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28. März 2016

Osteraufstand in Irland: Nabelschau in Dublin

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Die irische Flagge weht über dem General Post Office in Dublin.  Foto: dpa

Irland feiert den 100. Jahrestag des Osteraufstandes. 1916 stürmten Nationalisten das Hauptpostamt – der Anfang vom Ende der britischen Besatzung. Das Jubiläum unterbricht die Aufarbeitenung aktueller Probleme des Landes. Denn im irischen Parlament gibt es ein Machtvakuum.

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Dublin, O’Connell Street. Wie vor 100 Jahren war an diesem Osterwochenende die Aufmerksamkeit des Landes auf das Hauptpostamt der irischen Metropole konzentriert. Punkt 12 Uhr senkte sich die grün-weiß-orange Trikolore auf Halbmast. Eine Militärkapelle spielte patriotische Melodien, ein Geistlicher leitete Totengedenken und Schweigeminute, Präsident Michael Higgins und Premierminister Enda Kenny legten Kränze nieder. Schließlich deklamierte ein Offizier der Irischen Armee die gleiche Unabhängigkeitserklärung, mit der sich zu Ostern 1916 eine winzige Schar Aufständischer an die „Iren und Irinnen“ wandte: „Im Namen Gottes und der vorangegangenen Generationen“ proklamierten sie die Republik, versprachen die „uneingeschränkte Kontrolle über Irlands Schicksal“ und „gleiche Wertschätzung aller Kinder der Nation“.

Im Sonnenschein des Ostersonntags freuten sich Hunderttausende an Militärparade und würdigem Gedenken, auch am Ostermontag pilgerten die Dubliner zu Zehntausenden zu den Stätten, an denen sich Rebellen und britische Armee einst eine knappe Woche lang Gefechte geliefert hatten. St. Stephen’s Green, die Bolandsmühle, die Keksfabrik Jacob’s, vor allem aber das am Ende völlig zerstörte Hauptpostamt – damals waren sie Kulissen eines blutigen Straßentheaters, heute gelten sie als Kreuzwegstationen auf dem Weg zu Irlands Unabhängigkeit.

Normalerweise gehört die O’Connell Street den geschäftigen Einkäufern und neugierigen Touristen wie an dem grauen, kalten, gar nicht frühlingshaften Tag vergangene Woche. Zwischen den wuchtigen Säulen der Postamtsfassade werben drei Stände um die Aufmerksamkeit der Passanten. Zwei Zeugen Jehovas versprechen den zukünftigen Aufenthalt im Paradies, zwei junge Leute einer Gesundheitsorganisation raten zu irdischer Herzinfarkt-Vorsorge. Daneben steht Paddy, 67 Jahre alt, und bittet um Spenden für die irischen Suppenküchen. Soll der Stand vor dem Hauptpostamt, diesem Heiligtum der irischen Republik, besondere Spendenfreude wecken? Der Rentner mit dem weißgrauen Schnauzer zuckt mit den Schultern. „Ich stelle mich dorthin, wo die Organisation mich braucht. Und hier kommen nun mal viele Leute vorbei.“ Fotografiert werden will er nicht, an die Gedenkfeiern verschwendet er keinen Gedanken, ihn kümmert die soziale Lage vieler Tausender Iren, die in Armut leben.

Versäumnisse benannt und aufgearbeitet

Lang dominierte die Klage über die Jahrhunderte währende britische Herrschaft das Selbstbild der grünen Insel. Erst in jüngster Zeit haben die 4,6 Millionen Iren eigene Versäumnisse benannt und teilweise aufgearbeitet: die jahrzehntelang verbreitete körperliche und sexuelle Gewalt in Institutionen der katholischen Kirche; die korrupte Nähe zwischen Bauunternehmern, Bankern und Politikern, deren gemeinsam erzeugte Immobilienblase im globalen Finanzcrash 2008 platzte und zum Staatsbankrott führte; die groteske Diskriminierung von Frauen, die bis heute zur Abtreibung nach England fahren müssen.

