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07. August 2012

Organspende: An der Warteliste vorbei

 Von Timot Szent-Ivanyi
Organspende: Je älter der Spender, desto schneller muss transplantiert werden.  Foto: dpa

Immer mehr Spenderorgane werden im sogenannten beschleunigten Verfahren an Patienten vermittelt. Davon gibt es aber mittlerweile so viele, dass der Verdacht der Manipulation besteht.

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Das hierzulande bestehende System für Organtransplantationen ist offensichtlich anfällig für Manipulation. Das ist die Erkenntnis aus den Skandalen an den Kliniken in Regensburg und Göttingen. Schließlich war es einem Mediziner gelungen, durch Fälschungen der Krankenakten ausgewählten Patienten schneller eine neue Leber zu verschaffen.

Neue Zahlen nähren nun den Verdacht, dass auch an einer anderen Stelle der Entscheidungskette über die Organvergabe Möglichkeiten zur Manipulation bestehen, die auch genutzt werden. Denn es macht unter Umständen Sinn, den Spender beziehungsweise dessen Organe „kränker“ zu machen, als es tatsächlich der Fall ist.

Normalerweise werden gespendete Organe nach einem festgelegten Kriterienkatalog an Patienten vergeben, die auf der Warteliste stehen. Doch es gibt Ausnahmen: Wenn der Spender zu alt war und/oder an einer Virus- oder Tumorerkrankung litt, findet sich eventuell kein geeigneter Empfänger. Lehnen drei Kliniken (bei Niere: fünf) das Angebot aus medizinischen Gründen ab, gilt das sogenannte „beschleunigte Vermittlungsverfahren“ oder „Zentrumsangebot“.

Jedes vierte Herz ist betroffen

Die entsprechenden Organe können dann von der Klinik, in der sich der Spender befindet, selbst zugeteilt werden. Damit soll verhindert werden, dass das gespendete Organe verloren geht. Dieses Verfahren macht Sinn, wenn es sich um Einzelfälle handelt. Doch dies ist nicht der Fall. Das zeigen Zahlen, die der Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe von der Bundesregierung verlangt und mittlerweile auch bekommen hat.

Danach stieg der Anteil der beschleunigten Vermittlung bei der Leber zwischen 2002 und 2012 von 9,1 auf 37,1 Prozent. Beim Herz kletterte der Wert innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 8,4 auf 25,8 Prozent, bei der Lunge von 10,6 auf 30,3 Prozent. Den größten Sprung gab es bei der Bauchspeicheldrüse: Wurden 2002 erst 6,3 Prozent dieses Organs nach dem beschleunigten Verfahren zugewiesen, betrug der Anteil in diesem Jahr satte 43,7 Prozent. Anders ausgedrückt: Was früher die Ausnahme war, ist heute die Regel. Jedes vierte Herz, jede dritte Leber und jede zweite Bauspeicheldrüse werden an der offiziellen Warteliste vorbei verteilt.

Die Bundesregierung erklärt den Anstieg mit der Tatsache, dass das Alter der Spender stark zugenommen hat. Zudem verweist sie darauf, dass bei der Bauchspeicheldrüse 2011 die Richtlinien der Bundesärztekammer geändert wurden. Danach gilt das beschleunigte Verfahren unmittelbar, wenn der Spender älter als 50 und übergewichtig war.

Steigerungsraten machen stutzig

Es bestehen allerdings Zweifel, ob der kräftige Anstieg bei den anderen Organen tatsächlich nur auf das höhere Alter der Spender zurückzuführen ist. Wohl nicht ganz zufällig äußerten sich bereits 2009 Ärzte, Krankenkassen, Landes-Gesundheitsbehörden und Sachverständige in einer Studie kritisch zum beschleunigten Verfahren. In der Untersuchung des IGES-Instituts im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hieß es, zwar werde das normale Verfahren von den Befragten als transparent bezeichnet. „Allerdings gilt dies nicht für die vor allem in der Lungen- und Herztransplantation verbreiteten beschleunigten und hochdringlichen Vermittlungen. Hier wird aufgrund des geringen Standardisierungsgrades des Verfahrens eine Manipulationsanfälligkeit gesehen.“

Vor diesem Hintergrund müssen die hohen Steigerungsraten stutzig machen. Auch der Grünen-Politiker Terpe wundert sich und fordert eine genaue Untersuchung. „Der enorme Anstieg dieser Transplantationen ist erklärungsbedürftig“, sagte er der Berliner Zeitung. Die Praxis der beschleunigten Vermittlung sollte transparent gemacht und von einer unabhängigen Einrichtung evaluiert werden, verlangte Terpe. „Nach den Ereignissen in Göttingen und Regensburg müssen wir alles tun, um sicherzugehen, dass nicht auch an anderer Stelle manipuliert wird.“

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