Peshawar. Vier Gestalten in lindgrünen Blusen und Hosen heben den Patienten auf dem Operationstisch an und drehen ihn zur Seite. Die leicht getönten Scheiben der Flügeltür des Zelts, in dem sich die Mediziner um den schwerverletzten Mann kümmern, mildern etwas das Bild der brutalen Verstümmelung des Opfers. Schemenhaft ist ein dicker weißer Verband an der Hüfte und der Stummel des rechten Oberschenkels zu sehen. Neugierig schaut der Mann, der bei einem der zahlreichen Bombenanschläge im pakistanischen Grenzgebiet nahe der Stadt Peshawar nur knapp dem Tod entging, den Medizinern zu.
"Wir arbeiten meistens mit lokaler Betäubung", sagt die Anästhesistin Andrea Reis aus Potsdam, die um die Mittagszeit das Zelt für eine kurze Pause verlässt. Sechs Operationen stehen an diesem Dienstag auf dem Arbeitsplan der 51-jährigen Medizinerin. Am frühen Morgen war sie dabei, als einem anderen Verletzten Dutzende von Glassplittern aus dem Gesicht entfernt wurden. Er hatte in der Nähe des Ortes Bannu am Steuer eines Autos gesessen, als sich ein Selbstmordattentäter nur wenige Meter entfernt in die Luft jagte. Der Mann verlor ein Auge, als sich die Frontscheibe unter der Druckwelle der Explosion in Tausende von Splittern auflöste, die wie kleine Geschosse durch das Wageninnere jagten. Der Patient wird überleben, aber für sein Leben gezeichnet bleiben.
"Die Leute erwarten von uns nicht so viel wie in Deutschland", sagt Reis, "sie sind dankbar für jede Hilfe, die wir leisten können." Oft genug bleibt nur eine Amputation, weil die Patienten auf den holprigen Lehmpisten im Grenzgebiet tagelang unterwegs waren - und mit entzündeten Wunden das Hospital des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Peshawars Stadtteil University Town erreichen. Manche kommen aus dem benachbarten Afghanistan; andere erwischte der Krieg zwischen dem pakistanischen Militär und den radikalislamischen Taliban-Milizen. Viele der Patienten sind schlicht unbeteiligte Opfer der vielen Bombenanschläge.
Mehr als 90 Betten stehen in den weißen Plastikzelten des Feldkrankenhauses, fast alle sind belegt. Meist geht es hier um die Nach- und Weiterbehandlung: "Wir haben eher selten mit akuten Notfällen zu tun", sagt Andrea Reis, "die werden meistens ins Lady Reading Hospital gebracht."
Das öffentliche Krankenhaus mit seiner verwaschenen weißen Fassade und weinroten Klinkern liegt mitten im Zentrum der Stadt. Wie Pockennarben stehen in der Umgebung leere, von Bomben zerstörte Gebäude. An einer Ecke hängt noch eine Reklametafel an verkohlten Außenwänden. Der Eingang zum Gebäude des Geheimdienstes ISI wird von einer großen, dunkelgrünen Plastikplane verdeckt, seit ein Attentäter sein mit 200 Kilo Sprengstoff beladenes Fahrzeug in die Absperrungen des grauen Büroblocks rammte.
Mehr als 1000 Menschen wurden seit Anfang Oktober in der Stadt bei Bombenanschlägen verletzt, rund 300 starben. Meist sind es unbeteiligte Zivilisten wie die 20-jährige Studentin Sanar. Sie war mit ihrem Bräutigam auf der Heimfahrt von der Universität, als ein Attentäter sich in die Luft sprengte. Ihr Vater durfte nicht einmal zur Beerdigung aus Saudi-Arabien nach Peshawar kommen, weil der Arbeitgeber ihm die Erlaubnis verweigerte.
Der Onkel der Studentin hockt nun am Abend in einem kleinen Laden voll gebrauchter TV-Geräte in der Altstadt. Das Gesicht ist bleich, er will eigentlich gar nichts sagen. "Woher soll ich wissen, wer der Attentäter war", sagt er und erhebt sich von seinem wackeligen Holzschemel. "Es tut mir leid", sagt der Onkel, "ich muss jetzt schließen."
Für den Mann gilt wohl, was der Klempner Ajmal Khan in aller
Deutlichkeit ausspricht. "Wir haben alle Angst", sagt der 31-jährige Mann, während er die eisernen Rollläden vor seinem kleinen Laden in einer Seitengasse des Qissa Kahwa Basars herunterlässt. Die Gegend mit den verschnörkelten Holzfassaden und vielen kleinen Teeläden erhielt ihren Namen von den Händlern aus Zentralasien, die vor Jahrhunderten Peshawar ansteuerten und die heute vier Millionen Einwohner zählende Metropole als "Stadt der Geschichtenerzähler" berühmt machten. Bei einer Tasse grünem Tee gaben die fahrenden Händler hier ihre Erlebnisse in ausgeschmückten und abenteuerlich klingenden Reisegeschichten zum Besten.
Aber die Zeiten sind vorbei. Den ganzen Tag über hockt Ajmal Khan im Laden, bei jedem lauten Geräusch zuckt der 31-jährige Mann zusammen. Er übernahm das Klempnergeschäft, nachdem im Dezember 2008 sein 28-jähriger Bruder Ibrahim von der Mauer einer Moschee erschlagen wurde. Sie war eingestürzt, nachdem ein Selbstmordattentäter sich auf dem Qissa Kahwa Basar in die Luft gesprengt hatte. Über 40 Menschen kamen ums Leben. Die Leiche von Ibrahim Khan wurde erst zwei Tage später unter Trümmern gefunden.
Jetzt treibt es seinen Bruder Ajmal mit Einbruch der Dunkelheit durch verstopfte Straßen nach Hause in die Din Bahar Colony. "Ich weiß, es ist gefährlich", sagt er, "aber wir müssen trotzdem unserer Routine folgen. Sonst müssten wir hungern." In der kleinen Kolonie mit schmalen Gassen, durch die kaum ein Auto passt, teilt er sich ein kleines Haus mit Ibrahims Witwe, ihrem zweijährigen Sohn Mohammed Sadiq, seinen drei Brüdern und dem 75- jährigen Vater Kala Khan. Fünf Fotos besitzt die Familie von dem toten Ibrahim. Wie Reliquien bewahrt sie Exemplare der Tageszeitungen auf, in denen über den Anschlag berichtet wurde. Fast jeden Tag bricht jemand aus der Sippe auf, um die Runde bei den Behörden zu machen. Die Provinzregierung hat jeder Familie eines Todesopfers die Summe von 100000 Rupien (rund 1000 Euro) versprochen - aber die Khans warten immer noch auf das Geld.
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