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25. August 2012

Organspende: Kritik an der Vergabe von Spenderherzen

 Von Timot Szent-Ivanyi
Bei der Verteilung von Spenderorganen gibt es neue Auffälligkeiten.  Foto: dpa

Bei der Verteilung von Spenderorganen gibt es neue Auffälligkeiten. Neun von zehn Spenderherzen werden inzwischen mit einem Verfahren an Organempfänger vergeben, das selbst die Ärzteschaft als manipulationsanfällig ansieht.

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Bei der Verteilung von Spenderorganen gibt es neue Auffälligkeiten. Neun von zehn Spenderherzen werden inzwischen mit einem Verfahren an Organempfänger vergeben, das selbst die Ärzteschaft als manipulationsanfällig ansieht.

Das ergeben neue Zahlen der europäischen Organvermittlungsstelle Eurotransplant, die dieser Zeitung vorliegen. Wurden noch vor zehn Jahren weniger als die Hälfte (43,5 Prozent) der Herzen an Patienten vergeben, die aufgrund von akuter Lebensgefahr auf der Warteliste einen „Hochdringlichkeitsstatus“ hatten, schnellt der Anteil bis 2011 auf 88,5 Prozent hoch.

Mehr Staat

Malu Dreyer, Gesundheitsministerin in Rheinland-Pfalz, fordert eine stärkere Einbindung des Bundes in die Kontrolle von Organtransplantationen. Die entsprechenden Richtlinien der Bundesärztekammer müssten dem Bund zur Genehmigung vorgelegt werden, sagte die SPD-Politikerin am Freitag in Mainz. Der Bund müsse zudem so an den Prüfungskommissionen bei der Bundesärztekammer beteiligt werden, dass eine „verstärkte staatliche Kontrolle der Koordinierungsstelle“ gewährleistet sei.

Die Gesundheitsminister der Länder und Verbandsvertreter treffen am Montag mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in Berlin zusammen, um über die Verhinderung von Missbrauch bei der Organvergabe zu beraten. Vor dem Krisentreffen hatte Bahr auch „unangemeldete Prüfungen in den Einrichtungen“ gefordert. Zur besseren Kontrolle der Organvergabe müsse „das Mehraugenprinzip“ durchgesetzt werden. Bei den Vorschriften müssten mögliche Lücken geschlossen werden; für Ärzte, die gegen Regeln verstießen, müsse es harte Strafen geben.

Chancen auf ein neues Herz hat damit praktisch nur derjenige Patient, der diesen Status bekommt. Die Kriterien dafür sind jedoch nicht einheitlich. Damit liegt es weitgehend im Ermessen des behandelnden Arztes, wie er den Patienten einstuft.

Schon in einer 2009 im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellten Studie zum Stand der Transplantationsmedizin hieß es, Krankenkassen und Bundesärztekammer hielten den großen Anteil an hochdringlichen Patienten (englisch: high urgency) für problematisch. Zwar seien diese Verfahren grundsätzlich notwendig, um auch besonders dringenden Fällen gerecht zu werden, schrieben die Forscher des IGES-Instituts. „Das gegenwärtige Verfahren weist aber aufgrund seines geringen Standardisierungsgrades eine Manipulationsanfälligkeit auf (…).“ Die Bundesärztekammer verwies damals in diesem Zusammenhang auf „Hinweise auf die Manipulation von Daten bei der Anmeldung von hochdringlichen Transplantationen“.

Auf Anfrage der Berliner Zeitung erklärte die Bundesärztekammer nun die neuen Daten mit der abnehmenden Zahl von Spenderorganen. Sie betonte außerdem, die Prüfungskommission von Kassen, Ärzteschaft und Kliniken habe bei Kontrollen in Herztransplantationszentren im Zeitraum 2009/10 zwei und im Zeitraum 2010/11 keine Unregelmäßigkeiten bei den gemeldeten Patientendaten festgestellt.

Transparenz gefordert

Der Grünen-Politiker Harald Terpe, der die neuen Zahlen von der Bundesregierung verlangt hatte, will sich mit der Erklärung aber nicht zufriedengeben. „Die Bundesregierung weiß seit der IGES-Studie von 2009, dass es beim High-Urgency-Status erhebliche Manipulationsgefahren gibt.“ Sie habe seitdem jedoch nichts getan. „Die Regierung muss endlich selbst aufklären, ob bei der Vergabe von Organspenden manipuliert wird, anstatt immer nur die Selbstverwaltung vorzuschicken.“ Von der Bundesärztekammer verlangte er, für die von ihr versprochene Transparenz zu sorgen und die Berichte der Prüfungskommission zu veröffentlichen.

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