Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

03. September 2012

Organspende: Privatversicherte erhalten eher Organe

 Von Timot-Szent-Ivanyi
In Deutschland hat man offenbar eine höhere Chance, ein Spenderorgan zu erhalten, wenn man privatversichert ist.  Foto: dpa

Der Skandal bei der Vergabe von Organspenden in Deutschland weitet sich möglicherweise aus: Privatversicherte werden bei der Vergabe offenbar bevorzugt.

Drucken per Mail

Der Skandal bei der Vergabe von Organspenden in Deutschland weitet sich möglicherweise aus: Privatversicherte werden bei der Vergabe offenbar bevorzugt.

Es wäre ein Skandal erster Güte, wenn sich ein immer wieder geäußerter Verdacht bestätigen würde: Privatversicherte, so wurde schon vor fünf Jahren gemutmaßt, werden bei der Vergabe von Spenderorganen bevorzugt. Doch bislang gab es dafür keine Belege, die angeführten Daten erwiesen sich stets als wenig belastbar. Nach den jüngsten Vorfällen in der Transplantationsmedizin haben sich Politiker jedoch dieses Themas erneut angenommen und haben in neuen Zahlen zumindest Auffälligkeiten entdeckt, die erklärungsbedürftig sind.

Für den Grünen-Gesundheitsexperten Harald Terpe war die Mitte August getroffene Feststellung des Gesundheitsministeriums Ausgangspunkt seiner Analyse, Privatversicherte würden gegenüber Kassenpatienten nicht privilegiert. Die Erklärung klingt auf den ersten Blick überzeugend: Laut Ministerium bekamen 2011 3504 Kassenpatienten und 344 Privatversicherte ein neues Organ. Der Anteil der Privatversicherten an allen Transplantationen betrug damit 9,8 Prozent. Da in Deutschland etwa zehn Prozent der Menschen privat versichert sind, könne nicht von einer Bevorzugung gesprochen werden, so die Schlussfolgerung. Doch Terpe weist zu Recht darauf hin, dass dieser Vergleich hinkt. Denn Privatversicherte sind in der Regel jünger und gesünder als gesetzlich Versicherte. Der Anteil der Privatversicherten an Transplantationen kann also nicht einfach mit ihrem Bevölkerungsanteil in Relation gesetzt werden.

Keine Erklärung für Unterschiede

Deshalb wählte Terpe eine andere Vergleichsbasis, nämlich die Zahl derjenigen Privatversicherten, die tatsächlich auf der Warteliste für ein neues Organ stehen. Er nutzte dazu aktuelle Daten von August. Im Vergleich zu den vorgenommenen Transplantationen stellt sich dann Interessantes heraus: So betrug der Anteil der Privatversicherten auf der Wartliste für eine Leber 9,7 Prozent. Der Anteil derjenigen Privatversicherten, die 2011 eine neue Leber bekamen, lag aber bei 13,1 Prozent. Ähnlich beim Herzen: Anteil auf der Warteliste 9,5 Prozent, Anteil bei den transplantierten Organe 11 Prozent. Auch bei den Lunge (6,9 Prozent Wartliste, 9,5 Prozent bei Transplantationen) und Bauspeicheldrüse (2,6 zu 4,0 Prozent) gibt es diese Unterschiede. Ähnliche Auffälligkeiten entdeckte Terpe auch bei dem Anteil der Privatversicherten am sogenannten beschleunigten Verfahren, bei dem die Transplantationszentren unabhängig von der Warteliste selbst Patienten auswählen dürfen, die ein neues Organ bekommen. Auch hier lag der Anteil der Privatversicherten stets höher als ihr Anteil auf der Warteliste vermuten ließ.

Eine Erklärung für die Unterschiede hat Terpe auch nach Rücksprache mit Transplantationsexperten nicht. Klar ist jedenfalls, dass Transplantationen bei Privatversicherten für Kliniken attraktiver sein können, weil dann Zuschläge unter anderem für die Chefarztbehandlung gezahlt werden. Terpe forderte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auf, die Auffälligkeiten aufzuklären: „Die Menschen müssen dem Organspende-System vertrauen können und das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht“, sagte er der Berliner Zeitung.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Rente

Sorgt Gleichheit für mehr Gerechtigkeit?

Von  |
Mauer weg, Ungleichheiten nicht: Bezogen auf die Rente herrscht noch immer ein Gefälle zwischen Ost und West.

Bis heute werden die Renten in West und Ost unterschiedlich berechnet. Das will die Bundesregierung jetzt ändern. Aber sorgt sie damit automatisch für mehr Gerechtigkeit? Mehr...

Attentate in Deutschland

Die hypnotische Wirkung des Grauens

Eine Frau sitzt nach dem Amoklauf in München auf den Treppenstufen vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ).

Das Grauen ist nach den jüngsten Attentaten in Deutschland kein abstraktes Fernsehbild mehr, sondern schleicht sich in unser Leben. Dennoch dürfen wir nicht in einen Ausnahmezustand ohne Ende verfallen. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung