Fünf Minuten donnert der Applaus. Demokraten, Republikaner, alle stehen sie da und jubeln Barack Obama zu. Drängen sich zum Gang, recken die Arme, wollen ihn berühren. Ein Handschlag, ein Klaps auf die Schulter, ein Kuss auf die Wange. Der Präsident bahnt sich den Weg zum Rednerpult durch ein wogendes Meer aus lauter guten Freunden. Oder doch guten Patrioten, die wissen, was sie dem Mann aus dem Weißen Haus in Momenten wie diesem schuldig sind.
Nicht oft kommen Präsidenten ins Kapitol, um vor beiden Häusern des Kongresses eine Rede zu halten. Das feierliche Ritual ist gewöhnlich der jährlichen Rede zur Lage der Nation vorbehalten.
Im Saal sitzen die Abgeordneten, das Kabinett, Botschafter, auf der Empore die First Lady, hohe Gäste, heute etwa Vicky Kennedy, die Witwe von Edward Kennedy, dem vor zwei Wochen verstorbenen großen Senator. Das vom Sergeant of Arms mit der Inbrunst eines königlichen Hofschreiers abgespulte Protokoll ist staatstragend, die Atmosphäre feierlich.
Barack Obama wusste das. Er wollte es so. Die Inszenierung ist Teil der Botschaft. Zu hitzig, zu ruppig ist die Debatte über Amerikas große Gesundheitsreform in den vergangenen Monaten zum Brüllfest verkommen. Zu oft wurde geschrieen, zu wenig zugehört. Zu häufig haben platte Parolen Argumente ersetzt. Sozialismus! Faschisten! Der Präsident mit Hitler-Bärtchen. Angebliche Regierungspläne, "Oma den Stecker zu ziehen", wenn sie auf dem Sterbebett liegt.
Es geht um eine Jahrhundertreform
Noch am Morgen vor Obamas Rede hat Sarah Palin, bei der Präsidentschaftswahl im Vorjahr Vize-Kandidatin der Republikaner, am Mittwoch das unselige Gerücht im "Wall Street Journal" noch einmal aufgewärmt. Auch das provokante Unwort von den "Todes-Gremien" wiederholte sie. Ob es denn verwunderlich sei, wenn viele Kranke und Alte besorgt seien, dass die Vorschläge der Demokraten zu rationierter Gesundheitsversorgung durch - "soll ich wagen es zu sagen - Todes-Gremien" führten, schrieb Frau Palin da. Nein, verwunderlich ist es nicht. Nicht bei derlei kalkulierter Angstmache von Politikern, die es besser wissen.
Als die Abgeordneten unten im Saal ihrem Gatten noch tosend beim Einzug zujubeln, und auch der Präsident sein strahlendstes Lächeln zeigt, schaut oben auf der Empore Ehefrau Michelle eine Spur zu besorgt. Nicht nur sie weiß, dass da unten Theater gespielt wird. Beifall und Hochrufe zur Begrüßung sind noch keine Stimmen für die Gesundheitsreform, die Barack Obama zum Kernstück seiner innenpolitischen Agenda erhoben hat.
In den vergangenen Wochen, als seine Umfragewerte beständig bröckelten, ist das Vorhaben für den Präsidenten längst mehr geworden. Es geht um eine Jahrhundertreform: Krankenschutz für alle, in jedem anderen westlichen Industriestaat längst selbstverständlich, ist nun auch in Amerika greifbar wie nie. Aber es geht eben auch um einen Test für das Durchsetzungsvermögen dieses jungen Präsidenten. Scheitert die Reform, haben ihm die politischen Scharfmacher prophezeit, scheitert auch Obama.
Obama will Entschlossenheit demonstrieren
So einfach ist die Rechnung nicht. Doch auch Obama weiß, was auf dem Spiel steht. Deshalb wendet er sich jetzt nicht so sehr an die Abgeordneten vor ihm. Er redet über ihre Köpfe hinweg in die Kameras, in die Wohnzimmer. Er will die Reform erklären, das, was er "Falschinformation" und "Lügen" nennt ausräumen, deutlicher als bisher sagen, wie genau das amerikanische Gesundheitssystem künftig aussehen soll. "Die Zeit für Spielchen ist vorbei. Jetzt ist die Zeit zu handeln", sagt Obama,
Und er will Entschlossenheit demonstrieren. Die eigene Partei und seine Gegner dürfen nicht länger zweifeln, ob der Präsident wirklich gewillt ist, die harte Schlacht zu schlagen, die er nun im Kongress gewinnen muss. "Ich bin nicht der erste Präsident, der diese Sache anpackt. Aber ich bin entschlossen, der letzte zu sein", sagt Obama gleich am Anfang.
Da weht auch wieder der Atem der Geschichte durch den Saal, wie immer bei diesem Präsidenten. Er erinnert an Theodore Roosevelt, den ersten "Teddy", der vor rund einem Jahrhundert als erster eine Gesundheitsreform in Angriff nahm. Und er erinnert daran, wie ein gewisser John Dingell schon 1943 die erste Gesetzesnovelle im Kongress vorlegte, die dem Land eine allgemeine Krankenversicherung verhieß.
Auch 65 Jahre später, sagt Obama, bringe der Sohn dieses John Dingell senior das gleiche Gesetz noch immer am Beginn jeder neuen Legislaturperiode ein. Unten in den harten Bänken wischt sich da ein greiser Mann mit schlohweißem Haar eine Träne aus dem Augenwinkel, der inzwischen auch schon 83 Jahre alt ist, John Dingell junior, Abgeordneter aus Michigan.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Obama versucht, die Schlüsselgruppen in den USA von seiner Reform zu überzeugen
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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