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10. August 2012

Organspende-Skandal: Härtere Strafen reichen nicht aus

AOK-Vorstand Uwe Deh.

AOK-Vorstand Uwe Deh will drastische Strafen für problematische Kliniken und mehr Transparenz.

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AOK-Vorstand Uwe Deh.

Uwe Deh gehört seit Oktober 2011 dem Vorstand des AOK-Bundesverbandes an, er gilt als Kenner des Krankenkassengeschäfts. 1966 in Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, studierte er Betriebswirtschaft, Schwerpunkt Gesundheitsökonomie.

Mit einer Verschärfung der Kontrollen und Strafen reagieren die Prüfungskommissionen, die Bundesärztekammer, die Krankenkassen und Kliniken auf den Organ-Transplantations-Skandal. Das ist den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) nicht genug. Der Vorstand des AOK-Bundesverbandes, Uwe Deh, fordert, dass die Zahl der Transplantationszentren reduziert wird.

Herr Deh, die Kassen sollen künftig ihre Versicherten über die Organspende informieren. Können Sie sich die Briefe angesichts des Vertrauensverlustes in der Bevölkerung durch den Organspende-Skandal nun sparen?

Ganz im Gegenteil, gerade jetzt müssen wir die Versicherten informieren. Denn was nicht passieren darf, ist, dass die Spendenbereitschaft noch weiter einbricht. Das wäre für die Menschen, die auf ein Organ warten, ein Debakel.

Wie konnte es dazu kommen?

Weil hinter jeder Transplantation ein Schicksal steht, hat man versucht, einen geschützten Raum für Spender, Empfänger und deren Angehörige zu schaffen. Deshalb wurde in der Vergangenheit das genaue Prozedere der Organspende in der Öffentlichkeit nur unzureichend thematisiert. Diese falsch verstandene Sensibilität hat dazu geführt, dass es denjenigen, die sich im System mit krimineller Energie bewegt haben, leicht gemacht wurde.

Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?

Klar ist, dass die Justiz mit aller Härte des Strafgesetzbuches gegen die Ärzte vorgehen muss, die kriminell gehandelt haben. Das reicht aber noch nicht. Es fehlen aktuell schärfere Sanktionsmöglichkeiten für die Bundesländer. In Zukunft muss es möglich sein, dass Kliniken, in denen es Verstöße gibt, die Erlaubnis für Transplantationen entzogen wird.


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Sollte das im Fall Göttingen und Regensburg passieren?

Nach allem, was man bisher weiß, handelte es sich wohl nicht um das Werk eines Einzeltäters. Das Ausmaß ist größer. Wenn es nachweislich solche Verstöße gegeben hat, dann sollten die Länder hart durchgreifen und Verbote aussprechen. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass wir zu wenige Kliniken haben, die Organe verpflanzen. Im Gegenteil, wir brauchen gerade für Transplantationen einige hoch spezialisierte Zentren, denn nur diese können bei derartig komplizierten Operationen Qualität garantieren.

Sie singen sonst das Hohelied des Wettbewerbs, aber nun wollen Sie eine Konzentration?

Wir benötigen auch hier Wettbewerb und zwar um die beste medizinische Versorgung der Patienten. Das können wir durch wenige, aber große Transplantationszentren erreichen. Betroffene, die ein Spenderorgan brauchen, dürfen nicht zum Gegenstand eines wirtschaftlichen Kalküls oder der Profilierung von Krankenhäusern und einzelnen Ärzten werden. Genau das passiert aber durch diesen Wildwuchs an konkurrierenden Kliniken.

Das dient vielleicht den Organempfängern. Aber wie wollen Sie das Vertrauen der potenziellen Spender zurückgewinnen?

Bei allem Schaden, der entstanden ist, dürfen wir nicht vergessen, dass weiterhin viele Menschen händeringend auf ein Organ warten. Wir alle tragen Verantwortung. Ärzte, die Organe verpflanzen und Krankenkassen, die diese Operationen absichern. Aber auch Journalisten, die darüber berichten. Unstrittig ist, dass das gesamte System transparenter und überprüfbarer werden muss. Die AOK wird jedenfalls den Weg weiter gehen und ihre Versicherten sehr sachlich über die Organspende informieren.

Einer der verdächtigten Ärzte erhielt für jede Transplantation eine hohe Prämie. Sollten Krankenhausärzte für wirtschaftlichen Erfolg bezahlt werden?

Das klingt jetzt etwas folkloristisch, aber Krankenhäuser sind nun mal Teil der Daseinsvorsorge in Deutschland. Da darf es nicht um Umsatzmaximierung, nicht um Rendite, nicht um den Aktienkurs gehen. Ich finde es völlig richtig, dass man mit leitenden Mitarbeitern Zielvereinbarungen schließt. Aber das Ziel einer Klinik sollte nicht die Gewinnmaximierung, sondern der medizinische Erfolg sein. Dieser sollte auch das Kriterium für Bonuszahlungen sein.

Das Gespräch führten Timot Szent-Ivanyi und Daniel Baumann.

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