Washington. Wenn Barack Obama am 20. Januar um Punkt zwölf Uhr mittags auf den Stufen des mächtigen Kapitols, die Hand auf der Bibel, Ehefrau Michelle an seiner Seite, von Amerikas Oberstem Richter John Roberts als 44. Präsident der USA vereidigt wird, dann wird er einen prächtigen Blick genießen. Am Ende der Mall wird ihm sein großes Vorbild Abraham Lincoln aus leicht melancholischen Marmoraugen entgegenblicken. Und in dem fast vier Kilometer langen Prachtpark Washingtons, zwischen dem 44. und dem 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten, wird Obama eine Menschenmenge zujubeln, wie sie die Kapitale noch nicht gesehen hat.
Die Menge wächst fast täglich: Noch in der vergangenen Woche war von rund 1,5 Millionen Zuschauern die Rede. Jetzt stellen sich die Behörden auf bis zu vier Millionen Schaulustige ein - es wird wohl die größte Party in der Geschichte Washingtons.
Das Mega-Ereignis wirft längst seine Schatten voraus. Im Kongress laufen die Telefone heiß: 240 000 Tickets mit dem besten Blick auf den neuen Präsidenten sollen von den Abgeordnetenbüros kostenlos verteilt werden. Weil aber auf Internetbörsen für die begehrten Plätze längst horrende Summen geboten wurden, hat die Senatorin und Organisationschefin Dianne Feinstein ihren Kollegen am Montag ein Eilgesetz vorgelegt: Wer sein Obama-Ticket verkauft, dem sollen Bußen sowie eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr drohen. Die Abgeordneten selbst freilich haben bei der Vergabe freie Hand. Die große Obama-Feier ist für sie auch eine Gelegenheit, sich bei Gönnern und Großspendern zu bedanken.
Washingtons Stadtväter und der Secret Service haben derweil andere Sorgen. Gerechnet wird mit einem beispiellosen Ansturm. Hinter den Sperrzäunen auf der Mall und entlang der Paradestrecke zum Weißen Haus können Bürger die Amtseinführung Obamas auch ohne Eintrittskarten verfolgen. Die wenigsten hier werden einen Blick auf den neuen Präsidenten erhaschen. Wie schon am Wahlabend in Chicago aber dürften Großleinwände aufgebaut werden. Den Besucherrekord hält bislang Lyndon B. Johnson, dessen Präsidentenschwur 1965 auf der Mall rund 1,2 Millionen Menschen verfolgten. Für Obama, deutete Washingtons Bürgermeister Adrian Fenty an, könne nun erstmals das gesamte Areal bis zum Lincoln Memorial für Schaulustige geöffnet werden. "Wir werden Massen haben, die zwei, drei oder viermal so groß sind wie bei den größten Amtseinführungsfeiern."
Die meisten Hotels sind längst ausgebucht. Für Privatunterkünfte werden im Internet astronomische Summen verlangt: 2000 Dollar pro Nacht kostet bei Craigslist, einer Art Schwarzem Brett im Internet, ein Reihenhaus auf dem Kapitolshügel. Freunde, Verwandte und wildfremde Menschen rufen bei Washingtonians an und erkundigen sich nach freien Betten. Viele dürften im oft bitterkalten Januar schon Tage vorher auf der Mall kampieren. Aus Sicherheitsgründen und um ein Verkehrschaos zu verhindern, wird am 20. Januar ein Großteil des Regierungsbezirks für den Verkehr gesperrt.
Dass die Obamamania dann einen neuen Höhepunkt erreichen dürfte, überrascht den Historiker Michael Beschloss kaum. Er ist der erste schwarzer Präsident - seine Amtseinführung ein historisches Ereignis und Obama längst auch Teil der Popkultur: "Junge Leute, die sich für das Nafta-Abkommen oder Außenpolitik nicht interessieren, finden ihn einfach cool."
In den USA lächelt der künftige Präsident von allen Illustrierten, er ist Kunstikone, ihm werden Hip-Hop-Songs gewidmet. "Barack ist plötzlich ein heißer Babyname", schreibt die Washington Post. Wenn er im Januar ins Weiße Haus zieht, soll Obama auch die dröge Beamtenstadt Washington verzaubern, wo nach dem 11. September 2001 lange verkrampfte Terrorangst regierte. Auf ein "Camelot II" hoffen sie da, eine Neuauflage der glamourösen Kennedy-Ära. Erstmal aber müssen sie die Amtseinführung bewältigen.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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