Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

21. September 2014

Parteien: Streit zwischen Sarrazin und SPD

Thilo Sarrazin (SPD) im Gespräch mit dem niedersächsischen AfD-Landesvorsitzenden Armin Paul Hampel.  Foto: dpa

Thilo Sarrazin und die SPD, das ist eine ziemlich schwierige Geschichte, spätestens seit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“. Nun ist er ausgerechnet bei einer AfD-Veranstaltung aufgetreten. Die SPD-Spitze fordert ihn zum Austritt auf, Sarrazin kontert süffisant.

Drucken per Mail
Bad Iburg/Berlin –  

74 Euro sind für den Abend zu berappen, als Speisen werden unter anderem Hirschkeule in Hagebuttensauce und Landschwein-Filet an einer Cognac-Rahmsauce angeboten. Zum Empfang im „Gasthof zum Freden“ gibt es deutschen Secco. Begrüßung durch den niedersächsischen Landeschef der Alternative für Deutschland (AfD), Armin Paul Hampel, vielen Fernsehzuschauern noch als Südasienkorrespondent der ARD bekannt. Dann hat der Hauptgast das Wort. Ein prominenter SPD-Politiker, der bei der Parteispitze in Berlin in Ungnade gefallen ist. Doch bisher wird sie ihn nicht los.

Rund 50 Zuhörer hat Thilo Sarrazin an diesem Abend in Bad Iburg, einem kleinen Kurort in der Nähe von Osnabrück. Manche sitzen im Anzug da, manche sind leger gekleidet, von Ende 30 bis ins Rentenalter. Der im Plauderton vorgetragene Gedankengang des umstrittenen früheren Berliner Finanzsenators und Vorstandsmitglieds der Deutschen Bank findet freundlichen Applaus.

Offiziell geht es um sein neues Buch „Der neue Tugendterror“. Aber der Auftritt bei der rechtskonservativen Partei sorgt in Berlin für Ärger. Generalsekretärin Yasmin Fahimi fordert Sarrazin zum Parteiaustritt auf: „Die SPD kommt gut ohne ihn aus.“

Am Samstag kamen 200 Delegierte zu einem Parteikonvent der SPD in Berlin. Der Erfolg der AfD in Ostdeutschland – in Sachsen und Thüringen lag die SPD mit jeweils 12,4 Prozent nur knapp vor der AfD – irritiert die Sozialdemokraten. Zumal die AfD mit oft recht einfachen Antworten auf komplexe Fragen auch im SPD-Milieu erfolgreich wildern konnte.

Mit seinen Thesen zur „Überfremdung“ im Buch „Deutschland schafft sich ab“ trifft Sarrazin sicher das Gefühl vieler AfD-Mitglieder. Die SPD sucht noch ihre Strategie zum Umgang mit der AfD. Ist es der richtige Weg, wenn Fahimi die Partei pauschal als „braune Suppe“ verteufelt? Und wenn sie reflexhaft Sarrazin den Austritt nahelegt? SPD-Chef Sigmar Gabriel will sich erstmal nicht äußern zum AfD-Ausflug des ungeliebten Genossen.

Sicher geht es auch um ein Vermarktungsinteresse wegen des neuen Buches. Sarrazin sagt in Bad Iburg: Die AfD habe nur dann eine Zukunft, wenn sie sich nach rechts abgrenze. „Aus meiner Sicht wird die Frage, ob die AfD dauerhaft eine Chance hat, auch an dieser Frage mitentschieden.“ Gleiches sagt übrigens auch der renommierte Politologe Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin. Weil sie nur dann für konservative Bürger und frühere CDU-Anhänger wählbar bleibe.

Sarrazin nimmt auch hier beim Iburger Salon kein Blatt vor den Mund. Einige AfD-Landesverbände hätten ein „Chaotenproblem“. Trotz der freundlichen Aufnahme beim AfD-Publikum sieht sich Sarrazin aber nach wie vor als SPD-Mitglied. „Wären wir auf einer FDP-Veranstaltung gewesen, hätte es da auch viele Berührungspunkte gegeben, bei einer CDU-Veranstaltung auch“, sagt der 69-jährige „Querdenker“.

Und dann kommt ein kleiner Seitenhieb. Vor wenigen Monaten erst habe er die von Parteichef Sigmar Gabriel unterzeichnete Ehrenurkunde für 40 Jahre Mitgliedschaft in der SPD erhalten, erzählt er. Gabriel war es, der ihn unbedingt aus der Partei haben wollte. 2011 hatte die SPD ein Parteiausschlussverfahren angestrengt, das aber eingestellt werden musste.

Der heutige Vizekanzler Gabriel meinte zu den Folgen solcher Debatten mal sibyllinisch: „In einer Gesellschaft, in der der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“

Auch jetzt lässt das Willy-Brandt-Haus ausrichten, dass ein Rauswurf wegen der strengen Regularien kaum möglich sei. Sarrazin scheint bisher jedenfalls nicht ein neues Zugpferd der AfD werden zu wollen. Am Rande des Abends in Bad Iburg sagt er, er habe Kritiker in der SPD, aber eben auch Fürsprecher: Peer Steinbrück, Klaus von Dohnanyi oder Helmut Schmidt nennt er. Und ergänzt dann süffisant: „Ich empfände es als unsolidarisch, die Partei zu verlassen.“ (dpa)

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Atomwaffen

Worte der Hoffnung

Von  |
Obama: „Aber wir müssen auch den Mut haben, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt anstreben ohne Atomwaffen.“

Barack Obama spricht erneut von einer Welt ohne Atomwaffen. Er weckt damit Erwartungen, die er selbst nicht erfüllen kann. Doch sein Traum könnte ein Ziel für die Menschheit sein. Mehr...

Israel

Netanjahu auf Kollisionskurs

Benjamin Netanjahu hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann.

Israels Regierungschef hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann. Schlechte Aussichten für einen Siedlungsstopp.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung