Peking. Das Internet machts möglich: 51 Jahre nach seiner Flucht aus der Volksrepublik hat der Dalai Lama sich erstmals direkt mit der chinesischen Öffentlichkeit unterhalten - in einem Onlinechat. Eine Stunde lang beantwortete der im Exil lebende tibetische Religionsführer Fragen von Internetbenutzern über Demokratie, Reinkarnation und die Kommunistische Partei. "Das Tibetproblem könnte bald gelöst werden", kommentierte der Friedensnobelpreisträger, der offensichtlich um Optimismus und Versöhnlichkeit bemüht war, um das Bild eines fundamentalistischen Separatisten, das Chinas Staatspropaganda von ihm zeichnet, zu entkräften.
Für die Konflikte seien keine grundsätzlichen Widersprüche zwischen Chinesen und Tibetern verantwortlich, sondern politische Fehlentwicklungen, so der Dalai Lama. Er empfahl, Peking solle sich an den 1987 geschassten Ex-Parteichef und Reformer Hu Yaobang erinnern - ein Vorschlag, der als Versöhnungsgeste in Richtung von Chinas Premier Wen Jiabao gedacht sein könnte, der Hu kürzlich in einem Aufsehen erregenden Zeitungsbeitrag zu rehabilitieren versucht hatte. "Wens Artikel bestätigte Hus praxisbezogenen Ansatz, der offiziellen Berichten nicht traute und die Wahrheit lieber vor Ort durch persönliche Anschauung suchte", schrieb der Mönch, der eingestand, selbst kein vollständiges Bild der Lage in Tibet zu haben.
Initiiert hatte den Austausch der kritische chinesische Intellektuelle Wang Lixiong, unter dessen Namen der Chat im Mikroblogdienst Twitter übertragen wurde. Zwar versuchen Chinas Zensoren, die Internetgemeinde an der Benutzung von Twitter zu hindern. Doch Tausende Chinesen haben mit spezieller Software trotzdem Zugang zu dem System. Twitter ist eines der wichtigsten Foren der chinesischen Regimekritiker. 1249 Internetbenutzer nahmen direkt an dem Chat teil, Tausende weitere verfolgten ihn durch Weiterleitungen. Die überwiegende Mehrheit der chinesischen Internetbenutzer dürfte von der Aktion jedoch nichts erfahren.
Dalai Lama will seinen Nachfolger wählen lassen
288 Fragen an den Dalai Lama waren bereits vorab eingegangen. Das größte Interesse zeigten die Internetbenutzer an der Nachfolge des 74-Jährigen, der im Alter von zwei Jahren von tibetischen Geistlichen als "Lebender Budhha" erkannt worden war. Er habe entschieden, dass er seine Macht in Zukunft an einen "vom Volk gewählten tibetischen Führer" weitergeben wolle, schrieb das Religionsoberhaupt. "Das System der Wiedergeburt des Dalai Lama wird in Zukunft weniger wichtig sein."
Auf die Frage nach Tibets Unabhängigkeitsbestrebungen antwortete er, dass er keinen souveränen Staat fordere, wohl aber kulturelle Selbstbestimmung. "Wir möchten Autonomie, aber ich habe immer sehr klar gemacht, dass Außenpolitik und Staatsverteidigung Sache der Zentralregierung sind", lautete seine Twitterbotschaft. "Das ist keine persönliche Forderung, aber ich sorge mich um Tibets Kultur, Religion und Umwelt." Eine Kooperation mit der Exilregierung könne Peking helfen, die sozialen Spannungen in Tibet zu überwinden.
Allerdings ist eine Zusammenarbeit derzeit nicht realistisch: Chinas Regierung hatte erst im Februar Verhandlungen mit Gesandten des Dalai Lama abgebrochen und den Exiltibetern "Verstöße gegen chinesisches Recht" vorgeworfen. Die Kommunistische Partei scheint darauf zu hoffen, dass sich ihre Tibetprobleme und das internationale Interesse an dem Thema spätestens mit dem Tod des Dalai Lama von selbst lösen.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.