Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

04. Oktober 2012

Organspende: Neue Belege für unfaire Organ-Vergabe

 Von Timot Szent-Ivanyi
Eine neue Statistik zeigt Auffälligkeiten bei der Organ-Vergabe.  Foto: dapd

Werden Privatpatienten bei Organ-Transplantationen bevorzugt? Der Verdacht steht schon lange im Raum, aber jetzt lassen sich die Auffälligkeiten durch eine neue Statistik belegen.

Drucken per Mail

Von einer absurden Manipulation sprachen die privaten Krankenkassen; eine unverantwortliche Spekulation, beklagte das Bundesgesundheitsministerium: Als der Grünen-Abgeordnete Harald Terpe Anfang September darauf aufmerksam machte, dass es bei der Vergabe von Spenderorganen Auffälligkeiten gebe, war die Aufregung groß.

Terpe hatte Zahlen der Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant ausgewertet und dabei herausgefunden, dass der Anteil der Privatversicherten, die ein Organ erhalten, stets etwas höher liegt als deren Anteil auf der Warteliste. Für Terpe ergab sich dadurch der Verdacht, dass Privatversicherte bei der Organvergabe möglicherweise gegenüber Kassenpatienten bevorzugt werden (wir berichteten).

Kritiker dieser These machten jedoch geltend, dass es sich allenfalls um „statistisches Grundrauschen“ handele, weshalb Rückschlüsse nicht möglich seien. Der zweite, durchaus berechtigte Einwand: Terpe hatte die Warteliste zum Stichtag 22. August 2012 mit den Transplantationen im gesamten Jahr 2011 verglichen, was lediglich eine Momentaufnahme zuließ.

Um die Vorwürfe zu entkräften, fragte der Grüne weitere Zahlen bei der Bundesregierung ab, die nun vorliegen. Die neuen Daten zeigen, dass Terpe zumindest bei einem Organ auf der richtigen Spur war: Bei Lebertransplantationen sind die Auffälligkeiten so groß, dass sie statistisch signifikant sind – die Wahrscheinlichkeit eines Zufalls ist also gering. Dagegen hat sich der Verdacht einer Bevorzugung von Privatversicherten bei Herz, Niere, Lunge und Bauchspeicheldrüse nicht bestätigt. Die Unterschiede sind hier so gering, dass sie auch zufällig entstanden sein können.

Privatversicherte bevorzugt

Im Fall der Leber waren im Jahr 2010 13,2 Prozent aller transplantierten Patienten Privatversicherte. Doch ihr Anteil auf der Warteliste war stets geringer, zum 1. Januar 2010 betrug er 9,7 Prozent, zum 1. Juli 2010 9,8 Prozent und zum 1. Januar 2011 8,9 Prozent. Ein ähnliches Bild bot sich im vergangenen Jahr. Der Anteil der Privatversicherten an allen Leber-Transplantationen lag 2011 bei 13,1 Prozent. Zum Stichtag 1. Januar 2011 betrug ihr Anteil auf der Warteliste aber nur 8,9 Prozent, zum 1. Juli 2011 waren es 9,0 Prozent und zum 1. Januar 2012 8,7 Prozent.

Schaut man auf die absoluten Zahlen, werden die Unterschiede noch deutlicher. Denn hinter den Prozentzahlen steht immerhin eine Differenz zwischen 41 und 51 Organen. Alle Daten kommen laut Bundesregierung von der Organvermittlungsstelle Eurotransplant. Warum die Zahlen so unterschiedlich sind, erklärt die Regierung in ihrer Antwort an Terpe nicht.

Dass es gerade bei der Leber Auffälligkeiten gibt, korrespondiert jedoch zumindest mit allen bisher bekannt gewordenen Manipulationen: Sowohl in Regensburg und Göttingen als auch in dem gerade aufgetauchten Fall der Münchner Klinik rechts der Isar ging es stets um Transplantationen von Lebern. Offenbar kann hier leichter manipuliert werden – möglicherweise ja auch zugunsten von Privatversicherten.

Die Münchner Klinik hatte am Donnerstag zunächst nur Auffälligkeiten in einzelnen Fällen eingeräumt, den Vorwurf absichtlicher Manipulation aber zurückgewiesen. Inzwischen hat die Klinik neue Erkenntnisse: „Wir müssen davon ausgehen, dass in einem Fall manipulierte Laborwerte zu einer Transplantation geführt haben könnten“, teilte der Ärztliche Direktor Reiner Gradinger mit. Insgesamt würden weiterhin bei neun Lebertransplantationen Auffälligkeiten untersucht.

Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung erklärte unterdessen, angesichts dieser neuen Fälle werde es immer deutlicher, dass stichprobenartige Überprüfungen nicht ausreichten. „Eine zentrale Ermittlungsbehörde muss endlich die Aufarbeitung übernehmen“, forderte die Organisation, die sich eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft wünscht.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Attentate in Deutschland

Die hypnotische Wirkung des Grauens

Von  |
Eine Frau sitzt nach dem Amoklauf in München auf den Treppenstufen vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ).

Das Grauen ist nach den jüngsten Attentaten in Deutschland kein abstraktes Fernsehbild mehr, sondern schleicht sich in unser Leben. Dennoch dürfen wir nicht in einen Ausnahmezustand ohne Ende verfallen. Der Leitartikel. Mehr...

München und Ansbach

Das Märchen von der Sicherheit

Von  |
Der Amoklauf in München erfordert eine andere Diskussion als ein Terroranschlag des "IS".

Der Wunsch, alle Risiken zu vermeiden, ist menschlich. Aber wenn Politiker selbst nach München, Würzburg oder Ansbach so tun, als wäre das möglich, machen sie uns etwas vor. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung