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15. September 2014

Parteitag die Partei: Willkommen in Dings

 Von 
Europa-Abgeordneter und Vorsitzender der Partei "Die Partei", Martin Sonneborn, spricht auf einer Wahlkampfveranstaltung.  Foto: imago stock&people

Vor zehn Jahren gründete Martin Sonneborn mit Kollegen des Satiremagazins „Titanic“ die Partei „Die PARTEI“. Die macht aber nicht nur Spaß. Ein Besuch beim „BundesPARTEItag“ in Cottbus.

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Plötzlich ist er da und steht im Sand. Der „Chefsatiriker“ und Bundesvorsitzender der Partei „Die PARTEI“, Martin Sonneborn, ist zum großen „Jubiläumsspektakel“ nach Cottbus gekommen. Um das zehnjährige Bestehen der Satire-Partei zu feiern, haben seine Genossen das „Prima-Wetter“, ein subkulturelles Veranstaltungszentrum im Norden der Stadt, angemietet. Gleichzeitig halten sie hier, in der Sonderbewirtschaftungszone (SBZ), wie sie Ostdeutschland nennen, erstmals auch ihren „BundesPARTEItag“ ab. Den fünften mittlerweile. Als wäre das der Spinnereien nicht schon genug, wollen die etwa 300 erschienenen Mitglieder am Sonntag den Wahlsieg ihres Cottbuser OB-Kandidaten Lars Krause feiern. Mit dem Slogan „Krause wählen fetzt und bringt Anerkennung in der Gruppe“, geht die Partei ins Rennen.

Nun also steht Sonneborn im Sandkasten vor dem „Prima-Wetter“. Das heruntergekommene Gebäude mit einem Haupt- und zwei Seitenflügeln beherbergte früher einmal das Haus der Armee. Heute wird hier auf Liegestühlen, gebastelt aus Europaletten, und unter weißen Bettlaken Fußball geschaut, Bier getrunken und gegrillt.

Sonneborn trägt schwarze Sicherheitsschuhe, den für Partei-Mitglieder obligatorischen 49-Euro-Anzug von C&A und eine rote Krawatte. Es sieht aus, als wäre die Karikatur eines SED-Funktionärs herabgestiegen, um die endgültige Teilung Deutschlands, die in Abwandlung eines Axel-Springer-Zitats im „Titanic“-Impressum gefordert wird, zu verkünden. Zur Durchsetzung dieses Programmpunktes gründete die Redaktion des Satiremagazins im August 2004 „Die Partei“. Sonneborns Schuhe, sie müssen schwer wiegen, verschwinden beinahe zwischen den Kieselkrümeln. Die dunkelblonde Locke auf der hohen Stirn und die kindlich-klaren blauen Augen geben seinem Gesicht trotz tiefer Augenringe unter den Schlupflidern einen jugendlichen Touch.

Ja zu Europa, nein zu Europa

An der Eingangstür des „PARTEItagsgebäudes“ hängt das Plakat, mit dem der heutige EU-Parlamentarier in den Europawahlkampf zog. Über dem Schriftzug: „Ja zu Europa, nein zu Europa“ ist Sonneborns Konterfei zu sehen. Mit schwarzen Strichen haben die Grafiker seinem Gesicht ein paar Bartstoppeln, Schnauzer, Koteletten und eine Zahnlücke hinzugefügt. Es ist seltsam, aber auf diesem Bild sieht Sonneborn noch jünger aus. Mit roten Wangen und glänzender Nasenspitze lächelt er den Betrachter aus glasigen Augen an. Hier kommt der kleine Junge in dem fast 50-jährigen, gebürtigen Niedersachsen zum Vorschein. Sonneborn hätte das Zeug zum Schwiegermutter-Liebling. Vielleicht ist er das sogar.

Dabei hat er sehr viele Menschen so skrupellos wie sonst kaum jemand hinters Licht geführt. Unzählige Politiker sind ihm auf den Leim gegangen. Ein Landtagsabgeordneter der DVU aus Sachsen-Anhalt trat kurz nach seiner Wahl 1998 zurück, weil Sonneborn ihn im Namen des DVU-Parteichefs anrief und einen Fackelmarsch mit anschließender Bücherverbrennung befahl. Wie der Abgeordnete hinterher erzählte, sei ihm durch diesen Anruf klar geworden, dass er sich in einer rechtsradikalen Partei befinde. Kurz darauf gab er sein Mandat zurück. Der Vorsitzende des FDP-Kreisverbandes Eisenach verlor 2002 sein Amt, weil er sich mit Sonneborn vor fingierten Plakaten der Liberalen ablichten ließ, nachdem Sonneborn ihn als FDP-Mitglied angerufen hatte. Auf den Plakaten stand „Judenfrei und Spaß dabei“.