Fast will es scheinen, als komme dem Establishment die Nabelschau anlässlich des Osteraufstandes gerade recht. Nach dem brutalen Sparprogramm der vergangenen sieben Jahre wurde die große Koalition bei der jüngsten Wahl abgestraft. Im Parlament herrscht nun ein Patt – und Ratlosigkeit darüber, wer die Insel zukünftig regieren soll.

Statt über die Zukunft redet das offizielle Dublin dieser Tage also von Vergangenem, die Zeitungen sind voll von Artikeln rund um das Jubiläum, heute wird im Hauptpostamt ein neues „interaktives Besuchererlebnis“ eröffnet, in dem Touristen die Ereignisse vom April 1916 nachempfinden können. An vielen Bushaltestellen hängen Werbeplakate mit der eindringlichen Frage: „Wie werden Sie gedenken?“ Ob die Bewohner der grünen Insel aber überhaupt gedenken wollen? Und wenn ja, wie?

Zu besichtigen ist das Dilemma im Abbey-Theater, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Nationalisten, darunter auch der spätere Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats, gegründet wurde. Im Foyer wird liebevoll jener Ensemble-Mitglieder gedacht, die selbst zu den Waffen griffen oder den Aufstand anders unterstützten. Im vollbesetzten Saal aber wird „Der Pflug und die Sterne“ gespielt, die 1926 geschriebene Polemik des Dramatikers Sean O’Casey gegen die Heiligsprechung der Rebellen im damaligen Irland.

Während das Stück heute begeistert beklatscht wird, gab es bei der Uraufführung Tumulte: eine Prostituierte auf der Bühne! Angehende Revolutionäre beim Kneipensuff! Das Dubliner Prekariat bei Plünderungen! Das war zwar historische Wahrheit, aber unbequem fürs klerikale Bürgertum.
„Es ist O’Caseys Streit mit dem neuen Staat und dessen Verrat an den Idealen, für die Pflug und Sterne stehen“, glaubt Regisseur Sean Holmes. Das Ackergerät und die dazugehörigen Sterne zierten die Fahne der sozialistisch inspirierten Irischen Bürgerarmee (ICA), zu der O’Casey gehörte.
Deren Klassenkampf-Ideen gingen im romantisch-nationalistischen Aufstand verloren. Das britische Parlament hatte noch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs endlich die weitgehende Autonomie für Irland auf den Weg gebracht. Freilich wurde das Gesetz mit dem Einverständnis gemäßigter Nationalistenführer für die Dauer des Krieges auf Eis gelegt, nicht zuletzt wegen der heftigen Proteste der überwiegend protestantischen Region rund um die Industrie-Metropole Belfast. Während Zehntausende von Iren – Katholiken wie Protestanten gleichermaßen – freiwillig für das Empire kämpften, schmiedete ein Häuflein von Nationalromantikern wie Patrick Pearse, Britannien-Hassern wie Thomas Clarke und Sozialisten wie James Connolly Umsturzpläne.

Durch die Vermittlung des britischen Diplomaten Roger Casement baten sie den Kriegsgegner Deutschland um Hilfe. Statt kampferprobter Bataillone schickte das Kaiserreich aber nur ein Schiff mit veralteten Mauser-Gewehren los, das prompt an der britischen Navy hängenblieb. Casement konnte vor seiner Verhaftung noch eine Warnung an die Rebellen losschicken, weshalb deren nomineller Stabschef Eoin MacNeill per Zeitungsanzeige die geplanten „Manöver“ absagte. Doch dessen Verbündeten, allen voran Pearse, schien die Zeit für ein Blutopfer gekommen. Sie schlugen auch ohne Aussicht auf Erfolg los. Es kam, wie es kommen musste: Die kampferprobten Briten eroberten die Stadt mit Artillerieangriffen zurück; vom Hauptpostamt, dem Hauptquartier der Aufständischen, blieb wenig mehr als ein rauchender Trümmerhaufen. Die Sympathie der Dubliner mit den rund 1500 Kämpfern hielt sich in engen Grenzen, zumal weit mehr Zivilisten als Kämpfer ums Leben kamen. Die Zeitung „Irish Catholic“ beklagte, das Blutvergießen und der Sachschaden seien „kriminell und verrückt“.

