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24. Februar 2015

Organspende: Wenn der Organspender nicht spenden kann

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Im Universitätsklinikum Jena findet eine Nierentransplantation statt.  Foto: dpa

Viele Leute haben einen Organspendeausweis. Aber auch eine Patientenverfügung. Und beides steht oft im Widerspruch zueinander - wovon die Betroffenen gar nichts wissen.

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Der Spender lag bereits mit einem aufgeschnittenen Bauch auf dem Operationstisch. Doch dann wurde die Entnahme seiner Organen abgebrochen: Es gab Unklarheiten darüber, ob der Hirntod des Spenders überhaupt nach den dafür vorgesehenen Regeln festgestellt wurde. Bekannt gewordene Fälle wie dieser aus dem Raum Bremen, der sich Ende des vergangenen Jahres zugetragen hat, und die 2012 aufgedeckten Manipulationen an den Wartelisten haben dafür gesorgt, dass die Spendenbereitschaft  auf einem Tiefpunkt gesunken ist. Anlass für den Deutschen Ethikrat, sich mit dem Thema Organspende auseinander zu setzen. Am Dienstag wird der fast 200 Seiten umfassende Bericht vorgelegt, diese Zeitung hat ihn bereits ausgewertet. Das Fazit der Experten:  Es gibt problematische Gesetzeslücken und erhebliche Mängel bei der Aufklärung der Bevölkerung. 

Wann ist ein Mensch tot?

Als Problem sieht der Ethikrat insbesondere die geltenden Regeln zur Behandlung potenzieller Organspender, die absehbar sterben werden, bei denen der Hirntod aber noch nicht eingetreten ist. Normalerweise stellt sich bei Schwerstkranken  ab einem bestimmten Punkt die Frage, ob die Apparate der Intensivmedizin abgeschaltet werden sollen, weil die Behandlung den Betroffenen nicht mehr hilft. Ist der Patient allerdings Organspender, müssen zur Rettung der Organe die wesentlichen Vitalfunktionen aufrechterhalten werden. Diese werden in der Fachsprache als „organprotektive Maßnahmen“ oder „Spenderkonditionierung“ bezeichnete, weil sie nicht mehr dem Patienten dienen, sondern lediglich der Transplantationsfähigkeit der Organe.

Dürfen Ärzte, die den Hirntod erst in einigen Tagen vermuten, bereits Schritte unternehmen, um die Organe des Betroffenen zu schützen, etwa durch die Fortführung der Beatmung und die Gabe bestimmter Medikamente? Oder anders ausgedrückt: Darf man einen Organspender anders behandeln als einen Patienten, der seine Organe nicht spenden will?  Im geltenden Transplantationsgesetz  finden sich zu diesen Fällen, die nicht selten sind, keine hinreichenden Regeln, was die im Ethikrat versammelten Wissenschaftler beklagen. Denn sie gehen  davon aus, dass ein Mensch, der der Organspende zugestimmt hat, nicht automatisch in diese längerfristigen  Erhaltungsmaßnahmen eingewilligt hat.

Wer ein Organ braucht, muss oft lange warten. Denn die Zahl der Spender ist gesunken.  Foto: Renate Hoyer

Verschärft wird das Problem nach Ansicht des Ethikrates durch die Patientenverfügungen. Oft stehen diese im Widerspruch zur Organspendebereitschaft. In der Regel enthalten die Verfügungen  nämlich Vorgaben zur Therapiebegrenzung beziehungsweise zum Unterlassen lebensverlängernder Behandlungen.  Das ist - ethisch betrachtet - kein Problem, wenn der Hirntod bereits eingetreten ist. Es ist aber ein Problem, wenn der  Hirntod erst erwartet wird. Denn wenn die Intensivmedizin begrenzt wird, ist eine Organspende eigentlich ausgeschlossen. Heute handelt es sich hier um eine rechtliche und ethische Grauzone. Diese führt auch bei den beteiligten Ärzten immer wieder zu Verunsicherung.

Der Ethikrat fordert daher  gesetzliche Änderungen. So sollte nach Ansicht der Wissenschaftler die Zulässigkeit der Erhaltungsmaßnahmen an bestimmten Bedingungen gebunden werden. Genannt werden unter anderem die maximale Dauer dieser Maßnahmen sowie  Wahrscheinlichkeiten für den Eintritt des Hirntodes in einer bestimmten Frist. Außerdem fordern die Experten gesetzlich festzulegen, durch welche Personen die Entscheidung über die „Spenderkonditionierung“ getroffen werden darf, wenn eine diesbezügliche Festlegung des Organspenders fehlt. Auch dazu gibt es bisher keine eindeutigen Regelungen.

Unterschiedliche Ansichten im Ethikrat

Der Ethikrat beklagt zudem die mangelnde Aufklärung der Bevölkerung über die Organspende und die damit zusammen hängenden medizinischen Fragen. Bei einer Analyse des Informationsmaterials der Krankenkassen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellten die Wissenschaftler einen „nicht unerheblichen Nachbesserungsbedarf“ fest. So werde in vielen Info-Schriften die Option, auf dem Organspendeausweise auch eine Spende generell  abzulehnen, nur unzureichend erläutert. Dem Ethikrat fehlt auch eine offene Auseinandersetzung mit Vorbehalten gegenüber der Organspende und Zweifeln am Kriterium des Hirntodes als Voraussetzung für die Organentnahme. Informationen zu den „organprotektiven Maßnahmen“ fanden sich zudem in keiner der Unterlagen. Auch Fragen der Vereinbarkeit von Patientenverfügung und Organspendeerklärung werden den Versicherten nach Ansicht des Ethikrates nur sehr unzureichend beantwortet.

Mehr dazu

In einer ethisch wichtigen Frage ist sich der Rat nicht einig: Zwar ist er einstimmig der Ansicht,  dass der Hirntod die geeignete Voraussetzung für die Organentnahme  ist. Unterschiedliche Ansichten gibt es aber darüber, ob der Hirntod auch tatsächlich den Tod des Menschen bedeutet. Während die Mehrheit des Rates dies klar bejaht, sieht eine Minderheit das anders. Sie argumentiert, dass der Mensch auch nach dem Ausfall aller Gehirnfunktionen lebt. Denn das Leben basiere nicht auf einer zentralen Steuerung, sondern auf einem komplexen Zusammenspiel von Organsystemen.  Angeführt werden Beispiele wie die Weiterfunktion der Verdauung und des Immunsystems oder die   erfolgreiche Schwangerschaft bei einer  hirntoten Frau.

Dennoch hält auch die Minderheit des Ethikrates am Kriterium des Hirntodes fest. Sie ist wie die Mehrheit der Ansicht, dass der betreffende Mensch in diesem Fall über keinerlei Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen mehr verfügt. Deshalb sei  im Fall eines irreversiblen Gehirnversagens eine Weiterbehandlung im eigenen Interesse des Patienten nicht mehr sinnvoll und eine Organentnahme bei  entsprechender Einwilligung ethisch wie verfassungsrechtlich legitim.

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