„Solche Sachen können wir gar nicht mehr machen, seitdem Martin nicht mehr in der Redaktion ist. Nur er konnte solche Telefon-Aktionen“, sagt „Titanic“-Redakteurin Martina Werner, die auch im Bundesvorstand der PARTEI ist, über ihren ehemaligen Chefredakteur. Sie selbst habe zu viele Hemmungen und denke dann: „Das kann man doch nicht machen.“

Sonneborn verteilt Fünf-Euro Scheine

Kaum ist Sonneborn aufgetaucht, umringen ihn seine Jünger. Manche strecken ihm etwas entgegen, ein Buch oder eine Postkarte, damit ihr Vorbild darauf unterschreibt. Sonneborn fragt dann: „Wie heißt du?“ – „Meier, Gerd Meier“, kommt die schüchterne Antwort von einem Mittdreißiger mit schulterlangen schwarzen Haaren, Bart und Nickelbrille. Regelrechte Delegationen treten vor, um mit Sonneborn zu sprechen. „Kreisverband Mönchengladbach“, sagt Christian Rondholz, ein blasser junger Mann mit Seitenscheitel und hervortretenden Augen. Er ist gemeinsam mit Ulas Sazi Zabci und Christian Ibels gekommen. Zabci wurde am 25. Mai in den Stadtrat von Mönchengladbach gewählt. Auf den Plakaten des Spitzenkandidaten stand: „Quotentürke für Mönchengladbach und Rheydt“. Sonneborn begrüßt die drei mit einem freudigen „Ahhh!“ und drückt ihnen einen Fünf-Euro-Schein in die Hand.

Sonneborn wäre nicht Sonneborn, wenn er sich nicht auf derlei Situationen vorbereiten würde. In seiner linken Jackett-Tasche trägt er ein Bündel Fünf-Euro-Noten mit sich herum. Jeder, der vorspricht, bekommt einen Schein in die Hand gedrückt. Sonneborn hat zuvor mit schwarzem Edding darauf unterschrieben. „Unterschreibst du auch Zehn-Euro-Scheine?“, will einer wissen. „Wenn du einen hast.“ Das sei schließlich alles EU-Geld, lässt Sonneborn wissen.

Und dann geht es los. „Ich freue mich, diese Masse von völlig fertigen Menschen hier in Dings, dem Bottrop des Ostens, zu begrüßen, und erkläre den fünften BundesPARTEItag hiermit für eröffnet“, ruft Sonneborn in den Saal. Die gut 300 Plätze im größten Raum des „Prima-Wetter“ sind fast komplett besetzt. Obwohl sie beinahe alle, auch Frauen, die Partei-Einheitskleidung – den mausgrauen C&A-Anzug – tragen, sind viele bunte Vögel unter den Mitgliedern. Ihren Parteivorsitzenden nennen sie GröVaZ (Größter Vorsitzende aller Zeiten). Eine Frau trägt eine an der Seite aufgerissene Jeans zu ihrer himbeerroten Frisur. Ein Mann mit verklebten Haaren und ärmellosem T-Shirt wirft Papierflieger in die Luft.

In einer der ersten Reihen sitzt ein großer stattlicher Mann mit dichten braunen Locken und langem Rauschebart. In breitestem Fränkisch verlangt er immer wieder nach Freibier. Das wiederum mag damit zusammenhängen, dass Sonneborn unmittelbar nach seinem Eröffnungsspruch, eine „vollkommen getrennte Veranstaltung“ ankündigt. Unter dem Titel „Trinker fragen – Europapolitiker antworten“ will er später von seiner bisherigen Arbeit in Brüssel berichten. Als er hinzufügt, dass die Europäische Union die Veranstaltung mit 3000 Euro für Freibier unterstütze, brandet Jubel auf. Der fränkische Bär stimmt „Europa, Europa“ an, der Saal fällt in den Chor ein. Sonneborn freut sich: „Ich dachte erst, der Jubel gilt dem Freibier.“

Freibier von der EU

Besonders begrüßt werden die acht „Turbo-Politiker“, die neben Sonneborn ein politisches Mandat innehaben. Der erste, der ein solches errang, ist Bastian Langbehn aus Lübeck. Mit seinen Versprechen, eine U-Bahn zu bauen und Lübeck zur Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins zu machen, gewann er bei den Lübecker Kommunalwahlen im vergangenen Sommer 831 Stimmen. Nicht zuletzt, weil die Wahlbeteiligung nur bei mauen 37 Prozent lag, sitzt Langbehn seitdem in der Bürgerschaft. Mit seinem breiten Gesicht, dem rot-blonden Bart und dem warmen Lächeln, dass er immer im Gesicht trägt, sieht er aus wie die Inkarnation eines Seebären. Logisch, dass er im Wahlkampf den Spruch „Echter Pirat mit echtem Bart“ plakatierte.

