Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | USA unter Donald Trump | Türkei | Flucht und Zuwanderung
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

24. Mai 2010

Onlinechat: Dalai Lama zwitschert mit Chinesen

 Von Bernhard Bartsch
Der Dalai Lama twittert mit der chinesischen Internetgemeinde (Archivbild).  Foto: afp

Erstmals nach 51 Jahren spricht das tibetische Religionsoberhaupt direkt mit der chinesischen Öffentlichkeit. Ein Vorschlag des Dalai Lama könnte als Versöhnungsgeste in Richtung von Chinas Premier gedacht sein. Von Bernhard Bartsch

Drucken per Mail

Peking. Das Internet macht’s möglich: 51 Jahre nach seiner Flucht aus der Volksrepublik hat der Dalai Lama sich erstmals direkt mit der chinesischen Öffentlichkeit unterhalten - in einem Onlinechat. Eine Stunde lang beantwortete der im Exil lebende tibetische Religionsführer Fragen von Internetbenutzern über Demokratie, Reinkarnation und die Kommunistische Partei. "Das Tibetproblem könnte bald gelöst werden", kommentierte der Friedensnobelpreisträger, der offensichtlich um Optimismus und Versöhnlichkeit bemüht war, um das Bild eines fundamentalistischen Separatisten, das Chinas Staatspropaganda von ihm zeichnet, zu entkräften.

Für die Konflikte seien keine grundsätzlichen Widersprüche zwischen Chinesen und Tibetern verantwortlich, sondern politische Fehlentwicklungen, so der Dalai Lama. Er empfahl, Peking solle sich an den 1987 geschassten Ex-Parteichef und Reformer Hu Yaobang erinnern - ein Vorschlag, der als Versöhnungsgeste in Richtung von Chinas Premier Wen Jiabao gedacht sein könnte, der Hu kürzlich in einem Aufsehen erregenden Zeitungsbeitrag zu rehabilitieren versucht hatte. "Wens Artikel bestätigte Hus praxisbezogenen Ansatz, der offiziellen Berichten nicht traute und die Wahrheit lieber vor Ort durch persönliche Anschauung suchte", schrieb der Mönch, der eingestand, selbst kein vollständiges Bild der Lage in Tibet zu haben.

Initiiert hatte den Austausch der kritische chinesische Intellektuelle Wang Lixiong, unter dessen Namen der Chat im Mikroblogdienst Twitter übertragen wurde. Zwar versuchen Chinas Zensoren, die Internetgemeinde an der Benutzung von Twitter zu hindern. Doch Tausende Chinesen haben mit spezieller Software trotzdem Zugang zu dem System. Twitter ist eines der wichtigsten Foren der chinesischen Regimekritiker. 1249 Internetbenutzer nahmen direkt an dem Chat teil, Tausende weitere verfolgten ihn durch Weiterleitungen. Die überwiegende Mehrheit der chinesischen Internetbenutzer dürfte von der Aktion jedoch nichts erfahren.

Dalai Lama will seinen Nachfolger wählen lassen

288 Fragen an den Dalai Lama waren bereits vorab eingegangen. Das größte Interesse zeigten die Internetbenutzer an der Nachfolge des 74-Jährigen, der im Alter von zwei Jahren von tibetischen Geistlichen als "Lebender Budhha" erkannt worden war. Er habe entschieden, dass er seine Macht in Zukunft an einen "vom Volk gewählten tibetischen Führer" weitergeben wolle, schrieb das Religionsoberhaupt. "Das System der Wiedergeburt des Dalai Lama wird in Zukunft weniger wichtig sein."

Auf die Frage nach Tibets Unabhängigkeitsbestrebungen antwortete er, dass er keinen souveränen Staat fordere, wohl aber kulturelle Selbstbestimmung. "Wir möchten Autonomie, aber ich habe immer sehr klar gemacht, dass Außenpolitik und Staatsverteidigung Sache der Zentralregierung sind", lautete seine Twitterbotschaft. "Das ist keine persönliche Forderung, aber ich sorge mich um Tibets Kultur, Religion und Umwelt." Eine Kooperation mit der Exilregierung könne Peking helfen, die sozialen Spannungen in Tibet zu überwinden.

Allerdings ist eine Zusammenarbeit derzeit nicht realistisch: Chinas Regierung hatte erst im Februar Verhandlungen mit Gesandten des Dalai Lama abgebrochen und den Exiltibetern "Verstöße gegen chinesisches Recht" vorgeworfen. Die Kommunistische Partei scheint darauf zu hoffen, dass sich ihre Tibetprobleme und das internationale Interesse an dem Thema spätestens mit dem Tod des Dalai Lama von selbst lösen.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

USA und Europa

Trumps USA braucht ein Gegengewicht

Von  |
US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania Trump repräsentieren eine neue USA,

Die USA bekennen sich zur Nato – wenn Europa zahlt. Aber wo bleibt die Wertegemeinschaft? Und was sind Angela Merkels Antworten wert? Der Leitartikel.  Mehr...

Donald Trump

"Komplett verrückt"

US-Präsident Donald Trump.

Ja, es ist verrückt, was wir mit US-Präsident Donald Trump erleben. Und nicht nur es, sondern auch er. Aber ist der neue US-Präsident der Erste seiner Art? Erinnert sich jemand an den Krieg im Irak? FR-Leitartikel. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung