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Olympia in China: Spiele des Stillstands

Eine Bilanz von unserem Korrespondenten Harald Maass.

Aller Anfang hat ein Ende: Die chinesische Flagge wird bei der Eröffnungszeremonie gehisst.
Aller Anfang hat ein Ende: Die chinesische Flagge wird bei der Eröffnungszeremonie gehisst.
Foto: rtr

Welches China haben wir bei Olympia gesehen? Zwei Wochen konnte die Welt an den Fernsehschirmen einen Blick in das sonst ferne Land werfen. Die Bilder von dort hätten kaum widersprüchlicher sein können. Da waren die sympathischen Gesichter der chinesischen Zuschauer und Sportler, die sich an den Wettkämpfen begeisterten. Wir sahen Peking als Weltmetropole mit faszinierender Architektur - Ausdruck einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Aber auch das andere, hässliche Gesicht Chinas: Dissidenten und kritische Bürger wurden vor den Augen der Weltöffentlichkeit verprügelt und festgenommen. Es gab Heerscharen staatlicher Aufpasser und Zensoren. Gefälschte Bilder bei der Eröffnungszeremonie. Bombenexplosionen und Unruhen in den Provinzen, wo die Menschen gegen Unterdrückung kämpfen.

Die Bilder passen nicht zusammen. Genau deshalb waren diese Olympischen Spiele ein Spiegel der chinesischen Gesellschaft. Die sogenannte Volksrepublik, das haben die vergangenen Tage gezeigt, entspricht nicht den Klischees, die sich das Ausland über dieses Volk der 1,3 Milliarden Menschen zurechtgelegt hat. Wer sich heute mit Chinesen unterhält, mag überrascht sein, wie offen - zumindest privat - die Menschen über soziale und politische Probleme reden und wie vielschichtig die Gesellschaft geworden ist. In diesem Punkt hat Pekings Regierung recht: Noch nie in der Geschichte der Volksrepublik hatten Chinesen so große persönliche Freiheiten wie heute. Noch nie hat das einfache Volk so stark am Wohlstand des Landes partizipiert.

Wirtschaftlicher Aufschwung und gesellschaftliche Öffnung sind jedoch nur ein Teil der chinesischen Realität. Daneben existiert ein autoritärer Polizeistaat, der sich seit Maos Zeiten nicht geändert hat. Die Propagandapresse ist gleichgeschaltet, die Justiz Handlanger der KP. Es ist bezeichnend, dass Pekings Machthaber nicht einmal für den begrenzten Zeitraum der Olympischen Spiele abweichende Meinungen duldeten. Das Internet für die angereisten 20 000 Journalisten - ebenso wie für alle Chinesen - war zensiert. Tibetaktivisten, die auf die Probleme in dem Hochland aufmerksam machen wollten, wurden verhaftet und abgeschoben. Selbst in den eigens für die Spiele eingerichteten "Demonstrationsparks" durfte niemand an der Fassade einer "harmonischen Gesellschaft" kratzen. Keine einzige Demonstration wurde erlaubt. Mehrere Antragsteller wurden ins Arbeitslager verbannt.

Die KP-Mächtigen hatten mit Olympia zwei Ziele. Das eine war innenpolitisch: Eine erfolgreiche Organisation der Spiele sollte die Legitimation der KP-Regierung untermauern. Das ist geglückt. Die meisten Chinesen haben von den Protesten und Verhaftungen während der Spiele nichts mitbekommen. Und selbst wenn, hätten sie sich wohl kaum dafür interessiert. Stattdessen verfolgten sie, von der Propaganda nationalistisch aufgeheizt, mit stolz geschwellter Brust die Erfolgsserie ihrer Athleten. Die bombastische Eröffnungszeremonie, im Ausland als bedrohliche Inszenierung der Staatsmacht empfunden, entsprach dem "Wir sind wieder wer"-Gefühl vieler Chinesen. Nach Jahrzehnten der Armut und politischen Wirren unter Mao Tsetung wollen sie, dass China wieder seinen "rechtmäßigen" Platz in der Welt einnimmt. Die Führung weiß das zu nutzen. Wohlstand und Nationalismus sind der Kitt, mit dem die KP das Volk an sich bindet.

Das zweite und größere Ziel hat Peking verfehlt: Mit den Spielen, von Milliarden Zuschauern weltweit verfolgt, wollte die Regierung China ein neues Image verpassen. Die Geister von 1989, als das Regime Panzer gegen das eigene Volk schickte, sollten verschwinden. Ebenso die aus Pekings Sicht leidige Debatte über Menschenrechtsverletzungen. Dafür griff man tief in die Taschen: Die einst graue Kaderstadt Peking wurde umgekrempelt, bekam Prestigebauten, man grub U-Bahn-Linien, legte Parks an. Die Olympiastadt wurde zu einer hübschen Fassade. An dem autoritären System änderte sich nichts.

Olympische Spiele können die politischen Probleme eines Landes nicht lösen. Schon gar nicht, wenn in dem Land ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt. Sie können nur Symbol für eine Entwicklung sein, die ohnehin passiert. Tokio 1964 markierte das Wiedererwachen Japans - doch die Weichen für den wirtschaftlichen Boom waren längst gestellt. Seoul 1988 stand für das Ende des Militärregimes und die Demokratisierung Südkoreas - allerdings gab es damals schon eine aktive Demokratiebewegung im Land. Peking 2008 wird in Erinnerung bleiben - als Symbol für Chinas politischen Stillstand.

Datum:  23 | 8 | 2008
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