Megafon und Merchandise der Partei "Die Partei".  Foto: imago stock&people

Fragt man Langbehn zu seinen Erfahrungen aus mehr als zwölf Monaten parlamentarischer Arbeit, erzählt er, dass er schockiert darüber sei, wie willkürlich die Parlamentarier Entscheidungen fällten. „Da wird ewig lang über eine neue Schultoilette debattiert, aber 250 000 Euro für ein x-beliebiges neues Gebäude sind schnell vergeben.“ Saubere Schultoiletten hatte Langbehn selbst im Wahlkampf gefordert. Bevor er der Partei beitrat, sei er nicht politisch aktiv gewesen, sagt der Einzelhandelskaufmann. Ihn habe einfach gestört, wie schlecht die etablierten Parteien seine Stadt regierten. Erstaunlich unlustig klingt das alles. Hier steht jemand, den die Mitgliedschaft bei einem Satire-Projekt ernsthaft politisiert hat. Er versuche sich mit den anderen Kleinst-Fraktionen zusammenzutun und so bessere Entscheidungen zu fällen, sagt Langbehn.

Michael Heepen aus Krefeld klingt ganz ähnlich. Gemeinsam mit Richard Jansen bildet er die Zwei-Mann-Piraten-Partei-Fraktion im Krefelder Rathaus. „Wir sind die Speerspitze gegen Politikverdrossenheit“, sagt Heepen. Am meisten habe ihn schockiert, dass „wir nicht die Ahnungslosesten sind“. Klar, sie beide seien Rookies, also Neulinge. „Weil aber weder das Lager um die SPD, noch das um die CDU eine Mehrheit hat, sind wir zwei immer das Zünglein an der Waage.“ So würden sie von den anderen sehr umworben. „Vor allem die SPD lädt uns oft zum Essen ein“, sagt Heepen, und das ist sein einziger provokativer Spruch, von denen man doch so viele erwartet hat. Der Rest klingt sehr nüchtern. „Krefeld wurde jahrzehntelang miserabel regiert, das können wir gar nicht unterbieten“, lautet Heepens Fazit. Dennoch sei er froh, wenn die Partei nicht mehr nötig sei.

14 000 "PARTEI"-Mitglieder

Was ist das hier also? Die Zusammenkunft einer „Gaga-Truppe“ wie die Partei vor allem vom Boulevard regelmäßig genannt wird, oder eine weitere Splitterprotestpartei, die von der viel besungenen Politikverdrossenheit der Leute profitiert?

Gewiss erscheint, dass sich Sonneborn selbst widerlegt hat. In seiner Magisterarbeit zu den „Wirkungsmöglichkeiten von Satire“ stellte er die These auf, dass Satire keine Folgen haben könne. Damit, dass die Partei mittlerweile knapp 14 000 Mitglieder hat, gut 20 Prozent von ihnen Frauen sind und in insgesamt neun Parlamente eingezogen ist, einschließlich EU-Parlament, scheint dieser Satz entkräftet. Welche Folgen haben aber die Wahlerfolge?

Sonneborn verkündet, er wird demnächst zum ersten Mal im EU-Parlament abstimmen müssen und werde abwechselnd mit Ja und Nein votieren. Außerdem will er sich in einem EU-Ausschuss „für die Verständigung auf der koreanischen Halbinsel“ einsetzen. Denn damit, dass bei einer Vereinigung zweier Landesteile der eine den anderen über den Tisch ziehe, habe er als Deutscher ja seine Erfahrungen. Es sind Witze wie dieser, die den Kaiser plötzlich nackt erscheinen lassen.

Die Meinungen darüber, wie es mit der Partei weitergehen wird, gehen im Bundesvorstand allerdings auseinander. Die überlegt sprechende „Titanic“-Redakteurin Werner glaubt, dass man jetzt den Höhepunkt des Erfolgs erreicht habe. „Ich glaube nicht, dass wir bei der nächsten Europawahl noch einmal einen Sitz bekommen werden.“ Der ehemalige „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer sagt: „Das kann ich so nicht unterschreiben.“ Fischer, der immer wenn ihm eine gute Idee gekommen ist, das Kinn nach vorne schiebt und bübisch kichert und den der Geschäftsführer des „Titanic“-Verlags einen „Ober-intellektuellen“ nennt, glaubt, dass es mit der Partei weitergehen wird. „Es kommen im Moment so viele neue Leute, das ist unglaublich“. Vor einem Jahr habe die PARTEI noch knapp 10 000 Mitglieder gehabt. Jetzt seien es schon 4000 mehr.

Abends am Tresen in einem Cottbuser Club, wo die Partei ihr Zehnjähriges feiert: Ein CDU-Mann aus Cottbus erzählt einem Partei-Mann aus Bad Camberg, dass er es ja ganz witzig finde, was „ihr da so macht“. Es bedrücke ihn aber, dass die großen Volksparteien junge Leute offensichtlich kaum noch erreichten. Der Partei-Mann entgegnet, dass die Partei die junge Leute doch erst politisiere und erreiche, dass sie sich für die Arbeit der Parteien interessierten. „So habe ich das noch nie gesehen“, sagt der CDU-Mann nachdenklich und leert sein Schnapsglas. OB-Kandidat Krause hat zwölf Prozent geholt.

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