Überdüngt durch die Ableitungen der Landwirtschaft, vergiftet durch die Abwässer der Industrie, verschmutzt durch unzureichende Kläranlagen, missbraucht als Abfallhalde für Giftgas und radioaktiven Müll, durchpflügt von immer größeren Tankern: Die Ostsee ist nicht nur das am stärksten befahrene Meer. Sie ist auch ökologisch verletzlicher als alle anderen Gewässer. Ein Sechstel des Seebodens ist nach Berechnungen des WWF bereits biologisch tot, und von den weltweit zehn größten Abschnitten mit sauerstofffreiem Meeresgrund befinden sich sieben hier.
Am Donnerstag war bekannt geworden, dass angeblich mit dem Wissen schwedischer Minister russische Militärs radioaktiven Abfall im Meer entsorgt haben sollen. Stockholm will die Vorfälle jetzt untersuchen, die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Freitag. Die russische Marine bezeichnete den Bericht des schwedischen Sender SVT als "völligen Unsinn".
Schon länger geplant ist ein Treffen der zehn Anrainerstaaten in der kommenden Woche in Helsinki. Diesmal steht dahinter eine private Initiative. Die Baltic Sea Action Group (BSAG) wurde von finnischen Geschäftsleuten gegründet. Die Staatschefs, Unternehmer und Forscher sollen sich auf konkrete Ziele verpflichten. "Wir wollen keine Fensterreden und keine wirkungslose Schlusserklärung", sagt Generalsekretärin Sara Kankaanrinta.
Die Zeit drängt. Zwar haben die Länder der Helsinki-Kommission (Helcom) die Ableitung von Giftstoffen seit den 80er Jahren halbiert und die Stickstoff- und Phosphoremissionen um 40 Prozent gesenkt. Doch in dem Binnenmeer dauert der Wasseraustausch 30 Jahre. Weitere Verminderungen der Phosphorableitungen um 42 und von Stickstoff um 18 Prozent sind laut Helcom unumgänglich.
Doch weitere Reduktionen sind mühsam. Jetzt ist vor allem die Landwirtschaft gefragt. Überdüngung trägt massiv zur Algenblüte bei. Die industrialisierten Betriebe - vor allem in Dänemark, Deutschland und Schweden - leiten die meisten Schadstoffe in die Ostsee. Die größte Bedrohung der Ostsee ist aber der Schiffsverkehr. Eine Öltankerhavarie in einem Wintersturm ist der GAU, vor dem allen Experten graut.
2000 Schiffe sind jederzeit auf den Meeresstraßen unterwegs, 15 Prozent der weltweiten Schiffsfracht wird über die Ostsee transportiert. Allein zwischen 2006 und 2008 nahm der Verkehr um 20 Prozent zu. Die Öltransporte spielen eine wachsende Rolle. 2000 wurden 1849 Fahrten von Öltankern registriert, 2007 waren es 4434. Bis 2015 rechnet Helcom mit einem weiteren Anstieg um 40 Prozent, und die Schiffe werden immer größer. 150.000 Tonnen Öl an Bord sind keine Seltenheit.
Gipfel ohne Spitzenpersonal
Stoff genug also für die Teilnehmer des BSAG-Gipfels am Mittwoch, doch die Teilnehmerliste weckt Zweifel. So sollen aus Finnland, Norwegen, Dänemark und Estland die Regierungschefs teilnehmen, Schwedens Delegation aber wird von König Carl Gustaf geleitet, der politisch machtlos ist. Aus Lettland und Litauen kommen die Präsidenten, aus Polen ein Vizepremier und Deutschland begnügt sich mit Agrarministerin Ilse Aigner (CSU).
Aus Russland indes will Premier Wladimir Putin anreisen. Doch er kommt mit seiner eigenen Agenda: Finnland ist das letzte Land, dessen Umweltbehörde noch grünes Licht für den Bau der Ostseegasleitung geben muss.
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