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Odenwaldschule: Das Versagen der Vorbildpädagogen

Die Odenwaldschule wird 100. Von außen betrachtet, sieht die Feier aus, wie jede andere auch. Doch wegen des Missbrauchskandals kann sie ihr Jubiläum nicht feiern. Der Tod des ehemaligen Schulleiters schwebt wie ein Ausrufezeichen dahinter. Von Joachim Wille

Viele Mitarbeiter der OSO blendeten den Missbrauch aus.
Viele Mitarbeiter der OSO blendeten den Missbrauch aus.
Foto: dpa

Am Freitag sollte die Öffentlichkeit endlich aus erster Hand die "Wahrheit" über die Odenwaldschule erfahren - in einer öffentlichen Anhörung während der viertägigen Jubiläumsveranstaltung zum 100-Jährigen der "OSO". Doch ausgerechnet am Freitag wird bekannt, dass am Donnerstag derjenige gestorben ist, der die Wahrheit am besten kannte: Ex-OSO-Leiter und Haupttäter des Missbrauchsskandals Gerold Becker. Die Nachricht platzte in die Matinee hinein, die im Festzelt auf dem OSO-Campus abgehalten wurde - mit einem verlesenen Grußwort von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und einer Laudatio auf die Reformpädagogik-Ikone namens OSO. Unglaublich, aber wahr. Viele dachten, was OSO-Vorstandssprecher Johannes von Dohnanyi sagte: "Ich hätte noch viele Fragen an Becker gehabt."

Von außen sieht das Schuljubiläum im Heppenheimer Stadtteil Oberhambach in Südhessen aus, wie ein Schuljubiläum so aussieht. Es gibt Vorführung zur "Lego-Robotik", eine "offene Sporthalle", Theateraufführung, dazu Getränke, Kuchen, Mittag- und Abendessen satt, das ganze bei strahlend blauem Himmel. Doch die OSO kann kein normales Jubiläum feiern. Und Beckers Tod ist wie ein groteskes Ausrufezeichen dahinter.

An den ersten beiden Tagen der Großveranstaltung auf dem weiträumigen Gelände des reformpädagogischen Internats im südhessischen Heppenheim versuchte die OSO den eigenen Missbrauchsskandal weiter aufzuarbeiten. Klar wurde dabei: Die Dimension der Übergriffe, die über mehr als zwei Jahrzehnte stattfanden, kommt erst nach und nach ans Tageslicht, da die Opfer zum Teil erst jetzt den Mut finden, über das Geschehen zu sprechen und zu schreiben. Was nun in einer Art Zwischenbericht vorliegt, sei "eine Chronik des Schreckens", sagte von Dohnanyi. Er ist selbst ein Altschüler und wurde im Mai, rund sechs Wochen nach Bekanntwerden des Skandals, neu in den Vorstand des OSO-Trägerkreises gewählt. Es sei "nicht leicht, das zu lesen".

Die Mehrzahl der sexuellen Übergriffe fand nach dem jetzt von zwei Juristinnen vorgelegten Zwischenbericht in den Jahren 1966 bis 1981 statt, den letzten Fall gab es danach 1986. Die Zahl der Opfer liegt deutlich über den bisher genannten 50: "Es hat sehr viel mehr Opfer gegeben", sagte die Ex-Präsidentin des OLG Frankfurt, Brigitte Tilmann. Es lägen Aussagen zu 28 weiteren Fällen vor, die aber noch überprüft werden müssten. Die Übergriffe reichten von Berührungen über das Manipulieren von Geschlechtsteilen, Oral- und Analverkehr bis zur Vergewaltigung.

Die Auswertung beweist aber auch: Es gab Gegenwehr der Opfer und anderer Schüler, aber die früheren Schulleitungen und zum Teil auch das Kollegium ließen sie ins Leere laufen. Der Widerstand sei "systematisch gebrochen" worden, so die Wiesbadener Strafrechtlerin Claudia Burgsmüller, die gemeinsam mit Tilman von der OSO mit der Analyse der Altschüler-Aussagen beauftragt ist. "Zahlreiche Mitarbeiter der Schule" hätten "um jeden Preis eine Diskussion über Grenzüberschreitungen im Lehrer-Schüler-Verhältnis vermeiden wollen".

Der Widerstand gegen den Missbrauch begann frühzeitig. Bereits 1966 wandten sich zwei Oberstufen-Schüler an den damaligen Schulleiter Walter S. Die Resonanz war gleich null.

1967 führte eine weitere Intervention eines 13-Jährigen, der über den Missbrauch von jüngeren Schülern berichtete, immerhin zu einer Reaktion: Einer der beschuldigten Lehrer musste die Schule verlassen. Der zweite Lehrer aber blieb; es handelte sich um den inzwischen verstorbenen Musiklehrer Wolfgang Held, genannt "der Frosch". Ihm wird eine ganze Serie von Missbrauchsfällen zur Last gelegt. Repressionen erlebte dafür der Schüler selbst: Der Internatsleiter S. soll den 13-Jährigen so unter Druck gesetzt haben, dass er die Schule verließ.

Der Bericht belegt, dass auch Beckers zweifelhafte Neigungen der damaligen Schulleitung bereits bekannt gewesen waren, bevor Becker dann 1972 vom einfachen Lehrer zum OSO-Chef wurde. Ein Altschüler, der Becker während seiner Schulzeit selbst mit den Fällen konfrontierte und mit seiner Gegenwehr auflief, schrieb: Er sei "zu der tiefen Überzeugung gelangt, dass von Gerold Beckers umtriebiger Pädophilie schon 1971 nur diejenigen nichts wussten, die nichts wissen wollten". Dokumentiert sind aus den 70er Jahren und von 1980 weitere Versuche von Schülern und Eltern, die Missbrauchsfälle über das OSO-Schülerparlament und Becker selbst aufzuklären und abzustellen. Die Folgen: Einschüchterungen und ein Schulverweis.

Am Freitagabend sollte das Forum "Wahrheit" stattfinden, zu dem die OSO nicht nur Opfer, sondern - naiverweise - auch "Täter" zur offenen Aussprache eingeladen hatte. Altschüler von Dohnanyi erhoffte sich, dass ergründet werde, warum der OSO-Skandal so lange unter der Decke bleiben konnte. Warum, wie er sagte, "hochintelligente und sehr sympathische Menschen gerade an diesem für die Odenwaldschule zentralen Punkt versagt haben".

Autor:  Joachim Wille
Datum:  9 | 7 | 2010
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