15 Verschwörer erschossen

Doch dann begingen die Briten einen schweren Fehler: Sie behandelten die Aufständischen als Hochverräter. 15 Verschwörer wurden vors Kriegsgericht gestellt und erschossen, Casement Monate später erhängt. Die gleichen Dubliner, die die Rebellen nach deren Kapitulation beschimpft und bespuckt hatten, feierten sie nun, angefeuert von katholischen Bischöfen, als Märtyrer der gerechten Sache und als säkulare Heilige.

Dabei blieb es viele Jahrzehnte, schließlich bestand die erste Generation des Freistaats und der späteren Republik aus jenen Veteranen des Osteraufstands, die der britischen Vergeltung entkommen waren. Erst in den 1960er Jahren begannen seriöse Historiker mit der Aufarbeitung des aussichtslosen Aufstandes. Waren die Rebellen durch die Kooperation mit dem Kaiserreich nicht den irischen Truppen an der Front in den Rücken gefallen? Hätte ein wenig mehr Geduld die Teilung der Insel vermeiden können?

All diese Fragen haben Historiker ausführlich beschrieben, und sie werden auch jetzt wieder heftig diskutiert. Vielleicht spielt dabei eine Rolle, dass die derzeitige Politik viel mit der jüngsten irischen Geschichte zu tun hat. Das Patt im Parlament ließe sich rein rechnerisch leicht lösen: Die liberalkonservative Fine Gael („Familie der Iren“) müsste mit der nationalkonservativen Fianna Fáil („Soldaten der Vorsehung“) zusammengehen. Doch fürchten beide Parteien das Erstarken der linken Sinn Féin („Wir selbst“) unter dem Belfaster Ex-Terroristen Gerry Adams. Vor allem aber müssten sie über einen Schatten springen, der bis in den Bürgerkrieg von 1922 zurückreicht.

Damals bekriegten sich jene, die beim Osteraufstand sechs Jahre zuvor noch Seite an Seite gegen die britische Herrschaft gekämpft hatten. Diesmal ging es um einen Vertrag mit den einstigen Kolonialherren: Während die sechs Grafschaften im Norden der Insel bei der Krone verblieben, sollte in Dublin ein „Freistaat“ entstehen – nominell mit einem britischen Generalgouverneur, im Alltag aber weitgehend autonom. „Die Freiheit, nach endgültiger Freiheit zu streben“, nannten dies Pragmatiker wie der wenig später getötete Armeechef Michael Collins, während die Hardliner um Eamon de Valera Verrat an republikanischen Prinzipien witterten.

Der kurze und blutige Bürgerkrieg brachte den Sieg der Freistaatler, William Cosgrave führte eine Partei in die Regierung, die sich später Fine Gael nannte. Der kurzzeitig inhaftierte Eamon de Valera gründete Fianna Fáil, wurde 1932 Premier und dominierte fortan Irlands Politik bis zu seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt im Jahr 1973. In diese Zeit fiel die endgültige Emanzipation von Großbritannien, aber auch die weitgehende Auslieferung des Staates an die katholische Kirche.

Inzwischen ist das Scheidungsverbot gefallen, über Abtreibung wird wenigstens offen diskutiert, im vergangenen Jahr stimmten die Iren per Plebiszit der Homoehe zu. Inhaltlich gibt es zwischen den einstigen Bürgerkriegsparteien kaum noch Unterschiede. Und doch übertrumpfen sich die Politiker gegenseitig mit wortreichen Beteuerungen: Eine Koalition komme nicht infrage.

Nun also Osterfrieden mit Kranzniederlegungen und feierlichen Reden zu Ehren der Rebellen. Das Machtvakuum kann ein paar Tage warten, nächste Woche geht die Suche nach einem tragfähigen Kompromiss weiter. Und Paddy sammelt wieder für Irlands Arme, vor dem Hauptpostamt und anderswo.

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