Herr Oberreuter, gerade ist die CSU eine Doppelspitze losgeworden, nun könnte es eine weitere geben - denn Horst Seehofer steht nur für eine Kandidatur als Ministerpräsident bereit, falls sich die Landtagsfraktion bis nächsten Mittwoch nicht auf einen Kandidaten einigen kann. Was halten Sie davon?
Die CSU führt sich momentan auf wie eine Chaostruppe. Vieles von dem, was bisher gelaufen ist und noch läuft, dürfte nicht rational gesteuert sein.
Inzwischen gibt es vier Kandidaten - das erinnert fast ein bisschen an Basisdemokratie wie einst bei den Grünen.
Es besteht die Gefahr, dass bei diesem absurden Vorgehen nur Namen verbrannt werden und am Ende alle bloß zweite Wahl sind. Schon eigenartig, wie verschwenderisch die Partei mit ihrem schmalen Personalreservoir umgeht.
Warum ist Seehofer so zurückhaltend?
Vielleicht will er sein Berliner Spielfeld nicht aufgeben, wer weiß. Dabei müsste ihm klar sein, dass er jetzt zugreifen muss.
Sie plädieren für eine Bündelung der Macht?
Ja, das wäre geboten, schon um aus dem Chaos herauszukommen. Doppelspitzen sind schwierig, weil es da zu enormen Kommunikationsproblemen kommen kann. In Bayern fehlte die Führungsklarheit, insofern wäre die Wiederkehr der Einfachspitze folgerichtig. Auch eine neue Doppelspitze auf Zeit, für den Übergang, wäre nicht wirklich sinnvoll.
Seehofer ist der Mann aus Berlin - könnte er als Person denn sowohl für die CSU-Landesgruppe im Bundestag als auch für die Landtagsfraktion in München stehen?
Die Landesgruppe hat sich von sich aus hinter Horst Seehofer gestellt, Teile der Landesgruppe haben gesagt, der Seehofer soll beides machen. Zwar lässt sich eigentlich der bayerische Ministerpräsident nicht von der Bundeshauptstadt aus bestimmen, daran ist damals auch Theo Waigel gescheitert. Der Versuch ging schief, weil die Landtagsfraktion Vorbehalte hatte. Aber die Lage ist heute anders als damals, die CSU ist in einer Situation von Chaos und Zusammenbruch. Auch Teile der Landtagsfraktion scheinen die Position zu beziehen, dass Seehofer ihr Retter sein könnte.
Wer hat Erwin Huber und Günther Beckstein gestürzt?
Sicher war die Kritik aus Oberbayern der auslösende Faktor, Zukunftsangst hat sich aber auch in anderen Bezirksverbänden breit gemacht. Die jüngsten Entwicklungen wären auch ohne die drohenden Europa- und Bundestagswahlen nicht zu erklären. Wohl haben auch CSU-Europapolitiker Anstöße dazu gegeben, die Führungsfrage Beckstein aufzuwerfen. Zwei Verbände, Schwaben und Niederbayern, werden von Europaabgeordneten geleitet.
Es grassiert die Angst vor weiteren Mandatsverlusten?
Ja. Man fürchtet den Rückfall der Partei in die Provinzialität, sieht die Gefahr, auf eine schiefe Ebene zu geraten von der Landtagswahl über die Europawahl bis zur Bundestagswahl.
Interview: Hans-Hermann Kotte
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