Washington. Es ist kurz nach zwölf. Die gesamte Führung der Weltmacht ist auf der festlich geschmückten Westtreppe vor dem Kapitol versammelt: der alte und der neue Präsident, die Vorgänger Nummer 40, 41 und 42, Jimmy Carter, George Bush senior und Bill Clinton, der alte und der neue Vizepräsident, die Führer des Kongresses, die höchsten Richter, die obersten Militärs. Nur einer fehlt, der alte und neue Verteidigungsminister Robert Gates. Um für den Fall eines katastrophalen Anschlags den Fortbestand der Regierung zu sichern, muss der Pentagonchef den Präsidentenwechsel irgendwo an unbekanntem Ort an der Mattscheibe verfolgen.
Mit Hunderttausenden vor dem Kapitol und Millionen im Land und der Welt an den Bildschirmen sieht Gates dort, wie Barack Obama die Hand auf eine in roten Samt eingeschlagene Bibel legt. Es ist jene Bibel, auf der schon die Hand von Abraham Lincoln ruhte, als der am 4. März 1861 an gleicher Stelle das gleiche Amt übernahm. Eine symbolische Geste, typisch Obama: Er sucht sie auch jetzt, die Nähe zu den ganz Großen der Geschichte.
Michelle Obama hält die Lincoln-Bibel, in schwarzer Robe steht da John Roberts, der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, dem letzten Bollwerk konservativer Dominanz in Washington. Keine Wimper zuckt, kein Zittern in der Stimme, nur kalter Atem hängt in der Winterluft, dann doch ein kleiner Versprecher, als Barack Obama die Worte spricht: "Ich Barack Hussein Obama schwöre feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreu verwalten und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften erhalten, schützen und verteidigen werde, so wahr mir Gott helfe." In diesem Moment ist Barack Obama der 44. Präsident der USA. Vor ihm: Fahnen, Tränen, Jubel.
Es ist ein Tag, inszeniert für die Geschichtsbücher. Davon verstehen sie etwas in Washington. Schon als die Sonne aufgeht über der Hauptstadt ist die Mall, die ausgreifende Parkanlage zwischen Kapitol und Lincoln Memorial, ein einziges Menschenmeer.
Tausende haben hier übernachtet, eingehüllt in dicke Decken und Daunenjacken, Obama-Mützen und Obama-Schals. Bis zum mittag drängen immer neue Massen durch die Sicherheitsschleusen. Eine, zwei, drei Millionen werden es am Ende vielleicht sein. Mehr als je zuvor, nur das ist sicher.
Die große Obama-Party hatte schon Tage vorher begonnen. Mit Konzerten unter freiem Himmel, einer Art Woodstock im Winter, mit exklusiven Feiern in noblen Hotels oder einfach einem Obama-Potluck beim Nachbarn, wo jeder etwas zu essen mitbringt. Was Rang und Namen hat in Hollywood, bei MTV und in der Politik, ist in diesen Tagen in Washington. Die sonst so steife Stadt feierte den neuen Präsidenten wie andere Nationen eine Fußballweltmeisterschaft. Auch der politische Gegner wurde kräftig umarmt: Am Vorabend der Vereidigung haben die Obamas gleich drei "Unity Dinner" gegeben, eines davon zu Ehren John McCains, des unterlegenen Kandidaten der Republikaner.
Auf der Mall und entlang der Paradestrecke an der Pennsylvania Avenue stehen die Menschen dann am großen Tag auch dort noch dicht gedrängt, wo das mächtige Kapitol nur mehr eine ferne Kuppel am Horizont ist, wo sie nichts sehen können von der feierlichen Zeremonie, keinen Blick erhaschen auf den neuen Präsidenten, außer auf den großen Leinwänden. "Macht nichts", sagt Sheila Palmer, "ich wollte einfach hier sein, Zeuge sein. Es ist ein historischer Tag."
Die schwarze Lehrerin aus Jackson im Bundesstaat Mississippi ist auch deshalb aus dem tiefen Süden in die Hauptstadt gereist, weil ihre kranke Mutter es nicht mehr konnte. "Sie hat mir von den Bürgerrechtsmärschen erzählt", sagt Sheila Palmer, "ein schwarzer Präsident, davon haben sie damals nicht einmal zu träumen gewagt."
Jetzt strahlen da auffallend viele schwarze Gesichter in der Menge. "Für uns ist das ein großer Tag, ein Feiertag", sagt Reverend John Blanchard und zupft an der roten Baseballmütze, ein breites Lächeln im Gesicht. Seine kleine Ebenezer-Kirche gleich hinter dem Kapitol hat der schwarze Pastor für Gäste aus dem ganzen Land geöffnet. "In den Sechs-Uhr-Nachrichten haben schwarze Kids immer nur Leute gesehen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, das waren die Vorbilder", erzählt Blanchard, "jetzt werden sie jeden Tag einen schwarzen Präsidenten sehen. Obama ist für uns auch ein Symbol für das, was man mit harter Arbeit aus seinem Leben machen kann."
Auch Alison und Russel Michael wollten dabei sein an diesem Tag. Das weiße Ehepaar wohnt zwar nur drüben in Arlington, auf der anderen Seite des Potomac. Doch weil die Brücken über den Fluss heute gesperrt sind, haben sie sich für drei Tage ein kleines Reihenhaus hinter dem Kapitol gemietet, 400 Dollar kostet das pro Nacht. Schon um fünf Uhr mussten sich die Michaels an einem Kontrollpunkt einfinden, denn sie hatten das Glück, unter mehr als 90 000 Bewerbern als Ordner ausgewählt zu werden.
Von Obama werden sie nichts sehen an diesem Tag. Egal. "Wir wollten helfen, etwas tun, es ist doch mein Land", sagt Russel. "Ich glaube, Obama meint es ehrlich", nickt Alison. Schon, dass die Ära des George W. Bush heute nach acht Jahren endet, empfindet die Demokratin "wie frische Luft".
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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