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Odenwaldschule: Mehr Wahrheit, als man wahrhaben will

Aufarbeitung des Missbrauchskandals: Erst läuft das Hearing der Odenwaldschule zu sexuellen Misshandlungen grotesk ruhig - dann wird es drastisch. Von Joachim Wille

Blick auf den Schulkomplex.
Blick auf den Schulkomplex.
Foto: ddp

Die Odenwaldschule (OSO) will die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals weiter vorantreiben. Sie wird eine "Wahrheitskommission" einrichten, zudem sollen Wissenschaftler untersuchen, warum der sexuelle Missbrauch an dem Internat verschwiegen und tabuisiert wurde. Der OSO-Vorstand hat immer noch die Hoffnung, die Täter zum Sprechen zu bewegen. Man werde sie "einladen und vorladen". Juristen sollten sie befragen.

Eine minimale Hoffnung, bei Lichte besehen. Zum öffentlichen Hearing während der Feiern zum 100-jährigen Bestehen der OSO, das am Sonntag endete, waren die Täter nicht gekommen. Keiner der noch lebenden Lehrer, die in den 70er und 80er Jahren mindestens 50, vermutlich aber mehr als 100 Kinder und Jugendliche missbraucht hatten, wagte sich, die "Wahrheit" - so der Titel - aus seiner Sicht darzustellen.

Zimmertür in der Odenwaldschule, anno 2010.
Zimmertür in der Odenwaldschule, anno 2010.
Foto: Alex Kraus

Kein Wunder. Denn die Wahrheit der Opfer und der Lehrer-Kollegen, die entweder nichts wussten, nichts wissen wollten oder den Missbrauch deckten, trat so grausam zutage - es war kaum zu verkraften. Am Abend der Wahrheit entwickelte sich eine Dramaturgie des Schreckens.

Zuerst das Grauen in Schriftform, verlesen aus Opfer-Schilderungen in der Theaterhalle der Odenwaldschule. "Becker hat es jeden Tag versucht. Wenig später hat er Ethik-Unterricht gegeben und sonntags die Predigt gehalten. Jeder Tag beginnt mit der Angst und dem Gedanken: Auch heute wird es dir nicht gelingen, der Erniedrigung zu entgehen", hat ein Mann geschrieben, der in der OSO-"Familie" des Schulleiters Gerold Becker lebte. Ein anderes Opfer: "Ich habe mich 30 Jahre lang geschämt." Ein weiteres: "Ich musste den Traum von einer eigenen Familie begraben."

"Hört endlich zu"

Es ist erdrückend in der Theaterhalle. Nicht wegen der Hitze. Die Berichte über zerstörte Leben sind schon in dieser, fast literarisch vermittelten Form kaum erträglich. Doch das ist nichts gegen das, was kommt.

Oben auf dem Podium versuchen sie, das Unbegreifliche zu verstehen, in analysierende Sätze zu packen. Aber dann platzt es aus einem Mann unten in den Stuhlreihen heraus: "Ihr wollt immer verstehen. Hört auf. Hört endlich zu! Wisst ihr, wie es sich anfühlt, wenn man als 13-Jähriger nachts aufwacht. Aufwacht, weil Gerold einem den Schwanz lutscht. Aber nicht so, wie Erwachsene es tun, um Lust zu empfinden, sondern wie ein Berserker. So dass man Angst hat, er beißt einem den Schwanz ab. So bin ich nachts um drei geweckt worden. Und ich war 13." Der Mann schreit es heraus. Die Zuhörer sind wie gelähmt. Das ist mehr Wahrheit, als man wahrhaben möchte.

Aber der Mann macht weiter. Er schildert, wie er seit 1997 versuchte, zuerst Becker selbst und dann die damalige Schulleitung dazu zu bringen, die Schuld einzugestehen. Wie er zu Presse, das heißt, zur FR, ging. Wie danach alles wieder versandete. Wie er 2008 ein neuen Anlauf unternahm, wie nun, 2010, endlich, alles, vielleicht alles, auf den Tisch kommt. "Ich wollte unbedingt hier dabei sein", ruft er aus.

Bis dahin ist das Hearing grotesk ruhig abgelaufen. So, als könne man sich dem Thema nüchtern nähern. Das kann man nicht.

Ex-Lehrer: "Wir waren mehr mit uns selbst beschäftigt"

Jeder in der Halle fragt sich: Wie konnte der Missbrauch passieren, ohne dass das Kollegium revoltierte? Die Frage bestimmt den Rest des Abends. Als klar wird, ein paar Lehrer aus der Becker-Ära sind im Saal, entsteht eine Art Kreuzverhör. Es fallen viele Sätze wie: "Ich habe keine Erinnerung, es tut mir leid." Einer sagt: "Wir sind nicht auf die Idee gekommen, dass er (Becker, die Redaktion) übergriffig sein könnte." Alles sei im "Dunkeln des Herderhauses", Beckers Wohnung, geschehen. Man kann das glauben. Viele glauben es nicht.

Salman Ansari, den Ex-Lehrer, der sich sogar aufs Podium wagt, quält die Erinnerung sichtlich: "Wir waren mehr mit uns selbst beschäftigt als mit den Kindern."

Autor:  Joachim Wille
Datum:  11 | 7 | 2010
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