Berlin. Die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise hat weltweit die Alterssicherungssysteme teilweise beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen. In den 30 Mitgliedsländern der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verloren private Pensionsfonds im Jahresverlauf 2008 rund 23 Prozent ihres Wertes; die Verluste beliefen sich auf insgesamt 5,4 Billionen (5400 Milliarden Dollar).
Die Vereinigung der führenden Industriestaaten, die am Dienstag ihren jährlichen Rentenüberblick präsentierte, sieht dennoch keinen Grund, von ihren bisherigen Empfehlungen abzuweichen. "Gemischte Systeme" der Alterssicherung seien unverändert der richtige Weg, sagte OECD-Sozialexpertin Monika Queisser in Berlin; angesichts der verbreiteten demografischen Herausforderung (sprich: der älter werdenden Gesellschaft) sei die kapitalgedeckte Vorsorge "als Ergänzung" zur umlagefinanzierten staatlichen Rente unverzichtbar.
Besonders betroffen vom jüngsten Einbruch sind jene Länder, in denen Aktien traditionell eine wichtige Rolle auch bei der Alterssicherung spielen: Irland, Australien und die USA führen die Liste der Fonds-Verlierer an - und dort vor allem ältere Beschäftigte, die kurz vor der Verrentung stehen; Deutschland liegt mit Wertverlusten von etwa sieben Prozent auf dem drittletzten Platz und hält sich in der Krise bislang robust.
Allerdings, so warnt die OECD, kein Rentensystem sei immun gegen globale Finanzturbulenzen, und auch umlagefinanzierte Modelle seien verwundbar. Länder wie Griechenland, Frankreich oder Italien hätten schon vor der Krise Finanzprobleme der Sozialkassen gehabt; die aktuelle Rezession werde den Druck auf Rentenkürzungen erhöhen.
Für Deutschland, mahnt die OECD, bestehe auf mittlere Sicht ein "erhebliches" Risiko der Altersarmut. Mehrere Reformen zur Stabilisierung der gesetzlichen Alterskassen hätten die Ansprüche der Ruheständler sinken lassen, ruft die Studie in Erinnerung.
Die Folge: Wer heute als junger Mensch ins Arbeitsleben eintrete und über seine gesamte Erwerbskarriere unterdurchschnittlich verdiene, dem werde durch die gesetzliche Rente im Alter "ein so geringer Anteil seines Einkommens ersetzt wie in keinem anderen OECD-Land". Auch die Grundsicherung für Rentner liege in Deutschland (mit 19 Prozent des Durchschnittseinkommens) spürbar niedriger als im OECD-Mittel (von 27 Prozent).
In einem früheren FR-Interview hatte Queisser der Bundesregierung empfohlen, sich langfristig am Schweizer Dreisäulenmodell auszurichten, das neben einer relativ niedrigen staatlichen Grundrente verpflichtend auch eine betriebliche sowie private Altersvorsorge vorsieht.
Die OECD fordert, trotz der Krise Kurs zu halten. Es gebe in vielen Mitgliedsländern "besorgniserregende" Tendenzen, Reformschritte zurückzunehmen. Die große Koalition bekommt einen kleinen Rüffel für die umstrittene Entscheidung aus dem vergangenen Jahr, eigentlich fällige Dämpfungen des Rentenanstiegs für 2008 und 2009 auszusetzen.
Auch die vom Bundestag beschlossene Garantie, dass Renten bei einem Rückgang der Lohnentwicklung nicht gekürzt werden dürfen, stößt bei Queisser auf Befremden. Die finanzielle Nachhaltigkeit der Rentensystems sei damit "schwieriger zu erreichen".
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