-Emissionen haben sich verringert. Wir müssen aber mehr tun, und wir werden mehr tun.

Da die Mittelschicht auf der Welt immer mehr Energie konsumiert, muss das eine Anstrengung aller Nationen sein. Die bedrohliche Alternative würde uns alle treffen: schlimmere Stürme, weitere Hungersnöte und Überflutungen, steigende Meeresspiegel, verschwindende Küsten und neue Flüchtlingswellen. Das ist die Zukunft, die wir abwenden müssen. Das ist die globale Bedrohung unserer Zeit. Und im Interesse zukünftiger Generationen muss unsere Generation einen globalen Pakt anstreben, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, bevor es zu spät ist. Das ist unser Job. Das ist unsere Aufgabe. Und wir müssen uns an die Arbeit machen.“

„Wir müssen ebenfalls Geschichte schreiben“

„Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet, dass wir unserer moralischen Verpflichtung nachkommen. Und wir haben die moralische Verpflichtung und auch großes Interesse daran, die verarmten Regionen der Welt zu unterstützen. Wenn wir Wachstum fördern, ersparen wir einem heute geborenen Kind ein Leben in extremer Armut. Wenn wir in Landwirtschaft investieren, dann schicken wir nicht nur Lebensmittel, sondern wir bringen auch Bauern Landwirtschaft bei. Wenn wir die öffentliche Medizin stärken, dann schicken wir nicht nur Medikamente, sondern wir schulen Ärzte und Krankenschwestern, die helfen werden, die Schande zu beenden, dass Kinder an bezwingbaren Krankheiten sterben. Wir stellen sicher, dass wir alles tun, um das Versprechen - ein erreichbares Versprechen – der ersten Aids-freien Generation zu realisieren. Das ist etwas, das möglich ist, wenn wir einen ausreichenden Sinn für die Dringlichkeit spüren.

Unsere Anstrengungen müssen über Wohltätigkeit hinausgehen. Es geht um neue Modelle, Menschen zu befähigen, Einrichtungen zu schaffen, Korruption zu bekämpfen, Handelsbeziehungen zu schaffen (...). Und wir können nicht jene ignorieren, die sich nicht nur nach Freiheit sehnen, sondern auch nach Wohlstand.

Und denken wir schließlich daran, dass Frieden mit Gerechtigkeit von unserer Fähigkeit abhängt, sowohl die Sicherheit unserer Gesellschaften zu gewährleisten, als auch die Offenheit, die sie definiert. Die Bedrohungen der Freiheit kommen nicht immer von außen. Sie können auch von Innen heraus entstehen – aus unseren eigenen Ängsten und dem ausbleibenden Engagement der Bürger.

Über ein Jahrzehnt befinden sich nun die USA im Krieg. In den letzten fünf Jahren, seit meiner letzten Ansprache hier, hat sich viel verändert. Der Krieg im Irak ist nun vorbei. Der Krieg in Afghanistan nähert sich dem Ende. Es gibt Osama bin Laden nicht mehr. Und unsere Anstrengungen gegen Al Kaida kommen voran.

Im Hinblick auf diese Veränderungen habe ich im letzten Monat über die Anstrengungen Amerikas gegen den Terrorismus gesprochen. Und ich habe mich leiten lassen, von einem unserer Gründerväter, James Madison, der schrieb: „Keine Nation kann ihre Freiheit in einem ständigen Kriegszustand bewahren.“ Und James Madison hatte recht - deswegen bleiben wir zwar wachsam bezüglich der Bedrohung durch den Terrorismus, aber wir müssen darüber hinwegkommen, im Bewusstsein einer ständigen Kriegsbedrohung zu leben. Und in Amerika bedeutet das, dass wir unsere Bemühungen verdoppeln, um das Gefangenenlager in Guantanamo zu schließen. Es bedeutet, dass wir eine strenge Kontrolle des Einsatzes von Kampfdrohnen haben. Es bedeutet auch, dass wir das Streben nach Sicherheit mit dem Schutz der Privatsphäre in Balance zu bringen.

Ich bin zuversichtlich, dass wir dieses Gleichgewicht halten können. Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Zusammenarbeit mit Deutschland gegenseitig unsere Sicherheit gewährleisten und dabei die uns wichtigen Werte aufrechterhalten.

Unsere gegenwärtigen Programme sind an Gesetze gebunden und zielen auf Bedrohung unserer Sicherheit ab und nicht auf die Kommunikation von Bürgern. Sie helfen uns, reale Gefahren zu erkennen und Menschen in Amerika und Europa zu schützen. Wir müssen die Herausforderungen akzeptieren, denen alle demokratischen Regierungen gegenüberstehen: Wir müssen jenen zuhören, die uns widersprechen. Wir müssen eine offene Debatte darüber haben, wie wir unsere Macht einsetzen und wann wir sie einschränken. Und immer daran denken, dass die Regierung im Dienste des Einzelnen steht und nicht umgekehrt. Das macht uns zu dem, was wir sind. Und das unterscheidet uns von der anderen Seite der Mauer.

So werden wir an diesem besseren Teil der Geschichte festhalten, während wir uns bemühen, weiter Frieden und Gerechtigkeit zu garantieren. Das ist der tiefe Glaube, an den wir uns halten. Die Werte, die uns anleiten. Die Prinzipien, die uns als freie Völker verbinden, die noch an die Worte von Martin Luther King glauben, dass Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort eine Bedrohung der Gerechtigkeit an allen anderen Orten ist.

Und sollte jemand die Frage stellen, ob unsere Generation den Mut hat, diesen Prüfungen zu begegnen, wenn jemand die Frage stellt, ob die Worte von Präsident Kennedy noch heute zutreffen, dann sollen sie nach Berlin kommen. Hier werden sie Menschen finden, die sich aus den Ruinen des Krieges erhoben haben, um die Früchte des Friedens zu genießen. Von dem Schmerz der Trennung zur Freude der Wiedervereinigung. Und hier hören sie auch von Menschen, die hinter einer Mauer gefangen waren und den Kugeln widerstanden haben, die über Minenfelder gelaufen sind, Tunnel gegraben haben, von Gebäuden gesprungen sind und die Spree durchschwommen haben – um ihr Grundrecht auf Freiheit zu erreichen.

Diese Mauer ist nun eine Sache der Geschichte. Aber wir müssen ebenfalls Geschichte schreiben. Und die Helden, die vor uns gelebt haben, ermahnen uns dazu, ebenso diese hohen Ideale anzustreben - sich um junge Menschen zu kümmern, die in ihren Ländern keinen Arbeitsplatz finden, wie auch um Mädchen, die nicht zur Schule gehen dürfen. Wir müssen unsere eigene Freiheit bewahren, aber auch an die denken, die im Ausland nach Freiheit streben. Dies ist die Lektion der Jahrhunderte. Das ist der Geist von Berlin. Und der größte Tribut, den wir unseren Vorgängern zollen können, ist, dass wir ihre Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit nicht nur in unseren Ländern, sondern für die gesamte Menschheit fortsetzen.

Vielen Dank (Obama auf Deutsch, dann weiter Englisch) und Gottes Segen. Gott segne die Deutschen und die Amerikaner. Vielen Dank.“ (dpa)

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