Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

09. August 2012

Organspende: Frage von Leben und Tod

 Von Mira Gajevic und Timot Szent-Ivanyi
Schweineherz, das für Forschungszwecke an einen künstlichen Blutkreislauf angeschlossen ist.  Foto: dapd

Das Verteilungssystem bei Spenderorganen ist anfällig für Betrügereien. Die FR beantwortet die wichtigsten Fragen zum Verfahren der Organtransplantation.

Drucken per Mail

Für diesen Donnerstag hat die Bundesärztekammer wegen der umstrittenen Vergabepraxis bei Spenderorganen zu einem Krisentreffen eingeladen. Teilnehmen werden unter anderem Vertreter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Die FR klärt die wichtigsten Fragen zu Transplantationen.

Wie läuft eine Organspende in Deutschland genau ab?

Für eine Organspende kommen nur Menschen in Frage, die hirntot sind. Die Organe einer Leiche dürfen nicht verpflanzt werden. Besteht der Verdacht auf Hirntod, wird der Patient der DSO gemeldet. Diese Institution arbeitet im Auftrag der Bundesärztekammer, der Krankenkassen und der Krankenhäuser als sogenannte Koordinierungsstelle. Die DSO schickt dann einen Koordinator, der die Ärzte vor Ort berät. Vor einer Organentnahme muss von zwei Ärzten durch verschiedene Tests der Hirntod festgestellt werden. Liegt die Zustimmung zur Organspende vor, lässt der DSO-Koordinator Blutgruppe und Gewebemerkmale ermitteln. Zudem informiert er die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant.

Welche Aufgabe hat Eurotransplant?

Eurotransplant, eine Stiftung im niederländischen Leiden, ist verantwortlich für die Zuteilung von vermittlungspflichtigen Spenderorganen (das sind Niere, Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm) in sieben europäischen Ländern. Dazu verwaltet die Organisation eine zentrale Warteliste, auf der derzeit rund 16 000 Menschen stehen. Mit Hilfe eines Computerprogramms wird für jedes verfügbare Organ eine Liste möglicher Empfänger ermittelt. Anschließend bietet Eurotransplant das Spenderorgan der Klinik des am höchsten gelisteten Patienten an. Nimmt eine Klinik an, organisiert Eurotransplant Entnahme und Transport des Organs.

Wie kommt man auf die Warteliste?

Über die Aufnahme entscheidet der behandelnde Arzt nach Notwendigkeit und Erfolgsaussicht. Wichtigstes Kriterium ist dabei, dass die Organtransplantation eine Lebensverlängerung oder Verbesserung der Lebensqualität erwarten lässt und eine andere Therapie keinen Erfolg mehr verspricht. Auch muss der Gesundheitszustand stabil sein. Auf der Warteliste hat der Patient keinen festen Platz. Denn für jedes Spenderorgan berechnet Eurotransplant nach festgelegten Kriterien die Liste neu. Diese unterscheiden sich je nach Organ. Für die Vermittlung von Nieren etwa werden die Übereinstimmung der Blutgruppe und Gewebemerkmale, die medizinische Dringlichkeit und die Wartezeit berücksichtigt. Für eine Leber zählen auch Größe und Gewicht von Spender und Organ. Grundsätzlich gilt, dass Kinder oder Patienten mit seltenen Gewebemerkmalen vorrangig berücksichtigt werden. Für Herztransplantationen beträgt die Wartezeit auf ein Spenderorgan in der Regel rund 12 bis 18 Monate, für Nieren liegt sie zwischen vier und fünf Jahren.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Wer bestimmt die Kriterien?

Nach dem Transplantationsgesetz werden Organe ausschließlich nach medizinischen Kriterien vergeben, welche die Bundesärztekammer festlegt. So werden Patienten, die ohne Transplantation unmittelbar vom Tod bedroht sind, vorrangig berücksichtigt.

An welcher Stelle kann manipuliert werden?

Wie der Skandal in Göttingen und Regensburg zeigt, kann ein Arzt durch Fälschen der Akten einen Patienten so krank erscheinen lassen, dass er in der Warteliste nach oben rutscht. Wenn es sich um ein Organ eines älteren oder kranken Menschen handelt, kann die Klinik es unter Umständen auch an der Liste vorbei an einen Patienten der eigenen Wahl vergeben. Eine weitere Manipulationsmöglichkeit sehen Experten an dem sogenannten Status der höchsten Dringlichkeit: Patienten, die in akuter Lebensgefahr schweben, werden für die Zuteilung eines Spenderorgans unabhängig von der Warteliste noch einmal gesondert berücksichtigt. Denkbar ist auch an diesem Punkt, dass ein Patient kränker gemacht wird, um die Warteliste zu umgehen.

Generell gilt: Da der gesamte Vermittlungsprozess geheim abläuft und auch die aktuelle Position eines Patienten auf der Warteliste nicht bekannt ist, gibt es zumindest theoretisch zahlreiche Möglichkeiten, die Vergabe zu manipulieren.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Cyberangriff Telekom

Freude am Systemabsturz

Von  |
Sicherheitskongress der Telekom in Frankfurt.

Das Gefühl der permanenten Bedrohungslage hat die Normalität abgelöst. Und die Frage, wie wollen wir leben, wird ersetzt durch den Ausruf: So kann es nicht weitergehen. Der Leitartikel.  Mehr...

Medien

Der Deutsche Presserat als Hygienestation

Den Vorwurf der "Lügenpresse" kann auch der Presserat nicht entkräften.

Der Presserat hat die undankbare Aufgabe, die Medien daran zu hindern, so zu werden, wie Kritiker sie ohnehin sehen. Für die sozialen Medien gibt es solch eine Institution nicht. Der Leitartikel.  Mehr...

 

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung