Nach dem Vorbild der „Occupy Wall Street“-Proteste in New York sind am Montag Tausende Menschen in Chicago gegen die Wirtschaftspolitik der US-Regierung und die Macht der Banken auf die Straße gegangen. Bis zu 3000 Demonstranten versammelten sich nach Polizeiangaben im Finanzviertel der Millionenmetropole sowie vor einem Luxushotel, in dem eine Börsenkonferenz abgehalten wurde. Sie hielten Schilder mit der Aufforderung „Löst die Notenbank auf!“ hoch. „Wir wollen zeigen, welche Rolle die Finanzindustrie gespielt hat“, sagte ein Demonstrant. „Es ist an der Zeit, ihnen mitzuteilen, wie sehr sie uns wehtun.“
Die Demonstration unter dem Slogan „Stand Up Chicago“ wurde von Lehrern, Gewerkschaftsmitgliedern und Kirchenvertretern organisiert. Es kam zu 27 Festnahmen. Für die nächsten drei Tage sind weitere Proteste in Chicago geplant. Chicago ist Standort der CME , einer der weltgrößten Optionsbörsen, sowie der CBOE . Die Organisatoren der Demonstrationen in Chicago fordern die Besteuerung von Finanztransaktionen an diesen beiden Marktplätzen. Mit den Steuererträgen von geschätzt rund 1,4 Milliarden Dollar könnten 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden, schrieben sie in einer Stellungnahme.
Die Seite „Occupy Together“ vernetzt alle
Mit dem Schlachtruf „Occupy Wall Street“ (Besetzt die Wall Street) haben nicht nur die Proteste Mitte September im Finanzdistrikt New Yorks begonnen, unter diesem Namen hat die Bewegung auch ihre Internetseite eingerichtet. Dort veröffentlichen Teilnehmer Videos von den Kundgebungen, informieren über die nächsten geplanten Protestaktionen und debattieren in Foren über ihre Ziele. Die lesen sich bislang wie ein breiter Wunschkatalog für eine bessere Welt: In einer Diskussionsgruppe auf der Webseite reichen die Forderungen von einer stärkeren Regulierung der Banken über mehr direkte Demokratie und Umweltschutz bis zu höheren Ausgaben für die Bildung.
Die Internetseite „Occupy Together“ (Zusammen besetzen) gibt den Demonstranten an den verschiedenen Orten eine gemeinsame Plattform. Die Betreiber sehen sie als „inoffizielle Drehscheibe“, um jene „99 Prozent der Bevölkerung“ zu vernetzen, die gegen die „Gier und Korruption des einen Prozents“ kämpfen wollen - in den USA und weltweit. Hier können Anhänger der Protestbewegung miteinander in Kontakt treten, Fotos ihrer Aktionen hoch- oder Protestplakate herunterladen.
Auch soziale Netzwerke spielen eine große Rolle
Ein herausragender virtueller Sammelplatz der Bewegung sind die sozialen Netzwerke. Zehntausende Nutzer verfolgen die Facebook-Seite von „Occupy Wall Street“, daneben sind auf dem beliebtesten sozialen Netzwerk dutzende weitere Besetzer-Seiten für andere Städte entstanden - darunter auch eine nicht ganz ernst gemeinte Variante, die zur Besetzung der Sesamstraße aufruft.
Die Protestbewegung verbreitet ihre Anliegen auch über den Online-Kurznachrichtendienst Twitter, alleine mehr als 45.000 Nutzer haben den Kanal „@OccupyWallStNYC“ abonniert. Der „New York Times“ zufolge dominieren Menschen aus New York die US-Debatte über die Protestbewegung auf Twitter, immerhin fast die Hälfte der Kommentare stamme aus anderen Landesteilen.
Am vergangenen Freitag seien auf Twitter im Schnitt 10.000 bis 15.000 Kommentare pro Stunde zu diesem Thema abgegeben worden, schrieb das Blatt unter Berufung auf das auf die Analyse von sozialen Netzwerken spezialisierte Unternehmen Trendrr.
Die Menschen, für die sich die Protestbewegung einsetzen will, erzählen ihr Schicksal auf der Mikroblogging-Seite Tumblr. Hunderte Nutzer haben dort bereits in dem kollektiven Internet-Tagebuch „We are the 99 percent“ (Wir sind die 99 Prozent) Fotos und persönliche Beiträge über ihre Alltagssorgen in der Wirtschaftskrise hinterlassen. Viele, die sich hier eintragen, sind junge Akademiker, die von hohen Schulden wegen der Studiengebühren und fehlenden beruflichen Perspektiven berichten. Doch auch ältere Semester melden sich zu Wort. Eine Frau etwa beklagte sich in Stakkato-Form: „Job verloren. Haus verkauft. Bei der 87-jährigen Mutter eingezogen.“
Auch in Washington und Philadelphia kam es in den vergangenen Wochen zu Aktionen gegen die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und eine ungleiche Verteilung von Wohlstand. Am Samstag sollen die Proteste dann in Deutschland ankommen. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac hat zu einer Protestkundgebung vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main aufgerufen. In Berlin wollen Demonstranten vor das Bundeskanzleramt ziehen. (rtr/afp)
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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